+
Mit Haschisch fing es an: Später konsumierte Reiner M. täglich harte Drogen wie Ecstasy und LSD. Erst in der Fachklinik am Böddiger Berg gelang ihm der Ausstieg aus der Sucht. 

Er wollte ein neues Leben

20 Jahre Drogensucht: Reiner M. gelang in der Fachklinik Böddiger Berg der Ausstieg

Etwa 100 Drogenabhängige werden jedes Jahr in der Fachklinik Böddiger Berg aufgenommen. Einer von ihnen war Reiner M. Der 44-Jährige konnte die Klinik inzwischen verlassen. Wir sprachen mit ihm über seine Geschichte. 

20 Jahre Drogensucht liegen hinter Reiner M. (Name von der Redaktion geändert). In der Fachklinik am Böddiger Berg im Schwalm-Eder-Kreis hat er es geschafft, von den Drogen loszukommen. Der 44-Jährige, der zuletzt in Kassel lebte, ist nach dem Klinikaufenthalt mit anderen ehemaligen Suchtkranken in eine Wohngruppe in Melsungen gezogen.

Der Weg in die Sucht

Reiner M. hatte keine einfache Kindheit. Der gebürtige Marburger ist ein Scheidungskind, lebte bei seinem Vater, zu dem er aber kein gutes Verhältnis hatte. „Mit 13 bin ich freiwillig ins Heim gegangen.“ Als Jugendlicher geriet er in die Techno-Szene und damit auch an Drogen. „Mit 15 habe ich Hasch geraucht, mit 19 habe ich mit härteren Sachen weitergemacht.“ Er nahm täglich Ecstasy und LSD. „Man ist auf Drogen kontaktfreudiger, alles ist toll“, erinnert sich der 44-Jährige. Erst später fand er heraus, dass er schon damals an Depressionen litt. „Drogen waren für mich wie Medizin, die mir half, aus dem Loch rauszukommen.“

Der Wendepunkt

Einen geregelten Alltag, ein Berufsleben – so etwas kannte Reiner M. nicht. Die Drogen finanzierte er sich durch Kriminalität: „Drogenhandel, Diebstahl, alles Mögliche“, schildert er. So landete er auch immer wieder im Gefängnis: Insgesamt habe er elf Jahre in Haft verbracht, sagt der 44-Jährige.

Dort kam der Wendepunkt. „Ich habe nicht mehr gelebt, nur noch vor mich hin vegetiert“, erzählt Reiner M. „Eine Therapie zu machen, war mein größter Wunsch. Ich hatte die Schnauze voll von diesem Leben.“ 2016 ließ er sich aus der Justizvollzugsanstalt Kassel in die Fachklinik am Böddiger Berg einweisen.

Zum Thema: 
Vom Höhenflug zum tiefen Abgrund: Drei Suchtkranke erzählen ihre Geschichte
Leben als Junkie auf der Straße - Thomas G. hat "schon alles durch"
20 Jahre "Trainspotting": So hat ein Kasseler seine Heroinsucht überlebt

Die Therapie

Zehn Monate verbrachte Reiner M. am Böddiger Berg. Körperliche Entzugserscheinungen hatte er nicht. Aber sein Kurzzeitgedächtnis war gestört: „Wie Löcher im Kopf“, beschreibt er das.

An den Böddiger Berg zu gehen, sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. „Was mir gut gefallen hat, war der familiäre Umgangston“, sagt Reiner M. In der Klinik gibt es eine geregelte Tagesstruktur mit gemeinsamen Mahlzeiten, Gruppen- und Einzelgesprächen, Arbeitstherapie, aber auch Sport und Ausflügen. „Das habe ich gebraucht“, sagt Reiner M. Anfangs sei ihm die Therapie schwergefallen, räumt er ein. „Man sitzt mit elf Leuten in einer Gruppe und soll etwas über sein Leben preisgeben. Aber da muss man durch.“

Die Zukunft

„Ich habe keine großen Wünsche. Ich möchte einfach ein normales Leben genießen“, sagt Reiner M. In der Wohngruppe fühlt er sich wohl. Trotzdem will er sich eine eigene Wohnung suchen. Einen Arbeitsplatz hat er schon: „Ich mache Möbelmontage und -auslieferung, das macht mir sehr viel Spaß.“ Er macht weiterhin ambulant eine Therapie. Die Angst vor einem Rückfall sei zwar immer da. „Aber bei mir ist so viel Positives passiert. Ich bin auf einem guten Weg.“

Drogenhilfe in Zahlen: 20 Standorte in der Region

Die Aufgaben der Drogenhilfe Nordhessen reichen von Beratung, Betreuung und Unterstützung, Therapie und Nachsorge bis hin zu Präventionsangeboten für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien.

30 Projekte an 20 Standorten umfasst das Angebot der Drogenhilfe Nordhessen heute.

170 festangestellte Mitarbeiter hat die Drogenhilfe Nordhessen. Angefangen hat das Unternehmen vor 35 Jahren mit zwei Festangestellten.

800 Menschen werden jedes Jahr allein in der Beratungsstelle für den Stadt- und Landkreis Kassel betreut. Diese ist nicht nur Anlaufstelle für Abhängige, sondern zum Beispiel auch für deren Angehörige, Lehrer und Ausbilder.

3000 Menschen in Nordhessen nehmen jedes Jahr Angebote der Drogenhilfe wahr – noch nicht mitgerechnet sind dabei Präventionsangebote.

30.000 drogenfreie Tage jedes Jahr – das ist die Bilanz der Fachklinik Böddiger Berg. Als drogenfreier Tag gilt dabei jeder Tag eines Suchtmittelabhängigen ohne Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität. 

Für Süchtige ist selten Geld da

Vom Baby, dessen Mutter in der Schwangerschaft Drogen genommen hat, bis zum abhängigen Greis, der in keinem Altenheim einen Platz finden würde: Die Drogenhilfe Nordhessen ist für alle Altersgruppen da. Und das seit mittlerweile 35 Jahren.

Als die Drogenhilfe 1982 gegründet wurde, ging niemand davon aus, dass es die Einrichtung heute noch geben würde. „Damals dachte man, dass Drogenabhängigkeit ein temporäres Problem ist und die Drogenhilfe irgendwann nicht mehr gebraucht wird“, sagt Ralf Bartholmai, der seit 2008 zusammen mit Angela Waldschmidt Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen ist. „Aber zu unserem Bedauern werden wir wohl auch in den kommenden 35 Jahren noch gebraucht.“

Sie sind seit 2008 Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen: Ralf Bartholmai und Angela Waldschmidt, hier vor dem Gebäude der Fachklinik Böddiger Berg.

Doch die Finanzierung der Drogenhilfe sei leider nicht so gesichert wie der Bedarf. Der Wegfall von Fördergeld hat beispielsweise dazu geführt, dass die Drogenhilfe nach und nach ihre Ausbildungsstätten schließen musste.

Entscheidend bei der Arbeit mit Drogenabhängigen sei, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sich jemand um sie kümmert und sich Zeit für sie nimmt. „Wir sind mehr als ein Apparat. Wir kümmern uns um die Leute über den finanzierten Rahmen hinaus“, sagt Bartholmai.

Er betont, dass die Drogenhilfe ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sei. „Wir haben viele qualifizierte Arbeitsplätze nach Nordhessen gebracht.“

Generell profitiere die Gesellschaft auch finanziell von der Arbeit der Drogenhilfe. Denn jeder Drogenabhängige verursache täglich Kosten von mehreren hundert Euro – beispielsweise durch Beschaffungskriminalität. Kosten, die wegfielen, wenn der Betroffene die Sucht besiege und in die Gesellschaft integriert werde.

Gewinne darf die Drogenhilfe nicht machen. „Unter optimalen Bedingungen kommt am Ende eine Null raus. Läuft es nicht so optimal, gibt es ein Defizit“, sagt Bartholmai. Zeitweise hätten alle Mitarbeiter auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet, um ihre Arbeitsplätze zu erhalten.

Die Drogenhilfe wird über Pflegesätze finanziert. Das allein aber reicht nicht aus. Um ihre Angebote aufrechterhalten zu können, ist die Einrichtung auch auf Spenden angewiesen. Doch Drogenabhängige würden oft nicht als spendenwürdig betrachtet. „Unsere Zielgruppe ist für viele nicht besonders attraktiv. Mit Drogenabhängigen kann man nicht gut Wahlkampf machen“, sagt Angela Waldschmidt.

Solidarität fehlt

In der Gesellschaft herrsche der Grundgedanke vor, dass Suchtkranke nicht krank, sondern selber schuld seien. Es gebe kaum Solidarität mit Drogenabhängigen. „Wir treten für unsere Klienten ein, weil sie keine Stimme, keine Lobby haben.“

Nicht nur ums Geld, auch um die Akzeptanz für ihre Tätigkeit muss die Drogenhilfe oft kämpfen. „An unseren Standorten waren wir fast immer gezwungen, Gebäude zu kaufen. Die meisten Vermieter wollen keine Drogenabhängigen in ihren Räumen haben“, erklärt Waldschmidt.

Andererseits pflege man mit den Menschen in der Region eine gute Nachbarschaft. „Die Leute begegnen uns mit einem hohen Maß an Toleranz.“

Hintergrund: Angebote der Drogenhilfe

Die Drogenhilfe ist in ganz Nordhessen aktiv: So richtet sich beispielsweise die Sozialpädagogische Familienhilfe-Sucht an Familien in allen nordhessischen Landkreisen. 

Weitere Angebote im Überblick:

  • Beratung für Unternehmen und Organisationen
  • Betreutes Wohnen in Kassel, Schwalm-Eder-Kreis und Kreis Hersfeld-Rotenburg
  • Drogenberatungsstelle im Landkreis Kassel
  • Einzelfallhilfen für junge Arbeitslose in Rotenburg
  • Eltern-Kind-Nachsorge
  • Hilfe für Inhaftierte
  • Fachklinik, Fachambulanz und stationäre Jugendhilfe Böddiger Berg
  • Fachstellen für Suchtprävention in Stadt und Landkreis Kassel
  • Frühintervention für abhängige Schwangere
  • Jugend- und Suchtberatung
  • Kontaktladen in Kassel
  • Mobile Drogenberatung und Prävention im Landkreis Kassel
  • Notschlafstelle in Kassel
  • Schuldner- und Insolvenzberatung
  • Stationäre Jugendhilfeeinrichtung in Wolfhagen
  • Straßenarbeit in Kassel
  • Strichpunkt (Anlaufstelle für drogenabhängige Prostituierte) in Kassel
  • Substitutionsfachambulanzen in Kassel
  • Tragehilfen-Verleih

Autor

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, zweimal pro Monat.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.