In der Füllstelle: In der Munitionsfabrik Hirschhagen wurden in den Kriegsjahren die Bomben von Hand mit heißem, flüssigem Sprengstoff gefüllt. Um Luftblasen beim Erkalten zu vermeiden, die zu Rohrkrepierern führen konnten, mussten die Arbeiter ordentlich rühren. Dabei atmeten sie die ungesunden Dämpfe ein, manchmal verbrannte ihnen der spritzende Sprengstoff auch das Gesicht. Foto: Stadt Hessisch Lichtenau / Archiv

Betongerippe im Wald bei Helsa und eine Reihe mysteriöser Morde

Die nordhessische Krimiautorin Nicole Braun hat ihren zweiten Kriminalroman veröffentlicht: „Elsternblau“. Hauptschauplatz ist die ehemalige Munitionsfabrik Hirschhagen.

Am Sonntag, 23. April, liest die Autorin im evangelischen Gemeindehaus Wickenrode ab 15 Uhr daraus. Wir sprachen vorab mit ihr.

Frau Braun, ist „Elsternblau“ die Fortsetzung des ersten Falls von Kommissar Brix oder steht er für sich?

Nicole Braun: „Elsternblau“ schließt wenige Wochen nach dem Ende von „Heimläuten“ nahtlos an, behandelt aber einen eigenständigen Kriminalfall. Man muss den ersten Band nicht unbedingt kennen, verpasst dann aber, wie die Freundschaft der beiden Protagonisten beginnt und wie sich die Figuren entwickeln.

In Ihrem vorigen Krimi „Heimläuten“ kommen zahlreiche Ecken von Wickenrode vor, im neuen steht die Munitionsfabrik Hirschhagen im Mittelpunkt. Was fasziniert Sie an diesem Ort?

Tatsächlich hatte ich in dem als Industriegebiet erschlossenen Teil ein Jahr in einem ehemaligen Bunker als Tischlerin gearbeitet, ohne um die Geschichte zu wissen. Als mir bewusst wurde, wie viel Vergangenheit in diesen Gebäuden steckt, und dass man nicht gerade offensiv mit ihr umging, war meine Neugier geweckt.

Historisches Foto aus dem Jahr 1945: Angeblich öffnet hier ein amerikanischer Soldat die Tür eines Munitionsdepots, das Teil einer von den Amerikanern gesprengten Anlage im östlichen Teil Hirschhagens war. Repro: Neugebauer

Wie lange haben Sie im Vorfeld für den Roman recherchiert?

Lange, aber nicht auf einen Roman hin. Es hat mich einfach interessiert und so habe ich mir die verfügbare Literatur und altes Kartenmaterial besorgt.

Waren Sie auch vor Ort?

Ich bin häufig durch den Teil spazieren gegangen, den man eher zufällig findet, wenn man sich über die Betongerippe wundert, die zwischen Helsa und Friedrichsbrück aus dem Wald ragen. Als mir klar wurde, dass ich darüber schreiben will, habe ich mir die Gebäude und die Sprengstoffproduktion von Dr. Dieter Vaupel vor Ort ausführlich erklären lassen. Dr. Vaupel hat Anfang der 1980er die Geschichte der Fabrik und der jüdischen Zwangsarbeiter mit wichtigen Zeitzeugenberichten dokumentiert.

Nicht jeder ältere Mensch möchte mit der Vergangenheit in Verbindung gebracht werden. Sind Sie denn bei Ihrer Recherche auch auf Gegenwind gestoßen?

Nein, gar nicht. Die Sprengstofffabrik scheint vielmehr ein Quell allerlei Mythen geworden zu sein, die ganz gern erzählt werden. Und was diesen Teil der Vergangenheit angeht, haben diejenigen den Gegenwind abbekommen, die in den 1980ern erstmalig darüber berichtet haben; davon profitieren wir heute. Im Übrigen sind es häufig jüngere Menschen, die der Meinung sind, man solle die Vergangenheit endlich ruhen lassen.

Was interessiert Sie an der Vergangenheit Wickenrodes?

Ich finde es spannend, wie eine ganze Ära einfach sang- und klanglos zu Ende gehen kann. Mit der Einstellung des Bergbaus verschwanden die Zeitzeugnisse in Wickenrode. Man muss gezielt danach suchen, weil es keine Hinweise darauf gibt und sie zum größten Teil verfallen. Dabei ist diese Vergangenheit erst wenige Jahrzehnte her. Ich wollte diese Zeit in meinen Geschichten lebendig machen, ohne Geschichtsschreibung zu betreiben – das können andere besser als ich.

Sie leben selbst in Wickenrode. Was stellt der Helsaer Ortsteil heute dar?

Wickenrode ist ein idyllisches, typisch nordhessisches Dorf, das von der Landflucht und vom demografischen Wandel nicht verschont bleibt. Zum Glück haben junge Familien das Dorf mittlerweile als Alternative zum Stadtleben wiederentdeckt. Das nährt die Hoffnung, dass der Ort lebendig bleibt. 

Darum geht’s im Roman

Das kleine Bergarbeiterdorf Wickenrode wird in den 1964ern von einer seltsamen Welle an unerwarteten Todesfällen heimgesucht. Der junge Arzt Edgar Brix glaubt bald seinen eigenen Diagnosen nicht mehr. Und dann taucht ein Foto auf, das die verstorbenen Bergmänner in der Reihenfolge ihres Ablebens zeigt – Edgars Freund Albrecht steht als Letzter in der Reihe auf dem Foto. Der pensionierte Bergmann Albrecht Schneider glaubt nicht an die Theorie des Arztes, bis wieder ein Mann stirbt. 

Es tauchen Untersuchungsergebnisse kontaminierter Grundwasserproben auf – Spätfolge der Sprengstoffproduktion einer nahegelegenen Waffenfabrik aus dem zweiten Weltkrieg. Besteht hier ein Zusammenhang oder mordet vielleicht doch jemand mit System? Edgar Brix und Albrecht Schneider graben in der Vergangenheit.

Zur Person

Nicole Braun (43) ist Autorin und heißt mit bürgerlichem Namen Nicole Zaspel. Sie wuchs in Baunatal auf und lebte in Kassel, Kaufungen und seit 1998 in Wickenrode. Zuletzt arbeitete sie als Betriebswirtin. Den Beruf gab sie für das Schreiben auf. Nebenbei jobbt sie in der Buchhandlung Vietor in Kassel und gibt Vhs-Kurse zum Kreativen Schreiben. Die 43-Jährige liest selbst gern Krimi-Klassiker und wurde schon als Kind von der Figur des Meisterdetektivs „Balduin Pfiff“ geprägt. Sie hat zwei Hunde und lebt mit ihrem Mann in einem Haus in Wickenrode. 

Autor

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