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Baum des Jahres 2017 ist die Fichte: Hier das Poster von Hans Jürgen Arndt, Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt. Es zeigt Fichten im Harz, auf dem kleinen Winterbild sind Fichten-Klumpse im Reinhardswald zu sehen.

Fichte ist der Baum des Jahres 2017: Die junge Alleskönnerin

Jeder kennt sie, denn sie ist auch bei uns in der Region weit verbreitet: die Fichte. Sie hat es im Jahr 2017 sogar zum Baum des Jahres geschafft. 

Sie bietet das beliebteste Bauholz, beglückte Generationen mit erfrischendem Fichtennadelschaumbad, hat heilendes Harz, und ohne sie würde der Welt eine Menge Musik fehlen: Die Fichte ist eine wahre Alleskönnerin. Hans Jürgen Arndt kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er über seine Recherchen zum Poster „Baum des Jahres 2017“ berichtet. Das hat Arndt, Forstingenieur an der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Hann. Münden und passionierter Fotograf, nämlich gerade für den Druck fertiggemacht.

Es zeigt eine Gruppe gewaltiger Fichten im Harz – für die Größenvorstellung: die kleinen Bäumchen im Vordergrund sind zwischen zwei und vier Meter hoch. Auf dem Winterbild links unten auf dem Poster sind „Fichten-Klumpse“ aus dem Reinhardswald zu sehen. Mit diesen hat es eine ganz eigene Geschichte auf sich (siehe Artikel unten!). Auf der Rückseite des Posters finden sich wieder Detailaufnahmen von Blüten, Samen, Zweigen und ein Infotext mit den wichtigsten Eckdaten zum Baum des Jahres.

Diese Daten auszuwählen sei ihm diesmal besonders schwergefallen, sagt Arndt, der seit vielen Jahren jährlich das Baum-desJahres-Posters erstellt. Preußentanne, Herrenholz, Harzbaum: Schon die vielen Namen, die die Fichte hat, geben Hinweise auf das, was in ihr steckt. Preußentanne und Herrenholz erinnern daran, dass das wertvolle Fichtenholz einst für das einfache Volk tabu war.

Arndt sind viele Fichten-Fakten geläufig, doch „ich finde fast jeden Tag etwas verrücktes Neues“, sagt er. Zum Beispiel: Das Holzmehl, das der Buchdrucker genannte Borkenkäfer aus der Fichte schubst, habe Verwendung als Babypuder gefunden. Oder: Die jungen Fichtentriebe haben so viel Vitamin C, dass sie gegen Skorbut helfen.

Die langen Holzfasern machen die Fichte wertvoll für die Papierherstellung. Aber auch Instrumentenbauer seit Antonio Stradivari wissen sie zu schätzen. „Ohne Fichten wäre die Welt ohne Geigen“ sagt Arndt lachend.

Mit 28 Millionen Jahren ist die Fichte noch jung – die Eibe beispielsweise ist 250 Millionen Jahre.

Die Geschichte der Fichte

Parallel zur Geschichte der Menschen könne man auch die der Fichte verfolgen, beschreibt es Hans Jürgen Arndt. Der Wald war Rohstoff- und Nahrungsquelle: Baustoff, Brennstoff, Nahrung fürs Vieh wurde aus dem Wald geholt, Nadelstreu als Dünger genutzt, berichtet Arndt. Mit ansteigender Bevölkerungszahl waren die Wälder bald ausgebeutet. Holznot bedeutete auch: Keine Eisenverhüttung. Unter anderem mit Fichte wurde die Ödnis wieder aufgeforstet. Das galt auch für kriegsbedingt Kahlschläge: Im ersten Weltkrieg seien die Wälder geplündert worden, um mit dem Fichtenholz Schützengräben zu bauen, später mussten Reparationsleistungen in Form von Holz gezahlt werden, was die Wälder erneut ausdünnte.

Für künftige Generationen von Fichten: Hans Jürgen Arndt mit Pfröpflingen, die für die Samenzucht vorgesehen sind, im Gewächshaus auf dem Gelände der Versuchsanstalt in Hann. Münden.

Der Baum sei anspruchslos und könne sich auch an extreme Bedingungen anpassen. In Hann. Münden forscht man derzeit daran, eine Fichte zu finden, die den Klimawandel mitmacht. Fichten lassen sich sogar pfropfen, erklärt Arndt und zeigt reihenweise Pfröpflinge in einem Gewächshaus auf dem Versuchsgelände. Sie dienen der künftigen Samenzucht. Angebaut werde der Samen übrigens dort, wo er später auch sprießen soll, denn die Samen-Eltern passten sich schnell an ihren Standort an. Die Samen dann unter anderen Bedingungen auszubringen, habe sich als schlechte Idee erwiesen.

Klumpse im Reinhardswald

In Grüppchen von mehreren Bäumen stehen im Reinhardswald Fichten zusammen. Gerade erst sind auf einer etwa 16 Hektar großen Fläche solche Grüppchen angepflanzt worden, an der Höhenstraße in der Nähe des Friedwaldes. „Klumps“ heißt hier schlicht „Klumpen“.

Er war ab 1843 1843 zum Oberförster in Veckerhagen: Forstmann Carl Friedrich Mergell gilt als Vater der Fichten-Klumpse.

Als Vater der „Klumpse“ wird Forstmann Carl Friedrich Mergell bezeichnet, der im Dezember 1843 zum Oberförster in Veckerhagen ernannt wurde. Vermutlich kannte er den – missglückten – Versuch, entwaldete Flächen mit „klumpenweise“ angeordneten Eichen aufzuforsten, heißt es im Buch „Wald in Hessen, Biografien bedeutender hessischer Forstleute“ (Sauerländer Verlag). Seine „Fichtengruppenpflanzung auf Klumps“ bewährte sich und ist eine Besonderheit im Reinhardswald. Die in kleinen Gruppen zusammenstehenden Bäume schützen einander und gedeihen prächtig. Fichtenklumpse haben ihren Platz auf dem Poster zum Baum des Jahres 2017 gefunden. Mergell wandelte sein Verfahren mehrfach ab und verwendete es auch für andere Baumarten, heißt es im Buch weiter.

Die Tanne ist fast immer eine Fichte

Wer glaubt, dass eine Tanne eine Tanne ist und eine Fichte eine Fichte, der irrt: Das mit dem sprachlichen Umgang ist alles andere als eindeutig. Wenn in alten Texten von Tannen oder Tannenbäumen die Rede ist, sei immer die Fichte gemeint, berichtet Hans Jürgen Arndt. Im weihnachtlich besungenen „Oh, Tannenbaum“ zum Beispiel, aber auch, wenn von der „Preußentanne“ die Rede ist. 

Nicht Blüte, sondern Austrieb: Bei manchen Fichten sind die frischen Triebe nicht hellgrün oder gelblich, sondern rot.

Der diesjährige Baum des Jahres, die gemeine Fichte, wird auch als Rottanne bezeichnet, botanisch nicht ganz korrekt, aber in verschiedenen Regionen üblich. Das Naturdenkmal „Dicke Tannen“ in Hohegeiß, Forstamt Braunlage, besteht aus Fichten – die größte ist über 50 Meter hoch, in Brusthöhe mit 130 Zentimeter Umfang, die Bäume sind bis zu 400 Jahre alt. Die Fichte hat so abenteuerlich viele verschiedene Erscheinungsformen, dass manche davon kaum noch als „Fichte“ zu erkennen sind, etwa die Schlangenfichte, die Zwergfichte oder andere Zierformen.

Ein Trick: Fallen die Nadeln vom Zweig ab, ist ein Tannenzweig glatt. Ein Fichtenzweig aber fühlt sich rau an, da der Nadelgrund – kleine Spitzen, an denen die Nadeln wachsen – am Zweig bleibt.

Problem mit Monokulturen

Bei der gemeinen Fichte – lateinischer Name Picea abies – scheiden sich die Geister: Während die einen vor allem ihren wirtschaftlichen Wert sehen, sind reine Fichtenwälder anderen ein Dorn im Auge – als wenig naturnahe Monokulturen verpönt, als besonders anfällig für Sturm und Schädlinge angesehen. Dieselben Fichtenwälder – etwa im Harz – sind zugleich aber auch beliebte Ausflugsziele, Naturparke, Naturschutzgebiete. Auf jeden Fall ist die Fichte heute die in Deutschland am häufigsten vorkommende Baumart: Sie wächst auf 2,8 Millionen Hektar Wald, etwa 30 Prozent der Gesamtfläche. Dabei sei sie einer der wichtigsten CO2-Speicher und Sauerstoffproduzenten der Erde, heißt im Infotext auf dem Baum-des-Jahres-Poster. Sie kann bis zu 600 Jahre alt werden und bis zu 60 Meter hoch. In den Alpen könnte man viele Gebiete gar nicht besiedeln, hätte man nicht die Fichten als Lawinenschutz.

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