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Uhren lügen nicht. Oder vielleicht doch?

Digitale Entfesselung: Mehr Erfolg durch Training ohne Tracking

Laufen nach Gefühl – es geht auch ohne Pulsuhr

Sie ist leidenschaftliche Berg- und Ultraläuferin: Seit 2010 coacht Anna Hughes Ausdauersportler. Bei uns gibt sie Sportlern wertvolle Tipps zu Training, Motivation und Ernährung.

Als ich im Juni am Start eines Ultramarathons stand, war das wilde Piepen der Pulsuhren anderer Läufer um mich herum nicht zu überhören. Ich hingegen trug an meinem Handgelenk nur die selbstgemachten Perlenarmbänder meiner beiden Töchter, die sie mir vor Jahren als Glücksbringer für einen Wüstenlauf gebastelt hatten - und die ich seitdem zu jedem Wettkampf trage. 

Die Energie, die ich aus diesem Geschenk beziehe, trägt mich bis über jede Ziellinie, so auch bei jedem Rennen auf einen vorderen Platz. Ich lief. Nur auf mich selbst konzentriert, meine Kraft selbst einschätzend. So konnte ich mich völlig ohne Ablenkung auf alles konzentrieren, was in meinem Kopf und meinem Körper ablief.

Vertrauen ins eigene Können

Ich frage mich, wie oft Athleten langsamer werden, aufgeben oder gar abbrechen müssen, nicht zuletzt deswegen, weil die Uhr sie in die Schranken weist: Bloß nicht überpacen, den Puls übermäßig in die rote Zone treiben! Sonst reicht es am Ende vielleicht nicht.

Wo bleibt da das Vertrauen ins eigene Können? 

Mehr noch, wie können wir wieder zu mehr Selbstvertrauen in unsere Fähigkeiten gelangen und in den Flow kommen ohne den Druck oder gar das Pflichtgefühl, uns auf sämtlichen Social-Media-Plattformen mitteilen zu müssen?

Ganz oben und weit vorn: Anna bei einem Lauf auf der Zugspitze. 

Den Pulsgurt auch einmal weglassen

Heute wird alles getrackt und in Excel-Tabellen eingetragen. Oder die Trainingsergebnisse werden mittels einer entsprechenden App hochgeladen und dann schnell auf sämtlichen Social-Media-Kanälen geteilt.

Die Anerkennung ist einem da oft sicher, ein gewisses Sicherheitsgefühl ist inklusive. 

Falsch ist daran nichts. Ich erlebe es oft in meinem Alltag mit Ausdauerathleten, die ich auf ein Ziel hin begleite und denen ich auch mal sage: „Lass heute den Pulsgurt weg. Sieh nicht jeden Kilometer auf die Uhr. Vertrau auf dein Körpergefühl.“ Zunächst löst diese Aufgabe Staunen und Zweifel aus. Bringt das wirklich was?

Es ist ein komisches Gefühl, sich mal nur aufs Sein zu konzentrieren, den Körper neu wahrzunehmen und bewusst mitzubekommen, was da so alles im Kopf läuft. Training nach Gefühl. Laufen nach Gefühl. Nicht zu verwechseln mit dem Lustprinzip, sondern als Methodik mit System, die sich über viele Jahre immer wieder bewährt hat und tatsächlich zu mehr Erfolg führen kann. Wenn der Spaß und die Leidenschaft im Sein wieder mehr in den Vordergrund rücken dürfen.

Ein Nischensport mit Extremcharakter mutiert zum Breitensport

Garmisch-Partenkirchen, wo ich seit drei Monaten lebe, wirbt doch tatsächlich mit einem englischen Slogan: Discover your true nature (deutsch: Entdecke deine wahre Natur).

Der Aufruf, sich draußen in der Natur, umrahmt von hohen Gipfeln, anders zu erfahren, Freiheit zu genießen, trifft wohl den Nerv der Zeit.

Da ist es wenig überraschend, dass sich jedes Jahr 30.000 Läufer sogar auf die Ultradistanz wagen, also Strecken jenseits der 42,195 Kilometer testen. Ein Nischensport mit Extremcharakter mutiert zum Breitensport. Da geht es vielfach überhaupt nicht mehr um irgendwelche Durchschnittsdaten, sondern oft zunächst einmal nur um pures Ankommen. Ganz egal, wie hoch der Puls schlägt oder ob gerade im idealen Bereich gelaufen wird oder nicht.

Die Natur erfahren.

Machen wir uns doch nichts vor: Die (Sinn)Suche nach etwas anderem, nach etwas nicht unbedingt Greifbarem ist längst Trend geworden. Wo oft unbewusst die Flucht aus dem Alltag mit seinem Stresstrigger Social Media als Katalysator wirkt. Endlich mal abschalten. Die Probleme vergessen oder wegschieben. Nichts tun müssen - außer eben zu sein.

Natürlich: Dem digitalen Fortschritt ist nichts abzusprechen. Anders sieht das jedoch aus beim Kollektivzwang, sich überall mit den verschiedensten Geräten mitteilen zu müssen, nur um sich sicherer zu fühlen.

Was gibt es Wahres dabei zu entdecken? Es ist die Besinnung auf die ursprüngliche Motivation - und die hat mit Social Media sicher eher wenig zu tun.

Wenn Werte wenig aussagen

1998, bei meinem ersten und letzten Straßenmarathon, kam ich nach 4:30 Stunden ins Ziel, ganz schön erschöpft. Ich war mit meiner ersten Pulsuhr am Start. Wie verrückt beobachtete ich meine Werte, konzentrierte mich angestrengt aufs Piepen, musste das Tempo immer wieder zügeln. Die Uhr kann doch nicht lügen, dachte ich. 

Doch bedingt durch die Aufregung vor und während des Laufs und eine relativ schlaflose Nacht war der Puls ohnehin oben - und die Werte also wenig aussagekräftig.

Bei Kilometer 35 rannte ich dann auch noch gegen die berühmte Wand am Checkpoint Charlie. Nichts ging mehr. Erst nach einer Massage schleppte ich mich die letzten sieben Kilometer mal laufend, mal gehend, mal wankend ins Ziel. Und ohne das Gepiepe meiner Uhr zu beachten. Ich kam auch so an.

Auch eine Maßeinheit: Distanz statt Puls. 

Was also hatte das ganze Training nach der Uhr gebracht - inklusive der detaillierten Analyse der Werte des Trainingsplans? Nichts! Nach diesem Erlebnis entschied ich mich für einen anderen Weg. Seitdem bin ich treuer Anhänger der Laufen-nach-Gefühl-Methode (Run-by-feel). Und meine GPS-Uhr erfüllt mittlerweile einen anderen Zweck.

Ist also mehr Erfolg tatsächlich durch eine digitale Kur möglich, um sich seiner wahren Stärken bewusst zu werden und seiner wahren Natur zu begegnen? Ich denke schon.

Probiert es aus. Lasst euch darauf ein. Heute mal ohne Uhr und Handy aufs Rad oder auf die Laufstrecke. Discover your true nature.

FACEBOOK-GRUPPE: GEMEINSAM LAUFEN

Auf Facebook haben wir eine Gruppe gegründet für alle, die einfach Lust am Laufen haben - und sich mit anderen darüber austauschen wollen: Laufen - für Herz, Seele, Geist und Spaß. Neben Anna Hughes ist dort auch Rückwärtslaufen-Weltmeister Hassan Kurt Mitglied. Außerdem Jens Nerkamp vom PSV Grün-Weiß Kassel, einer der schnellsten Läufer Deutschlands. 

Dort hat Anna übrigens bereits einen Trainingstipp veröffentlicht: die Pyramide für die Zeit nach den Feiertagen, in denen die Kaumuskeln mehr beansprucht wurden als die der Beine. Wollt ihr dabei sein? Wir freuen uns auf euch.

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