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Jetzt bitte nicht schimpfen: Auch wenn jemand stolz darauf ist, ein Veganer zu sein, kann man doch eine Tofuwurst mit ihm essen.

Tag der Erde in Kassel und Limburger Veganerin erhitzen die Gemüter

Debatte: Darum nerven Veganer so - und darum haben sie das Recht dazu

Beim Kasseler Tag der Erde gibt es keine Bratwurst - und schon schimpfen alle wieder auf Veganer und Vegetarier. Warum nerven die bloß so? Ein Standpunkt und eine Erwiderung. 

Veganern fehlt Toleranz gegenüber Andersdenkenden

Für Tibor Pezsa zeigt sich am Auftreten von Veganern ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft.

Tibor Pezsa (Leiter der Nachrichtenredaktion)

Erst kommt das Fressen, dann die Moral" - was noch 1928 in Bertolt Brechts Dreigroschenoper selbstverständlich war, ist bei Veganern genau umgekehrt. Bei ihnen kommt erst die Moral und dann das Fressen. Das ist es, was sie so nervig machen kann. Wohlbemerkt: kann, nicht muss. Natürlich gibt es Veganer, die genug damit zu tun haben, was ihre neue Ernährung für sie persönlich bedeutet. Plötzlich ist die Welt voll neuen Sinns, und außerdem müssen nun ja auch allerlei Notwendigkeiten bedacht werden - etwa die Frage, mit welchen Nahrungsergänzungsmitteln die Risiken und Nebenwirkungen der kopf- statt bauchgesteuerten Nahrungsbeschränkung ausgeglichen werden sollte. Jod und Kreatin vielleicht, gewiss Vitamin B12. Aber leben Fleischesser nicht auch riskant? Na siehste. Hach, wie gut so eine Gurke plötzlich schmeckt.

Alles nur Privatsache? In seinem Buch "Die radikalisierte Gesellschaft" hat der Kasseler Psychologe Ernst-Dieter Lantermann gezeigt, wie unsere individualisierte Gesellschaft, in der jeder für sich selbst verantwortlich ist, für viele eine Überforderung bedeutet. Die Zuwendung zu radikalen Weltbildern verwandelt diese Ohnmacht in gefühlte Handlungsmächtigkeit.

Doch der Preis dafür ist hoch: Was dem verengten Welt- und Selbstbild widerspricht, wird Lantermann zufolge ausgeblendet. Die Toleranz gegenüber anderen Milieus nimmt ab. Für eine Gesellschaft ist das katastrophal.

Man mag als Lokalposse belächeln, wie eine Limburger Veganerin es schaffte, das Kinderlied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" aus dem Glockenspiel des Rathauses zu entfernen. Doch die vorauseilende Traditionsabkehr des Limburger Bürgermeisters ist nur ein Beispiel dafür, wie es auch kleinsten Minderheiten mit einem Übermaß an beflissener Korrektheit auf allen Seiten gelingen kann, den öffentlichen Raum zu verändern, ja umzuprägen.

Das wurstfreie Volksfest in Kassel ist ein anderes Beispiel dafür, wie aus der vermeintlichen Privatsache Veganismus eine öffentliche Austreibung werden kann. Minderheiteninteressen können intolerant sein. Und das ärgert viele Leute zu Recht.

Natürlich sind alle Minderheiten zusammen in der Mehrheit. Aber muss man sich deswegen ernsthaft um Transgender-Markierungen auf Uni-Toiletten streiten? Ist die Ausstattung eines angeblichen Volksfestes mit einem Bratwurststand tatsächlich so eine Zumutung?

Was haben Fahrradfahrer und Behinderte eigentlich miteinander zu tun, Homosexuelle und Marathonläufer, Asylbewerber, Facharbeiter und Vogelschützer, Veganer und Wurstesser? Wenig und viel zugleich. Denn keiner ist nur das eine und nichts sonst. Sie alle sollten ein gemeinsames Interesse nicht aus den Augen verlieren: die Toleranz für Andere und Andersdenkende.

Die Herausforderung liegt nicht darin, eine gute Absicht zu haben. Sie liegt darin, die guten Absichten aller anderen auszuhalten.

Auch Veganer haben das Recht zu nerven 

Matthias Lohr ist schleierhaft, warum es immer gleich einen Volksaufstand gibt, nur wenn irgendjemand das Wort "Veggie-Day" flüstert.

Matthias Lohr (Online-Redaktion)

Vorigen Herbst gab es nach dem Ahle-Wurscht-Tag, der Jahr für Jahr in der Region stattfindet, einen Proteststurm. Ein Besucher hatte sich bei den Organisatoren vom Förderverein Nordhessische Ahle Wurscht beschwert, dass es keine vegetarischen Gerichte gab. Er startete eine Internet-Petition gegen die Bevormundung der Gäste. Anschließend musste sich das Regierungspräsidium mit der Sache beschäftigen. Sogar die britische BBC berichtete über den Skandal. Beobachter fragten sich, was wohl in der Tofuwurst war, die der Protestler zuvor gegessen haben musste.

Das Szenario ist nur ausgedacht, aber genau so etwas passiert gerade unter umgekehrten Voraussetzungen in Kassel. Die Veranstalter des Tages der Erde verzichten bei ihrem Fest auf Fleischangebote. Das ist ihr gutes Recht. Selbst der größte Steak-Liebhaber muss zugeben, dass es eigentlich konsequent ist, wenn eine Veranstaltung, bei der es um Nachhaltigkeit geht, auf Produkte verzichtet, deren Herstellung so klimaschädlich sind wie sonst nur der weltweite Flugverkehr.

Stattdessen gibt es einen Volksaufstand und die Organisatoren werden als "Veganfaschos" beschimpft. Ja, Veganer können nerven, wenn sie einen bekehren wollen. Aber auch Vertreter der Fleischerinnung nerven, wenn sie meinen, die Welt gehe unter, weil es irgendwo keinen Bratwurststand gebe. Auch CDU-Politiker, die sonst den Grünen vorwerfen, sich in das Privatleben der Menschen einzumischen, nerven, wenn sie nun unbedingt dafür sind, dass die Stadt fremde Speisekarten bestimmt. Die halbe Welt besteht aus Nervensägen.

Die Diskussion in Kassel sowie die hysterische Debatte um eine Veganerin aus Limburg und ein Glockenspiel, die bezeichnenderweise mit einer Büttenrede des Bürgermeisters begann, sagen wenig über Veganer aus, aber viel über eine Gesellschaft, die sich bedroht fühlt, weil ihr Lebensstil infrage gestellt wird.

Es mag Veganer geben, die aus ihrer Ernährung eine Ersatzreligion gemacht haben. Dabei haben Religionen schon genug Unheil angerichtet, seitdem der Mensch vor hunderttausenden Jahren vom Pflanzen-zum Fleischesser wurde. Es gibt gerade auch in Großstädten viele Menschen, die sich lediglich aus Gründen des Lifestyles vegan ernähren und mit dem SUV zum Bioladen fahren. Und für einige ist Ernährung eine Art Extremsport, weil sie für einen Ironman-Triathlon zu faul sind.

Das alles darf nicht davon ablenken, dass wir dabei sind, unseren Planeten zu plündern - gerade auch wegen unseres übermäßigen Fleischkonsums. Darum dürfen missionierende Veganer auch mal nerven. So wie Menschenrechtler den Herrschenden in Autokratien auf die Nerven gehen. Erst wenn die letzte Bratwurst und Ahle Wurscht gegessen sind, werden wir merken, dass solche Debatten wie die um den Kasseler Tag der Erde überhaupt nicht helfen.

Wer isst was?

Vegetarier:

Sie essen vereinfacht ausgedrückt keine Produkte, für deren Verzehr Tiere getötet werden müssen, also kein Fleisch, keine Wurst, keinen Fisch.

Veganer:

Sie essen keinerlei tierische Produkte, also auch keine Eier, keine Milchprodukte wie Käse, keinen Honig und keine Gerichte mit tierischen Zusatzstoffen. Auch bei der Kleidung sind Tierprodukte wie Wolle und Leder tabu.

Frutarier:

Sie sind Extrem-Veganer, die sich nur auf der Basis von Früchten ernähren. Sie nehmen nur pflanzliche Produkte zu sich, bei deren Ernte die Stammpflanze nicht beschädigt wird. Manche essen nur Obst, das bereits vom Baum gefallen ist.

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Autor

Matthias Lohr

Matthias Lohr

*1974, Soziologie- und Politikstudium, bei der HNA ab 1994 freier Mitarbeiter, elf Jahre Jahre lang Kulturredakteur, mittlerweile in der Online-Redaktion. Am liebsten in Laufschuhen und auf dem Rad unterwegs.

mal@hna.de

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