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Zentrale Kunstwerke der documenta 14: Der Parthenon auf dem Friedrichsplatz und der rauchende Zwehrenturm.

Glosse

Wo die documenta Bücher verbrennen lässt - und andere Missverständnisse

Ein Leser wollte von uns wissen, wo er Bücher für die Bücherverbrennung der documenta abgeben könne. Es ist nicht das einzige Missverständnis, das die Weltkunstschau hervorruft.

Als uns zuletzt ein Leser anrief, dachten wir, es sei wieder 1933. Er hatte vom documenta-Kunstwerk auf dem Friedrichsplatz gehört, in dem 55.000 Bücher verbotener Autoren an einem Nachbau des Akropolis-Tempels Parthenon angebracht werden. Irgendetwas hatte der Leser dabei falsch verstanden. Er fragte: "Wo kann ich die Bücher für die Bücherverbrennung abgeben?"

Er klang etwas älter, vielleicht nicht so alt, dass er an diesem Freitag vor 84 Jahren bei der Bücherverbrennung der Nazis auf dem Friedrichsplatz hätte dabei gewesen sein können, aber eben auch ein bisschen verwirrt. Jedenfalls war er viel freundlicher als AfD-Sympathisanten, die ebenfalls manchmal anrufen und einem erklären wollen, warum man der Volksverräterin Angela Merkel den Prozess machen müsse.

Wir waren nun ebenfalls etwas verwirrt und klärten freundlich darüber auf, dass beim "Parthenon of Books" keine Bücher verbrannt werden, sondern dass das Werk der argentinischen Künstlerin Marta Minujín ein Denkmal für die Meinungsfreiheit sein soll. Wir gaben dem Leser die Nummer der zuständigen documenta-Mitarbeiter. Er aber sagte, er habe ganze viele Bücher zum Verbrennen. Auf einen Exkurs über die deutsche Geschichte verzichteten wir.

Für die documenta ist es nichts Neues, dass sie falsch verstanden wird. Mit der Auslagerung der Weltkunstschau nach Athen wollte d14-Leiter Adam Szymczyk auch auf den Imperialismus aufmerksam machen. Als die Ausstellung dann in der griechischen Hauptstadt eröffnete, warfen manche Einheimische den Deutschen jedoch selbst Kulturimperialismus vor, weil sie allen die Welt und die Ausbeutung des Menschen durch den Kapitalismus erklären wollten.

Das größte Missverständnis ist vielleicht der rauchende Zwehrenturm des Künstlers Daniel Knorr. Wer den Rauch über dem Kasseler Fridericianum aufsteigen sieht, denkt nicht an ein Kunstwerk, sondern ruft in der Regel die Feuerwehr, weil er denkt, mitten in der Stadt brenne es. Jeden Tag gehen Dutzende Anrufe bei der Meldestelle ein. Man kann sich vorstellen, dass die Feuerwehrleute das Kunstwerk nicht nur ästhetisch wenig überzeugend finden.

Bevor jetzt aber jemand auf falsche Gedanken kommt: Nein, auch im Zwehrenturm werden keine Bücher verbrannt.

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