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"Am Anfang schuf Gott das Universum und füllte es mit Energie" - so könnte der erste Vers der Schöpfungsgeschichte aus heutiger Sicht lauten.

Und er sprach: „Das Universum soll sich ausdehnen."

"Am Anfang schuf Gott das Universum": Die Schöpfungsgeschichte 2.0

So könnte die Schöpfungsgeschichte klingen, wenn die Autoren der Bibel über unseren heutigen Wissensstand verfügt hätten.

Als plausibelste wissenschaftliche Erklärung für den Ursprung der Welt gilt derzeit die so genannte Urknalltheorie. Demnach entstand das gesamte Universum vor rund 14 Milliarden Jahren durch eine gewaltige Explosion als nadelstichgroße Blase und hat sich seitdem auf die heutige Größe ausgedehnt. HNA-Redakteur Niko Mönkemeyer formuliert die Schöpfungsgeschichte so, wie sie womöglich aufgeschrieben worden wäre, wenn die Autoren in der Antike über diese und andere wissenschaftliche Kenntnisse verfügt hätten. Zum Vergleich erläutert Theologe Albrecht Gralle die tatsächlichen Hintergründe der Schöpfungsgeschichte. 

Das Original:

1. Vers: Am Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde. 

Der erste Satz des biblischen Schöpfungsberichts ist wie in vielen alten Dokumenten die Überschrift. Nach „Erde“ würden wir heute einen Doppelpunkt machen. Himmel (im Plural) und Erde bedeuten: Alles. Das hebräische Wort für „Anfang“ (re- schit) ist gleichzeitig Programm: Unsere Welt besteht aus lauter Anfängen. Das Vollkommene steht noch aus. Gott „schuf“ (barah) ist ein Wort, das in der Bibel nur für das Schaffen Gottes verwendet wird. Er allein hat die Macht, aus fast nichts etwas Neues hervorzubringen. 

Heute:

1. Vers: Am Anfang schuf Gott das Universum und füllte es mit Energie. 

Als Urheber der Urknalltheorie gilt der belgische Theologe, katholische Priester und Astrophysiker Georges Edouard Lemaître (1894-1966). Ihren Namen verdankt die Theorie allerdings dem britischen Astronomen und Mathematiker Fred Hoyle (1915- 2001), der die Vorstellung eines sich ausdehnenden Universums zunächst ebenso wie die meisten Wissenschaftler damals abgelehnt hat. In einem Radiointerview soll Hoyle den von Lemaître angenommen Ursprung der Welt abfällig als „Big Bang“ (Großer Knall) bezeichnet haben – und prägte damit den Begriff für die gesamte Theorie. 

Als plausibelste Erklärung für den Ursprung der Welt gilt die Urknalltheorie.

Das Original:

2.Vers: Und die Erde war öde und leer. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern. 

Die antiken Autoren waren an einer rein zeitlichen Folge nicht so interessiert wie wir. Sie erzählten, was ihnen wichtig erschien. Bevor also etwas geschah, wurde im Text der ungeformte Zustand betont: öde und leer, Dunkelheit –auf Hebräisch: tohu wa bohu. Und das Wasser als Urelement wird vorgestellt (nicht geschaffen). Wasser bedeutete damals Bedrohung, Chaos und Leben zugleich. Darauf wird späte wieder Bezug genommen. Gottes Geist, seine Kreativität, schwebte wie ein brütender Vogel über dem ungeschaffenen Leben. Ein starker Ausdruck, wenn man bedenkt, dass das hebräische Wort für Geist (ruach) weiblich ist. 

Heute:

2. Vers: Und er sprach: „Das Universum soll sich ausdehnen, und Energie soll zu Materie erstarren." 

Albert Einstein

E=m c 2 –so lautet die wohl berühmteste Gleichung der Physikgeschichte. Mit ihr hat Albert Einstein (1879-1955) beschrieben, dass Energie und Materie zwei Seiten einer Medaille sind. Die Kosmologen, die anhand von Berechnungennicht nur die ersten Tage nach dem Urknall, sondern sogar die ersten Minuten und Sekunden rekonstruieren können, gehen davon aus, dass die Energie in der ersten Sekunde nach dem Urknall erstarrte und sich in Materie- und Antimaterieteilchen aufspalte- te, die durch das junge Universum schwirrten. Da es damals noch ziemlich eng im Kosmos war, blieb es nicht aus, dass Materieteilchen mit Antimaterieteilchen kollidierten und sich wieder in Energie zurückverwandelten. Der Zufall (oder der Schöpfer?) wollte es aber, dass die Materieteilchen geringfügig in der Überzahl waren, sodass einige wenige übrig blieben, wobei die Bezeichnung „wenig“ in diesem Zusammenhang relativ ist. Der Rest reichte immerhin aus, um da- raus sämtlich Sterne, Planeten, Monde und Lebewesen einschließlich des Menschen entstehen zu lassen.

Das Original:

3. Vers: Und Gott sprach: „Es werde Licht!“ Und es wurde Licht. 

Licht war für Altorientalen das Großartigste überhaupt. Sie haben das Licht nicht unbedingt mit der Sonne gleichgesetzt, sondern viel umfassender gesehen. Licht sorgte auch für innere Erleuchtung. Wir sagen ja bis heute: Mir geht ein Licht auf und meinen damit eine neue Erkenntnis. 

Heute:

3. Vers: Gott schuf die Materie als Elektronen, Protonen und Neutronen und machte daraus die ersten chemischen Elemente. 

Wer sich in der Schule nicht besonders für Chemie interessiert hat, dürfte das von Dimitri Iwanowitsch Mendelejew (1834-1907) entwickelte Periodensystem noch in unangenehmer Erinnerung behalten haben, denn auf den ersten Blick wirkt es recht verwirrend. Hat man jedoch das Prinzip der Gliederung verstanden, kann der Interessierte Betrachter auf einen Blick ablesen, aus wie viel Elektronen, Protonen und Neutronen die einzelnen chemischen Elemente bestehen, aus denen die Welt aufgebaut ist.

Das Original:

4. Vers: Und Gott sah, dass das Licht gut war, und er schied das Licht von der Dunkelheit. 

Erstaunlich bei diesem Text ist die nüchterne, liturgische Sprache ohne alle Schnörkel. In babylonischen Schöpfungsmythen wird ein Götterkampf geschildert, bei dem der über- lebende Gott aus den Leichen- teilen seiner Gegner die Welt schafft. Die biblische Schöpfungsgeschichte erzählt die Schaffung einer Welt so: Gott spricht und es geschieht etwas. Eine geistige Kraft setzt Materie in Gang. 

Licht war für Altorientalen das Großartigste überhaupt.

Heute:

4. Vers: Und Gott betrachtete sein Werk und sah, dass es gut war. Im Universum schwebte eine riesige Gaswolke. Mehr als drei Viertel dieser Wolke bestanden aus Wasserstoff, nicht ganz ein Viertel aus Helium und der Rest aus Lithium. 

Mittlerweile sind im Periodensystem 118 Elemente aufgelistet. Beim Urknall (genau- er gesagt 380 000 Jahre nach dem Urknall) gab es nach den Berechnungen der Kosmolo- gen aber nur die ersten drei.

Das Original:

5. Vers: Und Gott nannte das Licht Tag und die Dunkelheit Nacht. Es ging etwas zu Ende und Neues ging auf: ein Tag. 

Das Wort für „Tag“ (jom) wird auch mit: Abschnitt, Zeitraum, Lebensphase übersetzt. Man muss also nicht an einen 24-Stunden-Tag denken. Gottes „Tage“ sind jenseits unserer Zeitvorstellung. Abend und Morgen heißen wörtlich: Ausgehendes und Aufgehendes.

Heute:

5. Vers: Gott teilte die Wolke in mehrere hundert Milliarden kleine Wolken und sprach: „Das Universum soll sich weiter ausdehnen und der leere Raum zwischen den kleinen Wolken soll für alle Zeiten mit wachsender Geschwindigkeit wachsen.“ 

Dass sich das Universum bis heute mit zunehmendem Tempo ausdehnt, lässt sich eigentlich nicht mit dem Gravitationsgesetz unter einen Hut bringen. Nimmt man die sichtbare Materie als Grundlage für die Berechnungen, müsste sich die Expansion eigentlich verlangsamen, aber das Gegenteil ist der Fall. Warum das so ist, weiß man schlicht und ergreifend noch nicht. Nach Ansicht des US-amerikanischen Astrophysikers Michael S. Turner steckt eine bislang nicht bekannte mysteriöse Kraft hinter diesem Phänomen. Sie wird von den Physikern als „Dunkle Energie“ bezeichnet.

Und Gott sprach: „Das Universum soll sich weiter ausdehnen" - so formuliert es zumindest HNA-Redakteur Niko Mönkemeyer.

6. Vers: Gott betrachtete, wie die Abstände zwischen den kleinen Wolken wuchsen und war zufrieden. Dann sprach er: „Es werde Licht! Wasserstoff soll sich an besonderen Orten in den Wolken sammeln, auf dass die ersten Sterne leuchten.“ 

Etwa 100 Millionen Jahre nach dem Urknall sorgte die Schwerkraft in den Gaswolken dafür, dass das Wasserstoffgas so stark zusammengedrückt wurde, dass jeweils vier Wasserstoffkerne zu einem Heliumkern verschmolzen und dabei Energie in Form von Licht und Wärme abgaben. Genau das passiert gegenwärtig auch in unserer Sonne, denn die ist nämlich nichts anderes als ein Stern unter vielen Milliarden anderen. Aber die Sonne gab es damals noch gar nicht. Und es sollten erst noch neun Milliarden Jahre vergehen, bis sie zum ersten Mal erstrahlte. 

Zur Person: Albrecht Gralle

Albrecht Gralle

Zur Person

Geboren

in Stuttgart

Studium

Theologie

Vikariat

Bis 1981 in Hamburg

Lehrer

An einem College in Sierra Leone

Gemeindepastor

Ab 1986

Schriftsteller

Seit 1993

Er schreibt

Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher

Autor

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