+
Früh übt sich: Junger Anhänger des niederländischen Fußballvereins Feyenoord Rotterdam.

Kolumne: Kleine Bayern-Fans lernen nichts fürs Leben

Elternzeit: Warum Kinder niemals Fan des FC Bayern werden sollten

Die Tochter unseres Autors war Fan des FC Bayern München. Kaum etwas ist schlimmer für einen Vater, dessen Fußballherz am rechten Fleck schlägt. Denn fürs Leben lernt man nur, wenn man auch verliert.

Es ist noch nicht lange her, da wünschte ich mir, Mario Götze hätte im Weltmeisterschaftsfinale in der 113. Minute neben das argentinische Tor geschossen. Deutschland wäre dann vielleicht nicht Weltmeister geworden. Aber unsere Tochter hätte sich später auch kein Trikot des FC Bayern München gewünscht. Das wäre es mir wert gewesen.

Ich habe das WM-Endspiel mit unserer damals acht Jahre alten Tochter in einem kleinen Dorf auf einer Nordseeinsel gesehen. Wir hatten keinen Fernseher im Hotel und setzten uns in die einzige Kneipe weit und breit. In der 113. Minute lagen wir uns in den Armen, anschließend radelten wir bei Regen und Sturm in der dunkelsten Nacht nach Hause. Mario Götze hatte uns glücklich gemacht.

Später war ich mir sicher, dass Mario Götze mein Leben zerstört hat. Seit dem 13. Juli 2014 schwärmte unsere Tochter für den damaligen Bayern-Stürmer, weil er ein wunderbarer Fußballer ist und achtjährige Mädchen junge Männer mit Babyspeck offensichtlich süß finden. Wegen ihm wurde unsere Tochter zum Fan des Rekordmeisters. Sie hatte sogar eine Zahnspange mit dem Emblem des FC Bayern. Sie trägt ihren Lieblingsverein auf der Zunge. 

#Zahnspange #FCBayern #Bayernmünchen

Ein Beitrag geteilt von Matthias Lohr (@mattilohr) am

Es gibt nicht viele Dinge, die schlimmer sind, als wenn das eigene Kind Bayern-Fan wird. Vielleicht wird unsere Tochter irgendwann einmal mit einem kiffenden Nazi nach Hause kommen und sagen: „Das ist mein neuer Freund.“ Womöglich wünscht sie sich mit 15 ein Ganzkörper-Tattoo. Das Gute ist, dass Mario Götze so ziemlich der einzige Profi-Fußballer auf der Welt ist, der noch nicht an irgendeinem Körperteil beschriftet ist. Trotzdem.

„Den Bayern den Sieg zu wünschen, ist ähnlich abscheulich, als bräche man angesichts eines verhungernden Menschen in Jubel aus“, schrieb einmal der Schriftsteller Wiglaf Droste. „Bayern München ist das dreckige Lachen der Reichen über anderer Leute Armut und Elend.“ Das klingt nach schlecht gelaunter Besserwisser-Kritik von vorgestern, ist aber trotzdem nicht ganz falsch. Das Bayern München von heute mag einer der besten Vereine der Welt sein, der aufregendste Fußball aber wird anderswo gespielt. Und die nachhaltigste Nachwuchsarbeit wird in neureichen Vereinen wie Hoffenheim und Leipzig gemacht, aber nicht an der Säbener Straße. Wieso soll man Anhänger eines Vereins sein, der Woche für Woche sowieso gewinnt?

Ich wurde Anfang der 80er-Jahre fußballerisch sozialisiert. Ich hätte Fan des FC Bayern werden können, der schon damals so ziemlich alles gewann, oder auch Anhänger des Hamburger SV, der sogar ein Kopfballungeheuer als Mittelstürmer in seinen Reihen hatte. Aber dieser Horst Hrubesch gab damals in einem Fragebogen Erbsensuppe als Lieblingsessen an. Und ich wollte nicht für jemanden schwärmen, der Erbsensuppe mochte. So wurde Pierre Littbarski mein Idol und der 1. FC Köln mein Verein. Ich hatte damals X-Beine, musste Einlagen tragen und hätte alles dafür gegeben, mit Littis O-Beinen übers Feld zu dribbeln.

Teamworkthen and now #partofgoetze

Ein Beitrag geteilt von Mario Götze ⭐️️ (@gotzemario) am

Als Fan des 1. FC Köln konnte ich in all den Jahren nur einen einzigen Titel bejubeln: den DFB-Pokalsieg 1983, der auch noch ein sehr schmeichelhaftes 1:0 gegen den Lokalrivalen und Zweitligisten Fortuna war. Als der FC unter Christoph Daum 1989 den legendären Zweikampf mit Bayern München um die Meisterschaft verlor, wollte ich eigentlich nie mehr aufstehen. Beim ersten Bundesliga-Abstieg habe ich geweint, bei den vier folgenden nicht mehr so richtig. Ich habe sogar wichtige Termine abgesagt, um das Montagsspiel der zweiten Liga gegen Klubs wie SV Sandhausen zu sehen. Und ich habe nur noch mit dem Kopf geschüttelt, als eine ewig gestrige Vereinsführung wieder mal Millionenschulden anhäufte.

Aber ich habe viel gelernt in all den Jahren mit meinem Verein: Auch Verlierer können Gewinner sein. Man kann immer wieder aufstehen. Es gibt Wichtigeres als ein 1:0. Was aber soll man vom FC Bayern lernen? Dass man sich alles kaufen kann im Leben? Dass man am besten die Spieler des ärgsten Konkurrenten verpflichtet, um den anderen Verein zu schwächen? Dass man Tiere industriell umbringt, um Millionen als Wurstfabrikant zu scheffeln? Dass man diese Millionen anschließend in der Schweiz versteckt?

All das habe ich unserer Tochter nicht erzählt. Dafür habe ich ihr den Anti-Bayern-Song der Toten Hosen vorgespielt, in dem es heißt: „Ich würde nie zum FC Bayern gehen. Was für Eltern muss man haben, um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem Scheißverein?“ Es war ein Spiel mit dem Feuer. Nachher wäre sie noch Fan der Toten Hosen geworden und von Campino, diesem Spießer-Punk, der keinen Spaß versteht.

Mittlerweile spielt Mario Götze wieder bei Borussia Dortmund - wenn er nicht krank, verletzt oder außer Form ist. Und unsere Tochter ist irgendwann BVB-Fan geworden. Auch wenn mir das keiner glaubt: Ich habe mit dem Meinungswandel nicht das Geringste zu tun. Vielleicht war es ihr einfach zu langweilig geworden bei all den Siegen. Als die Bayern gerade zum fünften Mal in Folge Meister wurden, empfing die Mannschaft genau ein Fan am Flughafen. Selbst in einem Retortenklub wie RB Leipzig steckt im Moment mehr Leidenschaft.

Unsere Tochter schwärmt von Torwart Roman Bürki, und auch den Trainer Thomas Tuchel findet sie gut. Nun hat sie aber gehört, dass es Riesenkrach gibt zwischen dem Coach und der Vereinsführung und dass man sich vielleicht schon im Sommer ein Jahr vor Vertragsende trennt. Sie versteht das nicht, gerade weil der Vereins-Slogan doch "Echte Liebe" heißt. Ich habe ihr gesagt, dass sie da durch muss und man nicht jede Woche einen neuen Lieblingsverein haben kann. Obwohl: Wenn ihr Herz ab Sommer für den 1. FC Köln schlagen würde - diesen einen Wechsel würde ich ihr noch gestatten.

Autor

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, einmal die Woche.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.