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Vom Schrecksbacher Gemeindewald in die Ruine der Burg Herzberg: 1968 gaben die Petards mit (vorn, von links) Klaus Ebert, Arno Dittrich und Horst Ebert sowie (hinten am Bass) Rüdiger Waldmann am Bass auf einer Steinempore richtig Gas.

Ausstellung in Bremen

Beim Beat der Petards bebten die Mauern von Burg Herzberg

Die Schrecksbacher Beatband „The Petards“ ist derzeit Thema in einer Ausstellung zur Geschichte des Pop im Bremer Landesmuseum. Der Grund: Sie richtete 1968 mit dem Herzberg-Festival das erste Freiluft-Hippie-Festival in Deutschland aus.

Volles Haus auf der Burg Herzberg: Als am 7. Juli 1968 „The Petards“ erstmals inmitten dicker Steinmauern direkt in der Burgruine ihre Marshall-Verstärker aufdrehten, waren über 1000 Musikfans dabei. „Die Leute kamen aus ganz Deutschland, viele haben gezeltet“, erinnert sich Schlagzeuger Arno Dittrich.

Ein Jahr zuvor hatte die Schrecksbacher Beatband noch in der Heimatgemeinde am alten Tanzplatz „Unter den drei Buchen“ aufgespielt. Auch dort zur „Waldbeat-Show“ war die Resonanz gewaltig.

„Es war ein wahres Volksfest, mit Rummelplatz und anderen Gruppen. Fanclub-Mitglieder hatten freien Eintritt, und sie kamen aus Freiburg, Heidelberg, Hamburg und anderswo“, heißt es im Erinnerungsbericht von Werner Pieper, einem großen Fan.

Triumph der Beatmusik

Die Petards (englisch für Knallfrösche) waren zu dieser Zeit, in den 60er-Jahren, obenauf. Beatmusik war angesagt. Nicht nur in den Großstädten – wie mit den Lords in Berlin und The Rattles in Hamburg – machte der neue Sound aus England von sich reden, den viele Erwachsene mit langen Haaren und großer Lautstärke verbanden.

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Auch auf dem Land formierten sich Beatbands – so auch die Petards aus Schrecksbach, die sich bei unzähligen Auftritten in Nordhessen – vom Festsaal in Baunatal bis zu Clubs in Frielendorf, Treysa und Stadtallendorf – einen guten Ruf erspielt hatten. Mit der Single „Shoot Me Up To the Moon“ landeten die Petards in Radiohitparaden mitunter vor Songs der Beatles und waren stolz auf über 350 Fanclubs. Oder „The Blue Moons“ aus Göttingen, die ebenfalls bei der Burg Herzberg-Premiere am Start waren und mit vielen Fans und Plakaten anreisten.

Nahmen sich gern selbst aufs Korn: Weil manche sie als eine Schwälmer Dorf-Band bezeichneten, wurde dieses ländliche Foto aufgenommen, erinnert sich Walter Simon. Wie die Schwälmerin und der Mann neben ihr heißen, ist nicht bekannt, auch nicht das Jahr und der Ort. Von links Arno Dietrich, Klaus Ebert, Horst Ebert und Rüdiger Waldmann.

Friedliches Festival

„Es war ein richtiges, friedliches Hippie-Festival“, sagt Dittrich über die Herzberg-Premiere 1968. Auch wenn die wenigen Fotos vor allem adrett gekleidete junge Menschen zeigen: „Für damalige Verhältnisse waren die längeren Haare vieler Gäste progressiv. Selbst die Beatles trugen damals gewagte Frisuren“, meint der Schlagzeuger. 

Von echten Hippies war bei der Premiere des Petards-Festivals 1968 nicht allzuviel zu sehen.

Mit Radiointerviews und Zeitungsartikeln hatten die Petards die erste eintägige „Burg-Beat-Show“ publik gemacht. Eine besondere Bühne gab es in der Burgruine nicht. „Wir haben uns einfach auf die Steinempore draufgestellt“, sagt Dittrich. Die zwei Roadies der Band hatten zuvor die Verstärker und Instrumente dort hochgeschafft und alles aufgebaut. Der Auftritt unter freiem Himmel kam an, „die Begeisterung war unglaublich.“ 

In den Jahren 1970 und ‘71 hatten sich die Burg Herzberg-Festivals zu Treffen namhafter Bands progressiver Rockmusik ausgewachsen – mit dabei waren etwa Guru Guru, Can, Frumpy und Embryo. Über 3000 Gäste waren am Ende mit dabei, „immer friedlich, und mit viel Hasch“, erzählt Dittrich.

Zur Premiere des Petards-Festivals 1968 war der Innenhof der Burgruine voll.

Ende mit Wehmut

Das Festival 1971 war das letzte, das die Petards organisierten. „Die Band war der Meinung, dass der finanzielle Gewinn nicht mehr im Verhältnis zum Aufwand stehe und man in Deutschland inzwischen die deutschen Gruppen kenne“, bilanzierte Werner Pieper. Bereits ein Jahr später lösten sich die Petards auf. 

In den Herzberg-Erinnerungen von Arno Dittrich, der die Fans mitunter mit halbstündigen Solos begeisterte, klingt Wehmut durch. „Früher gab es nur Beat, Rock, klassische Musik – und die Leute waren begeisterungsfähiger.“ Heute gebe es unzählige Musikrichtungen, tausende Bands – und die passenden Festivals. Auf ihren ersten Auftritt in der Herzberger Burgruine 1968 blickt Dittrich gern zurück: „Darauf können wir stolz sein.“

Zur Person: Von der Beatgruppe zur Coverband

Arno Dittrich

Arno Dittrich (72) ist verheiratet und hat einen Sohn. Der langjährige Schlagzeuger der „Petards“ lebt in Kassel im Vorderen Westen. Seit 54 Jahren ist er auf Musikbühnen unterwegs und verdient sein Geld mit der Coverband „Superjet“ – als einziges Petard-Mitglied konnte er von seiner Musik leben.

Die Petards aus Schrecksbach - Die Band in Bildern

Festival in Zahlen: Heimat der Hippies

Das Burg Herzberg-Festival in der Gemeinde Breitenbach hat sich über Jahrzehnte einen guten Ruf als Hippie-Festival in der deutschen Open Air-Szene erarbeitet.

1 Jahr nach der Festivalpremiere auf der Burg Herzberg fand in den USA das weltweit bekannteste Festival statt – Woodstock, mit 32 Bands und über einer halben Million Besucher.

3 Tage dauerte das Herzberg-Festival 1970. Mit dabei waren progressive Rockbands wie Guru Guru, Amon Düül II, Tangerine Dream und Can.

Die Petards beim Burg Herzberg Festival 1970

30 Jahre lagen zwischen dem Ende der Petards und der Neuformation: Den letzten Auftritt hatte die Band am 3. September 1972 in Wiesbaden im „Western Saloon“, im Frühjahr 2002 formierte Arno Dittrich die Petards in Kassel neu – inklusive einem Auftritt auf dem Herzberg-Festival im Juni 2002.

7000 Mark betrug das Minus, das die Petards beim verregneten Burg Herzberg-Festival 1970 machten. „Die Gagen der rund 20 Gruppen lagen zwischen 320 und 1250 Mark“, so Werner Pieper.

12.000 Besucher waren beim jüngsten Burg Herzberg-Festival im vergangenen Jahr mit dabei. 2017 findet das Festival vom 27. bis 30. Juli statt; der Eintritt kostet rund 110 Euro.

Hintergrund: Ausstellung zur Popgeschichte

Noch bis zum 16. Juli 2017 zeigt das Bremer Landesmuseum die Sonderausstellung „Oh Yeah! Popmusik in Deutschland“. Die Schau führt wie eine Radiosendung durch über 1990-Jahre-Pop in Deutschland – vom Swing der 1920er-Jahre über die Beat-Ära, Punk, Neue Deutsche Welle, Techno und Hip Hop bis zu heutigen Stilrichtungen. Nicht nur die Entwicklung in der BRD, auch die Ereignisse in der Pop-Geschichte der DDR werden beleuchtet. Später wird die Ausstellung noch in Frankfurt, Berlin, Leipzig und Stuttgart zu sehen sein.

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