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Soll Gott in die Verfassung?

Gottesbezug entzweit die Bevölkerung

Pro und Kontra: Gehört Gott in die Hessische Verfassung?

Die CDU will Gott in die Hessische Verfassung aufnehmen. Darüber wird nun heftig gestritten. Wir haben mit einem Befürworter und einem Gegner gesprochen.

Pro: Werte jenseits der staatlichen Ordnung

Für den Gottesbezug in der Landesverfassung spricht sich der Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Dr. Volker Knöppel, aus.

Warum sind Sie für den Gottesbezug in der Landesverfassung?

Volker Knöppel: Wir als evangelische Kirche sind dafür, weil der Verfassung mit dem Gottesbezug ein Wertekanon zugrunde gelegt wird. Der Gottesbezug soll deutlich machen, dass es ein Wertesystem jenseits der staatlichen Ordnung gibt. Damit ist aber nicht gemeint, dass unser Staat eine christliche Prägung bekommen soll. Im Grundgesetz findet sich der Gottesbezug auch. Dadurch ist der Staat in seinem Wesen aber auch nicht verändert worden, sondern ist weltanschaulich neutral geblieben. Der Gottesbezug soll die Politik und die Menschen daran erinnern, dass der Mensch nicht allmächtig ist.

Schließt der Gottesbezug Anders- und Nichtgläubige nicht aus?

Knöppel: Nein, dann dürfte man ihn nicht aufnehmen. Aus unserer Sicht handelt es sich um einen allgemeinen Gottesbegriff. Der Bezug auf Gott ist hier als Verweis auf ein allgemeines Wertesystem zu verstehen, das für alle gilt, denn alle Menschen haben Werte. Das mögen andere Wertesysteme als das christliche sein, aber auch sie geben den Menschen Orientierung.

Wäre der Bezug auf die Menschenwürde nicht universeller?

Knöppel: Die Menschenwürde greift bei diesem Anliegen meines Erachtens zu kurz. Sie ist ja ein Ausfluss des Gottesbegriffs, denn Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen.

Kontra: Die Änderung grenzt viele aus

Gegen den Gottesbezug in der Landesverfassung spricht sich der Landesvorsitzende des Humanistischen Verbands Hessen, Dr. Florian Zimmermann, aus.

Warum sind Sie gegen den Gottesbezug?

Florian Zimmermann: Wir sind der Meinung, dass die Verfassung und auch das Grundgesetz dafür da sind, dass sich möglichst alle Menschen in ihnen repräsentiert fühlen. Wir finden uns nicht wieder, wenn in der Präambel steht ,In der Verantwortung vor Gott‘, da wir eine nicht-religiöse Weltanschauung vertreten. Wir sehen keine Verantwortung vor Gott, da wir an keinen Gott glauben.

Aber glauben Sie nicht, dass es wichtig wäre, sich in der Präambel auf Werte zu beziehen?

Zimmermann: Werte sind eine sehr persönliche Sache. Es würde den Rahmen der Präambel wohl sprengen, wenn man versuchen würde, die Werte aller Hessen aufzunehmen. Da mag es eine Abkürzung sein, ein christliches Wertebild zu beschwören, aber damit grenzt man etwa 35 Prozent der hessischen Bevölkerung aus. Und wir als Atheisten sind nicht die einzigen, die sich ausgegrenzt fühlen würden.

Wer noch?

Zimmermann: Ich denke besonders an die vielen Menschen, die durch Zuwanderung zu uns gekommen sind. Viele von ihnen haben gar keinen oder keinen christlichen Glauben und sind froh über die bei uns herrschende Religionsfreiheit. Ein Gottesbezug wäre auch an diese Menschen ein falsches Signal und ein Hindernis für ihre Integration.

Würden Sie einem Bezug auf die Menschenwürde zustimmen?

Zimmermann: Das wäre für uns eine sehr gute Alternative. Auch auf die Erklärung der Menschenrechte könnte man sich beziehen oder generell auf etwas, wo Werte unabhängig von einer religiösen oder nicht-religiösen Weltvorstellung geteilt werden.

Befürworter des Gottesbezugs argumentieren unter anderem mit der christlichen Tradition unseres Landes.

Zimmermann: Dann müsste man in Hessen und in Deutschland noch mehr Traditionen aufzählen. So wird zum Beispiel explizit von christlich-humanistischer Tradition gesprochen. Wir haben auch eine aufklärerisch-humanistische Tradition, die die Aufklärung gegen die Kirchen erwirkt hat. Es wäre ungünstig, über einem Dokument wie der Landesverfassung, in dem sich viele Menschen wiederfinden, Grabenkämpfe aufzumachen, welche philosophische oder religiöse Strömung den größten Einfluss hat. Die Verfassung sollte die Gegenwart widerspiegeln und die Gemeinsamkeit der Menschen.

Zu den Personen

Dr. Volker Knöppel (59) ist als Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Leitender Jurist der Kirche und der juristische Stellvertreter des Bischofs. Der gebürtige Naumburger studierte Rechts- und Staatswissenschaften. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

Dr. Florian Zimmermann (33) ist Landesvorsitzender des Humanistischen Verbandes Hessen. Zimmermann wurde in Gießen geboren. Dort studierte er auch Mathematik. Beruflich ist er als Entwicklungsingenieur tätig. Er lebt in Frankfurt und ist verheiratet.

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