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Martin Luther

Luther aufs Maul schauen

Die "Worte meines Heulens" - kürzer, klarer, emotionaler

Paul-Josef Raues Kolumne „Luther aufs Maul schauen“ begleitet durch das Lutherjahr und zeigt als vergnügliche Stilkunde, welche Lektionen wir von Luther lernen können – um verständlich und attraktiv zu schreiben. Heute: Am Stil feilen.

„Die Worte meines Heulens sind ferne von meinem Heil“, übersetzt Martin Luther den Anfang von Psalm 22. Die Worte holpern, sind schwer verständlich: Auch Luther baute schwache Sätze, denen schnell der Atem ausgeht. Selbst wer einen eigenen Stil entwickelt hat, wer die Regeln des attraktiven Schreibens befolgt, der schreibt nicht unentwegt Sätze, die sprichwörtlich werden.

Aber Luther wusste, wenn seine Übersetzungen nicht stimmten – und er schien sich die Stellen zu merken, die einer besseren Formulierung harrten. So korrigierte Luther zehn Jahre nach der ersten Übersetzung den Psalm-Anfang, der auf einer der bekanntesten Sätze der Bibel folgt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Evangelisten Matthäus und Markus legten die Verzweiflung des Psalm-Dichters auch dem sterbenden Jesus in den Mund.

Luther korrigierte seine Psalm-Übersetzung so: „Ich heule, aber meine Hilfe ist ferne.“ Das ist wieder die Sprache, die die Menschen auf der Straße sprechen. Aus der komplizierten Konstruktion „Worten meines Heulens“ wird ein klarer Satz mit zwei Wörtern: „Ich heule“.

Was hat Luther verbessert? Es gibt kaum ein stärkeres Wort in unserer Sprache als „Ich“. Er entwirrt also die „Worte meines Heulens“, verwandelt das „mein“ in ein „Ich“ und wirft zwei der drei Substantive und zwei Silben aus dem Satz: Er wird kürzer, klarer, emotionaler.

Luther zertrümmert die Substantiv-Konstruktion und wählt mit „heulen“ ein starkes Verb statt des schwachen „sind“ in der ersten Fassung. Das reicht, um auch die Satzstellung zu verbessern: Er beginnt mit dem „Heulen“ und endet mit dem Grund der Verzweiflung: Der „ferne“ der Hilfe.

Übersetzer, die 2016 die neue Luther-Bibel vorlegen, waren immer noch nicht zufrieden. Sie haben auch Erkenntnisse, die Luther nicht hatte: In dem halben Jahrtausend zwischen Luther und uns tauchten Texte aus alten Zeiten auf, die Luther noch nicht kannte. So übernimmt die aktuelle Übersetzung Luthers feine Satz-Konstruktion, aber verstärkt das Verb. „Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne“, lautet die moderne Version.

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