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Ist meist mit dem Rad unterwegs: Radelmädchen Juliane Schumacher

Interview: "Immer mehr Menschen haben Bock aufs Radfahren"

Radelmädchen: "Es gibt bekloppte Autofahrer und dumme Radfahrer"

Auf deutschen Straßen herrscht Krieg. Trotzdem gibt es für Juliane Schumacher nichts Schöneres als Radfahren. Uns hat die Bloggerin (Radelmädchen) erklärt, warum man dafür keinen Helm braucht.

Die Liebe zum Fahrrad entdeckte Juliane Schumacher erst während des Modedesignstudiums wieder. Die Berlinerin merkte, dass man auf dem Velo in der Hauptstadt viel schneller unterwegs ist und schrieb dann sogar ihre Masterarbeit über Radmode für Frauen. Auch auf ihrem Blog Radelmädchen verbindet sie Alltagsbeobachtungen aus dem Großstadtschungel mit Lifestyle. Nun hat die 29-Jährige das Buch "How to survive als Radfahrer" geschrieben. Wir haben mit ihr telefoniert und sie während einer Rast in einem Schöneberger Park erreicht.

Warum macht Radfahren in Berlin, wo bekanntlich Krieg auf den Straßen herrscht, so glücklich?

Schumacher: Weil Berlin eine sehr grüne Stadt ist. Es gibt sehr viele spannende Ecken. Mit dem Rad kann man immer wieder etwas Neues entdecken. Außerdem ist man in Berlin so am schnellsten unterwegs. Ich habe das Rad erst als Studentin wiederentdeckt. Das lag daran, dass ich am Stadtrand aufgewachsen bin. Von dort braucht man schon mit der S-Bahn eine halbe Stunde nach Berlin rein. Als ich an der Uni war, habe ich dann mehr in der Stadt gewohnt. Dort ist das Rad das beste Verkehrsmittel.

Ist "How to survive als Radfahrer" ein Fahrradbuch für Menschen, die nicht Rad fahren?

Schumacher: Ich glaube, man sollte zumindest Bock darauf haben. Wenn man gar nichts mit Radfahren anfangen kann, ist das Buch vielleicht nicht das Richtige. Ich denke, es macht Lust, weil ich schreibe, wie schön Radfahren ist. Ich erkläre zum Beispiel, wie man sich am besten anzieht und wie man sich im Straßenverkehr verhalten sollte. Vielleicht traut man sich nach der Lektüre wieder aufs Rad.

Wie kann man sich am besten motivieren, an einem regnerischen Tag bei null Grad zur Arbeit zu radeln?

Schumacher: Manchmal fällt mir das natürlich auch schwer. Ich schaue dann immer erst einmal auf den Wetterbericht, um zu sehen, ob es im Lauf des Tages besser wird. Dann fahre ich zum Beispiel auf dem Hinweg mit der Bahn und nehme das Rad mit. Auf dem Rückweg ist es mir egal, ob ich nass werde. Und wenn es morgens nur nieselt, ziehe ich die Regenjacke an. Nur wenn es richtig gießt und keine Besserung in Sicht ist, lasse ich das Rad zuhause.

Was außer dem Wetter muss sich in Deutschland ändern, damit hier ebenso viele Menschen mit dem Rad zur Arbeit fahren wie in Kopenhagen, wo es ja auch regnet?

Schumacher: Es ändert sich gerade schon sehr viel. Die Leute kriegen Bock aufs Radfahren. Aber gerade bei der Infrastruktur müsste mehr getan werden. Viele Radwege sind zu schmal, die Straßen sind oft zu stark befahren, so dass es für Radler keinen Platz mehr gibt. Die rechte Spur ist beispielsweise oft zugeparkt. Dafür müsste es mehr Kontrollen und höhere Strafen geben.

Die einen sagen, wir brauchen mehr Radwege, die anderen glauben, dass der Verkehr sicherer wird, je mehr Radfahrer auf der Straße unterwegs sind. Was glauben Sie?

Schumacher: Beides. Grundsätzlich fahre ich lieber auf der Straße, weil ich das Gefühl habe, dass ich dort besser gesehen werde - gerade an Kreuzungen. Andererseits finde ich auch geschützte Radstreifen gut, die von der Straße abgetrennt sind. Leider gibt es die noch zu selten.

Neben Ihrem Cube-Tourenrad sind Sie seit Kurzem auch mit einem Faltrad unterwegs.

Schumacher: Ja, ich bin verliebt in mein Brompton. Gerade bei längeren Strecken in der Stadt ist das Faltrad superpraktisch. In der S-Bahn kann man es einfach neben sich stellen. Und auch das Fahren ist nicht anstrengender als mit einem großen Rad. Ich bin sogar schon ein Faltradrennen gefahren, eine Art Spaß-Wettkampf.

Auf keinem der Bilder im Buch sieht man Sie mit einem Fahrradhelm. Wird der Kopfschutz überschätzt?

Schumacher: Nein, aber ich denke, es ist teilweise eine Frage des Fahrstils. Wenn ich zum Beispiel mit dem Faltrad Rennen fahre, ist es Pflicht, einen Helm zu tragen. Das ist vollkommen in Ordnung, weil man schneller und auch nicht so vorsichtig wie im Alltag fährt. Generell ist es nicht ganz sinnlos, einen Helm zu tragen. Aber es gibt auch Studien, die zeigen, dass Autofahrer beim Überholen viel weniger Abstand halten, wenn die Radler einen Helm tragen. Es steigt also die Unfallgefahr. Ich fühle mich ohne Helm nicht unsicher.

Als Modedesignerin haben Sie Ihre Masterarbeit über "urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad" geschrieben. Warum gibt es so wenig Radbekleidung, die auch gut aussieht?

Schumacher: Weil der Markt gerade erst entdeckt wird. Da nun immer mehr Menschen auf Rädern unterwegs sind, merkt die Industrie langsam, dass nicht alles nach Sportbekleidung aussehen muss. Man will sich halt nicht jedes Mal umziehen, wenn man im Alltag unterwegs war.

In einem Kapitel distanzieren Sie sich von Kampfradlern. Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn ich an roten Ampeln an stinkenden Autos vorbeirolle, bis ich vorn stehe?

Schumacher: Erst einmal nichts, denn es ist nicht verboten. Wenn aber parkende Autos zusätzlich die Fahrbahn verengen und ich nur mit Mühe daran vorbei rollen kann, muss ich das nicht machen. Denn für Autofahrer ist das sicher auch kein so gutes Gefühl.

Warum werden Radfahrer so oft mit Kampfradlern gleichgesetzt?

Schumacher: Weil das Negative besonders auffällt und in Erinnerung bleibt - also auch die Radler, die im Affenzahn und ohne Rücksicht zu nehmen noch bei Rot über die Ampel brettern. Aber die wenigsten fahren so aggressiv. Es ist eine Charakterfrage. Radfahrer verhalten sich grundsätzlich nicht schlechter als alle anderen Verkehrsteilnehmer. Es gibt bekloppte Autofahrer und dumme Radfahrer. Am besten ist es, wenn jeder auf den anderen achtet und rücksichtsvoll fährt.

Wie oft kommen Sie in heikle Situationen?

Schumacher: Wirklich brenzlige Situationen erlebe ich sehr selten. Ich ärgere mich aber jeden Tag über Falschparker und regelmäßig über Autofahrer, die beim Überholen zu wenig Abstand halten. An Kreuzungen versuche ich immer Augenkontakt mit den Autofahrern herzustellen. Und bei Lkws an der Kreuzung warte ich im Zweifelsfall lieber.

Welches ist Ihre Lieblingsstadt zum Radfahren?

Schumacher: Berlin ist schon ganz gut, aber Kopenhagen finde ich toll. Die Wege dort sind superangenehm und die Dänen allgemein sehr achtsam, denn sie sind an Radfahrer gewöhnt. Das Verhalten der Verkehrsteilnehmer untereinander war da komplett anders. Die warten an verengten Straßenstellen auch mal auf Radfahrer, die Vorfahrt haben. In Deutschland erlebt man das fast nie.

Manche fordern, dass Radler wie zum Beispiel in Frankreich an roten Ampeln rechts abbiegen dürfen. Wäre das eine gute Regelung?

Schumacher: An vielen Kreuzungen wäre das definitiv eine Verbesserung - wenn dabei auf die Fußgänger geachtet wird.

Berlin gilt auch als Hauptstadt der Fahrraddiebe.

Schumacher: Das Thema ist leider sehr präsent. Mir wurden gerade Sattelstütze und Sattel geklaut. Einigen Freunden auch schon das Rad. Man sollte das Rad möglichst nicht in dunkle Hinterhöfe stellen und vor allem nicht nachts draußen stehen lassen. Ich trage meins sogar in die vierte Etage. Ein gutes Schloss hält die Diebe zwar nur kurz auf, aber je länger sie brauchen, umso besser.

Im "Tatort" fuhren die TV-Kommissare früher dicke BMWs, heute hat jeder jüngere Ermittler ein Fixie im Flur stehen. Ist Radfahren bald cooler als Autofahren?

Schumacher: Ja, das Bewusstsein dafür ist da. Es gibt viele eigene Szenen, in denen man viel gestalten kann - etwa die Fixie-Radfahrer. Man trifft Leute, die das gleiche Interesse haben wie man selbst. Man fühlt sich aufgenommen. Das macht es cool.

Das klingt ein bisschen so, als würde man eine coole Indie-Band entdecken, aber wenn die Musik dann alle hören, findet man sie scheiße. Wird Radfahren irgendwann zu sehr Mainstream?

Schumacher: Nein, das Radfahren hat auf jeden Fall Zukunft. Den Menschen wird immer mehr bewusst, wie sehr Autos das Stadtleben einschränken, weil die öffentlichen Flächen mit Autos zugestellt sind. Das mindert die Lebensqualität.

"How to survive als Radfahrer" (264 Seiten, 9,95 Euro) erscheint am 1. Mai bei Schwarzkopf & Schwarzkopf.

ZUR PERSON: JULIANE SCHUMACHER

Alter:

29

Ausbildung:

Modedesignstudium in ihrer Heimatstadt Berlin

Beruf:

Freie Texterin und Merchandiserin, bloggt als Radelmädchen.

Privates:

Lebt mit ihrem Freund und einer Katze in Berlin.

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