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So viel hat sich gar nicht geändert: Ein modernes Fixie (links) und Erfinder Karl Drais (1817) mit seiner Laufmaschine.

1817 setzte sich der Erfinder Karl Drais erstmals auf den Vorläufer des Fahrrads

Darum ist das Fahrrad auch nach 200 Jahren immer noch die abgefahrenste Erfindung der Welt

Vor 200 Jahren erfand Karl Drais das Fahrrad, für das es in der Natur kein Vorbild gibt. Heute steht die nächste Revolution bevor: Das Rad könnte die urbanisierte Welt vor dem Verkehrskollaps retten.

Drei Jahre lang erlebte der Orthopäde Olaf Gühne jeden Morgen vor der Arbeit ein kleines Abenteuer. Von seinem Wohnort Witzenhausen fuhr der Familienvater mit dem Rennrad 40 Kilometer zur Arbeit ans Kasseler Klinikum. Bei Sonne, Wind, Regen und selbst Schnee passierte er den knapp 450 Meter hoch gelegenen Umschwang-Pass im Kaufunger Wald. Abends ging es wieder zurück. Von 2006 bis 2009 war das Alltag für Gühne.

Karl Drais wäre stolz auf ihn gewesen. Vor 200 Jahren erfand der deutsche Förster den Vorläufer des modernen Fahrrads. Aus seiner Idee wurde eine beispiellose Erfolgsgeschichte, die noch lange nicht zu Ende ist.

Die Erfindung

„Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.“
Autobauer Adam Opel

Am 12. Juni 1817 ging Drais, der als Reichsfreiherr von Sauerbronn 1785 in Karlsruhe geboren worden war, in die Geschichte ein. Mit seiner Laufmaschine legte er die Strecke zwischen dem Mannheimer Schloss und der kurfürstlichen Sommerresidenz in Schwetzingen zurück. Für die 12,8 Kilometer benötigte er eine knappe Stunde. Die Postkutsche brauchte vier Mal so lang.

Die Draisine hatte keine Tretkurbel und musste mit den Füßen angeschoben werden. Trotzdem nahm sie das Prinzip des Fahrrads vorweg. Beide Reifen waren mit 27 Zoll so groß wie heute. Vor allem aber verblüffte Drais seine Zeitgenossen, die oft unter „Balancierangst“ litten, mit der Erkenntnis, dass man sich auf zwei hintereinander angeordneten Rädern fortbewegen kann, ohne umzufallen. Er hatte sich vom Schlittschuhlaufen inspirieren lassen. In der Natur gab es dafür kein Vorbild. „Eine geniale Methode“, findet der Mediziner Gühne, denn: „Radfahren kann praktisch jeder.“

Die Entwicklung

Drais’ Erfindung war auch eine Antwort auf die damals im Badischen herrschende Hungersnot. Das Rad sollte Pferde ersetzen, für die das Futter fehlte. Allerdings waren auch Weiterentwicklungen wie das 1870 vorgestellte Hochrad (600 Reichsmark) viel zu teuer. Zum sozialen Hoffnungsträger wurde das Rad erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Hälfte aller Räder den Arbeitern gehörte, die es sich schon für 28 Reichsmark leisten konnten.

Orthopäde Olaf Gühne aus Witzenhausen beim Mountainbiking in Südtirol

Die nächste Revolution

Wenn der Orthopäde Gühne (57) heute von Witzenhausen in seine Praxis nach Hessisch Lichtenau radelt, was er nur noch einmal in der Woche schafft, ist er meist der Einzige auf einem Velo. Das Auto, das erst durch die Erfindung des Fahrrads möglich wurde, ist längst der Menschen liebstes Fortbewegungsmittel.

Aber das Rad wird wiederentdeckt. Es ist nicht mehr nur Fortbewegungsmittel und Sportgerät, sondern längst auch ein schickes Mode-Statement. Popstar David Byrne (Talking Heads), der schon in den 80er-Jahren mit seinem Rad in New York von Club zu Club radelte und damals blöd angeguckt wurde, stellt in seinem Buch „Bicycle Diaries“ fest: „Viele junge Leute finden Radeln offenbar nicht mehr uncool.“

Radfahren ist nicht nur cool, sondern könnte sogar die urbanisierte Welt vor dem Verkehrsinfarkt und Klimakollaps retten. Der dänische Philosoph Steen Nepper Larsen hält das Fahrrad für „einen fast göttlichen Inbegriff von Nachhaltigkeit und eine absolute Grundbedingung, wenn man über die Neuordnung von Städten nachdenkt“.

In der Stadt ist das Rad auf Strecken bis zu fünf Kilometer schneller als jedes andere Verkehrsmittel. Trotzdem fahren nur 15 Prozent der Deutschen mit dem Velo zur Arbeit. Und die, die es machen, werden von Autofahrern angehupt, geschnitten und von der Straße gedrängt.

Als Gühne eben das einmal in Marburg passierte, legte er sich an der nächsten roten Ampel vor den Wagen, der ihn mit nur 30 Zentimeter Abstand überholt hatte. Genutzt hat die Diskussion mit dem Kampfautofahrer allerdings nichts.

Die Ausstellung

Das Laufrad von Karl Drais, mit dem 1817 die Geschichte des Fahrrads begann, steht auch im Mittelpunkt der Ausstellung „2 Räder - 200 Jahre“ im Technomuseum, dem Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. Die Schau „Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrades“ erzählt, wie der badische Forstmeister (1785-1851) mit seiner Draisine die Postkutsache abhängte und wie es dann weiterging. Der aus der Nähe von Schweinfurt stammende Instrumentenbauer Philipp Moritz Fischer entwickelte 1853 die Tretkurbel am Vorderrad. Entscheidenden Anteil an der Verbreitung des Fahrrads hatte der Luftreifen, der 1888 vom schottischen Tierarzt John Boyd Dunlop erfunden wurde.

„2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrades“: Bis zum 25. Juni im Mannheimer Technomuseum, Museumsstraße 1. Empfehlenswert ist auch das gleichnamige Buch (352 Seiten, 29,95 Euro), das im Theiss-Verlag erschienen ist.

Buchtipp für Modebewusste: Der Fotograf Horst A. Friedrichs zeigt in seinem Bildband "Cycle Style" (Prestel-Verlag, 176 Seiten, 24,95 Euro) stylische Londoner Radler.

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