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Manchmal ist ihre Welt wunderbar, manchmal kann sie keine Freude am Leben empfinden: Borderline-Patientin Leilani Engel (26) aus Kassel.

Leilani Engels einziger Wunsch war es zu sterben

Borderline-Patientin: Die Rasierklinge ist ihre beste Freundin

Mehr als 200 Mal hat Leilanie Engel versucht, sich das Leben zu nehmen. Die Kasselerin wurde als Kind missbraucht und ist Borderline-Patientin. Trotzdem macht ihre Geschichte Hoffnung.

Vor sechs Wochen hätte Leilani Engel beinahe geschafft, sich das Leben zu nehmen. Sie versuchte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, verblutete aber nicht. Stattdessen ging sie am nächsten Morgen ins Kasseler Elisabeth-Krankenhaus. Mehr als 200 solcher Versuche hat die 26-Jährige bereits hinter sich. Sie nahm Tabletten und Rattengift, überlegte, sich von Brücken zu stürzen, und schluckte Rasierklingen.

Die Kasselerin ist Borderline-Patientin. Unter der Persönlichkeitsstörung leiden mehr Menschen als unter Schizophrenie. Und trotzdem wissen die meisten nur, dass Borderliner die sind, die sich in die Haut ritzen. Auch Engels Unterarme sind übersäht von Narben. Ihre Seele ist ebenfalls gezeichnet von all den Verletzungen, die sich Engel seit Teenagerzeiten zugezogen hat. Wir erzählen ihre Geschichte, die im wahrsten Sinn des Wortes unter die Haut geht und trotz aller Todessehnsucht Hoffnung macht. Engels Vorname, den sie sich vor eineinhalb Jahren offiziell gegeben hat, heißt im Hawaiianischen "Blume des Himmels".

Wie alles begann

Bevor Engel erzählt, wie ihr Leben verlief, sagt sie, dass sie sich gerade ganz gut fühlt. Auf einer Skala von eins bis zehn landet sie bei sieben. Das ist mehr als bei vielen anderen Menschen, die gesund sind. Sie sagt aber auch: "In einer Stunde kann das ganz anders sein. Das ist typisch Borderline." Patienten wie Engel sind psychisch nicht ausreichend stabil, um ein normales Leben zu führen. Oft beginnen deren Leidensgeschichten mit Missbrauch in der Kindheit.

Leilani Engels Blog.

Engel, die in der Region aufwuchs, wurde ab dem zwölften Lebensjahr sexuell missbraucht, vielleicht auch früher. So genau kann sie sich nicht daran erinnern. Sie will auch nicht detailliert darüber sprechen. Das musste sie vor Jahren in einem Gerichtsverfahren machen, ohne dass der Täter am Ende verurteilt wurde.

Sie litt unter ihrer Familie und ihren Klassenkameraden, für die sie "das perfekte Mobbing-Opfer" war, "weil ich mich nicht gewehrt habe". Mit 14 unternahm sie ihren ersten Suizidversuch: "Ich war verzweifelt, fühlte innerlich nur noch Schmerzen und sah keinen Sinn im Leben."

Drei Jahre später diagnostizierten Ärzte bei ihr das Borderline-Syndrom. Engel zog zu ihrer Großmutter und später in eine Jugendwohngruppe. In der zwölften Klasse brach sie die Schule ab, mehrmals landete sie in der Psychiatrie. Andere junge Frauen träumen davon, die Welt zu sehen, einen tollen Beruf zu haben oder eine Familie zu gründen. Engel hingegen träumte davon zu sterben: "Einen anderen Wunsch hatte ich nicht."

Wurde als Kind und Jugendliche missbraucht: Leilani Engel.

Wie es fast zu Ende ging

Mit 18 bekam sie Hartz IV, ein Jahr später wurde sie erwerbsunfähig geschrieben. Seitdem lebt sie von einer staatlichen Grundsicherung, die geringer ist als der Hartz-IV-Satz. Zwischendurch war sie kurz davor, auf dem Straßenstrich anschaffen zu gehen. "Ich dachte, das ist das einzige, was ich kann." Sie kiffte ein paar Mal und trank exzessiv Alkohol, um "nicht mehr denken und fühlen zu müssen". Wenn sie wieder einmal blutüberströmt in der Notaufnahme des Krankenhauses auftauchte, sagten die Schwestern: "Die schon wieder."

"Ich bin krank, weil Menschen kalt sind." Leilani Engel

Dreimal musste sie notoperiert werden. Ärzte glaubten ihr nicht, wenn sie erzählte, dass sie Rasierklingen geschluckt habe. War es für eine Magenspiegelung schon zu spät, blieb ihr nichts anderes übrig, als unter Überwachung darauf zu warten, dass das messerscharfe Metall auf natürlichem Weg wieder aus dem Körper kam. Um innere Verletzungen zu vermeiden, aß sie Sauerkraut, bis sie es nicht mehr sehen konnte.

Ein Oberarzt im Kasseler Ludwig-Noll-Krankenhaus veränderte schließlich ihr Leben. Montags fragte er sie: "Sie waren am Wochenende wieder zuhause. Wo sind denn die Schnittverletzungen und Blutlachen in der Stadt?" Zum ersten Mal begann Engel, sich zu wehren und sich selbst ernst zu nehmen. Zwei Jahre später aber ertrank der Arzt beim Urlaub im Meer. Engel war sich sicher: "Eine höhere Macht hat etwas dagegen, dass es mir besser geht."

Die Norwegerin Ida hat acht Jahre lang ein Videotagebuch über ihre Borderline-Erkrankung geführt.

Wie es weitergeht

Dass es Engel heute doch wieder besser geht, liegt wahrscheinlich auch an der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), die sie durchlief. Bei dieser Form der Psychotherapie mit fernöstlichen Meditationstechniken lernen die Patienten, "dass sie Leid und Schmerzen auch annehmen müssen. Zugleich werden sie gedrängt sich zu verändern", wie ein Experte erklärt. Außerdem erhält sie Unterstützung von einer Psychiaterin, Sozial- sowie Traumatherapeuten und den Mitarbeitern des Ludwig-Noll-Krankenhauses. Vor allem aber halfen Engel Menschen, bei denen sie zum ersten Mal so sein durfte, wie sie ist. Sie machte ein Praktikum beim Ponydrome-Verein für therapeutisches Reiten, wo sie Vertrauen neu lernte und noch heute ehrenamtlich arbeitet. "Menschen haben Vorurteile, Pferde haben das nicht", sagt Engel.

Wenn ihr daran denkt, euch das Leben zu nehmen, kontaktiert bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 und 0800-1110222 erhaltet ihr Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufgezeigt haben.

Sie richtete ein Internet-Selbsthilfeforum für psychische Erkrankungen ein. Es ist für alle gedacht, "egal wie schlecht es einem geht". Beim Verein Ex-In Hessen, der über psychische Erkrankungen aufklärt, absolvierte sie eine Ausbildung zur Genesungsbegleiterin. Hier hält Engel Vorträge über Traumatisierung und wie man damit umgeht. "Ich weiß mehr über Borderline als manche Therapeuten", ist sie überzeugt. Zuletzt berichtete sie bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie Hofgeismar eindrucksvoll davon, wie es sich anfühlt, wenn Menschen wie sie "in unserem System entmündigt und weggesperrt" werden.

Und schließlich fand Engel den Weg zu Gott. Früher dachte sie, alle Gläubigen "hätten nicht mehr alle Tassen im Schrank". Nun engagiert sie sich im Kasseler Jesus Centrum, einer Pfingstgemeinde. Plötzlich geliebt zu werden, war eine neue Erfahrung für Engel: "Die Gemeinde hat mir das Leben gerettet."

Sie hat nun auch andere Wünsche als zu sterben. Engel träumt davon, irgendwann einmal Kinder zu adoptieren. "Eigene Kinder will ich nicht in die Welt setzen. Dafür gibt es genug Kinder, die sich nach einem schönen Zuhause sehnen", sagt sie. Es klingt nach einem Happy End. Bilder, die die Hobby-Künstlerin malt, und Texte, die sie schreibt, zeugen aber immer noch davon, dass sie eine Borderlinerin bleibt - auch wenn die Akutphasen mit zunehmendem Alter abklingen. Vor einigen Jahren schrieb sie den Satz: "Meine beste Freundin ist eine Rasierklinge, denn sie lässt mich nie im Stich." Heute gefällt er ihr nicht mehr.

Zwei Menschen in einer Felsspalte: Kunstwerk der Hobby-Malerin Leilani Engel.

Stichwort: Borderline

Borderline ist mehr als sich zu ritzen. Laut Schätzungen leiden ein bis fünf Prozent aller Menschen an der Persönlichkeitsstörung. Allein in Kassel soll es bis zu 6000 Betroffene geben. Frauen sind etwas häufiger betroffen. Ihr Alltag ist bestimmt von extremen Gefühlsschwankungen und instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen. Viele Borderliner fürchten nichts mehr, als verlassen zu werden. Ein Ratgeber heißt darum: "Ich hasse dich, verlasse mich nicht." Eine Patientin beschrieb ihre Krankheit so: "Borderline bedeutet ein Kind zu sein, das verzweifelt nach seiner Mutter sucht." Typische Symptome sind Selbstverletzungen und blutende Unterarme, Essstörungen und Suizidversuche. Behandelt wird die Krankheit vor allem mit bestimmten Formen der Verhaltenstherapie und Psychotherapien. Ihr Name kommt daher, dass Mediziner das Syndrom früher auf der Grenzlinie (englisch: Borderline) zwischen Neurose und Psychose ansiedelten.

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