Im Mai und August werden auf Instagram die meisten Bilder mit Regenbogen gepostet.

#DasbesondereBuch: So blicken wir mit Instagram auf die Welt

Manche meinen, durch Instagram würden wir verblöden. Dabei liefert das Foto-Netzwerk Erkenntnisse über unseren Alltag, die interessanter sind als die meisten Studien, wie ein neues Buch zeigt. 

Wer glaubt, die Welt sei nur noch schlecht, dem geht es nach einem Blick in seine Instagram-App vermutlich sofort besser. Im größten Foto-Netzwerk sieht alles gut aus - okay, fast alles. Die Retrofilter hübschen noch die banalsten Alltagsschnappschüsse auf. Selbst die Essensbilder, die manche Freunde rund um die Uhr posten, werden hier erträglich.

Instagram, heißt es nun in einem neuen Buch, ist das "Disneyland unter den sozialen Netzwerken". Hier gibt es keine Aufreger, sondern nur eine schöne neue Welt der Selbstdarsteller. Aber trotz aller inszenierten Oberflächlichkeiten liefert der 2010 gestartete Online-Dienst, der mittlerweile zu Facebook gehört, interessante Erkenntnisse über unser modernes Leben. Man muss nur ein bisschen in die Tiefe gehen.

Rosen werden vor allem an drei Tagen verschenkt.

Das haben der Journalist Tin Fischer, der Software-Entwickler David Goldwich und der Grafiker Ole Häntzschel getan. Ein Jahr lang analysierten sie über eine offene und ganz legale Schnittstelle Instagram-Bilder, die mit bestimmten Hashtags versehen waren. Das sind Schlagwörter wie #babybauch und #betrunken, die Themen bündeln und ein bisschen Ordnung in die Bilderflut bringen. 

Am Ende hatte das Trio ein Terrabyte Datenmaterial zusammengetragen. Wie die Bilder aussahen, interessierte die Autoren kaum. Dafür werteten sie Daten wie Aufnahmezeitpunkt und Ort mit Statistik-, Linguistik-, Kartografie- und Netzwerkprogrammen aus, um bestimmte Muster ausfindig zu machen. Herausgekommen ist das Buch "Nach dem Wochenende bin ich erst mal #krank - Was Instagram über uns verrät".  

Bücher machen uns #happy.

Der Titel bezieht sich auf den Hashtag #krank, der vor allem am Anfang der Woche gepostet wird. Zum Wochenende hin, das lässt sich aus Instagram herauslesen, werden die Menschen wieder gesund. Auch sonst zeigt das aus einer halbe Milliarde Kameras bestehende Netz, wie wir ticken. Zum Beispiel reagieren wir auf einen Temperaturanstieg: Sobald das Thermometer auf 12 Grad Celsius klettert, werden #Frühlingsgefühle gepostet. Und #glücklich werden wir vor allem bei #sonne und im #urlaub.

Eine der vielen anschaulichen Infografiken dokumentiert die Ausbreitung der Selfie-Seuche. Schon 2010 lieferte das iPhone mit seiner Frontkamera die Technik für digitale Selbstporträts. Der Boom beginnt jedoch erst im Herbst 2012, als Stars wie Lady Gaga und Justin Bieber sich selbst ablichten.

Das kommt auf die Pizza.

Das Buch ist wie Instagram: Man kann sich leicht darin verlieren und nur schwer mit der Lektüre aufhören. Es ist alles so leicht konsumierbar. Aber wen wundert es bei einem Medium, das anders als Twitter keine Plattform für Debatten ist, sondern um gesehen zu werden? So gab es im März 2016 nur 460.000 Fotos mit dem Hashtag #protest, aber 107.000.000 mit dem Schlagwort #hair.

Schlecht ist Instagram deswegen aber noch lange nicht. Schlagworte wie #fuck sind verboten. Trotzdem darf man hier noch mal fluchen über das Netzwerk: Im Juni 2016 hat Instagram den Zugriff für Dritte eingeschränkt. Seither können die von den Autoren verwendeten Datenroboter die Bilder nicht mehr auswerten.

Die Vorfreude aufs Saufen ist die schönste Freude.

Tin Fischer, David Goldwich, Ole Häntzschel: "Nach dem Wochenende bin ich erst mal #krank. Was Instagram über uns verrät." Piper-Verlag, 208 Seiten, 12 Euro. Wertung: fünf von fünf Sternen.


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