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Kinderbetreuung vorerst nur Zuhause: Johanna Hillebrand, die für eine Ausbildung nach Kassel gezogen ist, sucht seit Monaten verzweifelt einen Kita-Platz für ihre Tochter Mia (4).

Fragen und Antworten zur Kinderbetreuung

Mia muss zuhause bleiben: Alleinerziehende Mutter findet nach Umzug keinen Kita-Platz in Kassel

Die vierjährige Mia sucht Kontakt und will beschäftigt werden. Spielkameraden hat das aufgeweckte Mädchen momentan nicht. Denn Mias Mutter Johanna Hillebrand findet keinen Kita-Platz für ihre Tochter.

Mia sprudelt nur so vor Energie. Sie hat schon mit ihrer Mama Käsekuchen gebacken und ganz viele Mandalas ausgemalt, die sie dem Besuch stolz vorzeigt und ausführliche Erklärungen dazu liefert. Man merkt.

Anfang Februar ist die alleinerziehende 26-Jährige nach Kassel gezogen, wo sie im August eine Ausbildung am Regierungspräsidium beginnt. Bisher hat die gelernte Hotelfachfrau in Bielefeld gelebt und gearbeitet. Weil die Arbeitszeiten in der Gastronomie und Hotellerie mit Kind kaum vereinbar seien, habe sie sich entschieden, beruflich umzusatteln, sagt Hillebrand. Schon als sie im vorigen Sommer den Plan gefasst habe, hierherzuziehen, habe sie begonnen, sich nach Kita-Plätzen zu erkundigen. Die junge Mutter hat gute Freunde in Kassel, die ihr gesagt hatten, man müsse mit langen Vorlaufzeiten rechnen.

Als Johanna Hillebrand dann im Dezember die feste Zusage für die Ausbildung bekam und eine Wohnung gefunden hatte, intensivierte sie die Suche. Sie hatte gehofft, direkt zum 1. Februar einen Platz für Mia zu finden. Doch daraus wurde nichts. Sie habe einerseits von der Online-Registrierung für einen Betreuungsplatz auf der Internetseite der Stadt Gebrauch gemacht, sagt die Mutter. Parallel habe sie bei sieben Kitas und einer Elterninitiative, die in der Nähe der Wohnung in Bad Wilhelmshöhe und entlang der Tramstrecke zur künftigen Arbeitsstelle liegen, nachgefragt. „Überall hieß es: Wir sind voll“, schildert sie. Bei einigen Kitas habe sie die Auskunft bekommen, diese seien bis 2018 komplett ausgebucht. Auch beim Jugendamt, an das sie sich Ende Februar wandte, habe man ihr nicht weitergeholfen.

Die Vergabe von Kita-Plätzen wird nicht zentral geregelt. Die Anmeldung erfolgt in den einzelnen Kindertagesstätten.

Inzwischen hat Hillebrand kaum noch Hoffnung, vor Beginn des neuen Kindergartenjahrs im August einen Platz für Mia zu bekommen. „Ich mache mir Sorgen, dass ihr Sozialverhalten darunter leidet“, sagt die Mutter. Und auch für sie selbst sei es keine schöne Vorstellung, dass Kind vier weitere Monate rund um die Uhr selbst zu betreuen. „Wir haben ja bisher auch kaum Kontakte zu anderen Familien hier“. Zudem würde sie gern in der Zeit bis zum Ausbildungsbeginn arbeiten gehen.

Das schlimmste Szenario sei, dass auch im August kein Platz für Mia frei ist, sagt Hillebrand. Wie solle sie dann ihre Ausbildung antreten?

Nachdem wir uns vergangene Woche in den Fall einschalte und bei der Stadt nachfragte, hieß es aus dem Rathaus, man werde sich mit der betroffenen Mutter in Verbindung setzen. Das ist bisher nicht passiert. Heute hat Johanna Hillebrand einen Termin beim Anwalt. Sie überlegt nun, ihren Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz einzuklagen. 

Fragen und Antworten zur Kinderbetreuung 

Wie viele Kita-Plätze gibt es in Kassel?
In den Kindertageseinrichtungen der Stadt und von freien Trägern gibt es derzeit rund 5900 Plätze im Kita-Bereich (ab 3 Jahren) sowie 1500 Krippenplätze für unter Dreijährige. Hinzukommen 2800 Hortplätze für Grundschulkinder. Dieses Jahr werden 394 neue Betreuungsplätze geschaffen.

Wie viele Plätze sind aktuell frei?
In den städtischen Kitas gibt es derzeit weder im Krippen- noch im Kitabereich freie Plätze, teilt Rathaus-Sprecher Ingo Happel-Emrich auf Anfrage mit. Im Hortbereich gebe es aktuell 16 freie Plätze. Die Zahlen könnten sich aber wöchentlich ändern. Die städtischen Kitas melden jede Woche, ob und wie viele freie Plätze sie haben. Freie Träger kümmerten sich eigenständig um ihre Anmeldeverfahren, sodass Eltern sich dort selbst nach freien Plätzen erkundigen müssen.

Wie ist die Vergabe von Kita-Plätzen geregelt?
Es gibt es keine zentrale Stelle, die Platzvergabe regelt. Eltern sollen sich die Kita ihrer Wahl aussuchen können, erklärt der Stadtsprecher. Die Anmeldung erfolgt deshalb dezentral bei den einzelnen Kindertagesstätten. Zwar gibt es die Möglichkeit einer Online-Interessenbekundung auf der Internetseite der Stadt. Dort kann man einen Betreuungsplatzwunsch für bis zu sieben Kitas abgeben. Die gewählten Einrichtungen werden darüber informiert und sollten sich dann bei den Eltern melden. Parallel sollten die Eltern selbst Kontakt zu den Kitas aufnehmen, nur dort kann die eigentliche Anmeldung erfolgen.

Wann sollten Eltern mit der Suche eines Betreuungsplatzes für ihr Kind beginnen?
"So früh wie möglich", sagt Stadtsprecher Happel-Emrich jedenfalls, wenn sie einen Platz in einer wohnortnahen Kita oder eine Einrichtung mit bestimmten Konzept wünschen. Je später sich Eltern kümmern, desto eher müssen sie damit rechnen, keinen Platz in der Wunschkita mehr zu bekommen.

Was passiert, wenn Eltern selbst keinen Platz finden?
Dann berate und unterstütze das Jugendamt Eltern bei der Suche nach Plätzen im gesamten Stadtgebiet.

Wie ist für Quereinsteiger, die nach Kassel zuziehen, gesorgt?
Es sei nicht möglich, "auf Vorrat" Plätze freizuhalten, sagt Happel-Emrich. Gerade wenn kurzfristig im laufenden Kindergartenjahr ein Platz benötigt werde, müsse unter Umständen auf andere Einrichtungen ausgewichen werden, wenn kein Platz in einer Wunsch-Kita vor Ort zur Verfügung stehe. Er versichert: "Jeder bekommt einen Betreuungsplatz."

Wie viele Eltern haben schon geklagt, um ihren Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz geltend zu machen?
Bisher gab es in der Stadt noch keine Klagen, heißt es aus dem Rathaus. Ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab drei Jahren besteht in Deutschland seit 1996. Seit 2013 gilt er auch für unter Dreijährige.

Kommentar zur Kita-Platz-Suche:

Erst kürzlich haben wir in der HNA über den Ausbau der Kita-Plätze in Kassel berichtet. In den vergangenen Jahren wurde die Zahl der Betreuungsplätze um jeweils 300 bis 400 aufgestockt. Damit hat die Stadt ohne Frage Herkulesarbeit geleistet.

Katja Rudolph.

Dennoch ist die Versorgung mit Betreuungsplätzen nicht ausreichend, wie der Fall der zugezogenen Mutter zeigt. Das System ist offensichtlich zu knapp auf Kante genäht. Natürlich können Eltern nicht verlangen, dass sie sich heute um einen Kita-Platz für ihr Kind bewerben und es morgen losgeht. Von Familien, die in Kassel leben und ihr Kind hier bekommen, kann man natürlich erwarten, dass sie sich im Sinne einer guten Planbarkeit zeitig um einen Kita-Platz kümmern.

Doch was ist mit Eltern, die sei es für den Job, sei es aus privaten Gründen kurzfristig umziehen müssen? Sie können ihr Kind nicht eineinhalb Jahre im Voraus anmelden. Die Stadt muss dafür sorgen, dass auch solchen Quereinsteigern innerhalb einiger Wochen ein Betreuungsplatz in einer zumutbaren Entfernung zum Wohnort angeboten werden kann.

Das ist organisatorisch sicher kein Kinderspiel. Eine zentrale Stelle zur Platzvergabe hätte hier Vorteile und würde betroffenen Eltern viel Rennerei und Absage-Frust ersparen.

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