Szene aus dem neuen Weihnachts-Spot von Edeka.

Extremismusforscherin kritisiert Weihnachtswerbung des Lebensmittelhändlers

Debatte um Edeka-Spot: Harry, fahr schon mal den Nazi-Wagen vor

Eine Extremismusforscherin wirft Edeka vor, mit Nazi-Symbolen zu werben, und gerät deswegen in einen Shitstorm. Die Debatte sagt einiges über den Zustand unserer Gesellschaft aus.

Glaubt man Sabine Bamberger-Stemmann, ist nicht einmal das friedliche Weihnachten vor Nazis sicher. Die Leiterin der Hamburger Landeszentrale für politische Bildung hat gerade für Aufsehen gesorgt, weil sie im aktuellen Weihnachtsspot des Lebensmittelhändlers Edeka zahlreiche Nazi-Codes ausgemacht haben will. Nun wird sie wüst beschimpft, echte Nazis schreiben ihr Hass-Mails, wegen 130 schlimmster Nachrichten hat die Extremismusforscherin Strafanzeige gestellt.

Aus der Edeka-Kampagne, die wie im Vorjahr der rührselige Spot mit dem einsamen Opa aufs Fest einstimmen sollte, hat sich eine Geschichte über politische Korrektheit und Hysterie in Zeiten des Internets entwickelt. Der Shitstorm ist zu einem Kennzeichen unserer Gesellschaft geworden. Anlass diesmal waren zwei Autonummern. Auf einem Wagen im Edeka-Clip steht "MU - SS 420". Auf einem anderen "SO - LL 3849". Die Botschaft des von der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt gedrehten Filmchens lautet: Wir sollen nicht so viel müssen und sollen, sondern uns nun um unsere Kinder kümmern. Was die Kinderlosen dazu sagen, haben sich die Werber offensichtlich nicht gefragt.

Blöd ist jedenfalls, dass das Kennzeichen SS in Deutschland aus guten Gründen ebenso verboten ist wie KZ und HJ. Bamberger-Stemmann interpretiert noch mehr in die Buchstaben- und Zahlenkombinationen: 420 steht demnach im angelsächsischen Raum für Adolf Hitlers Geburtstag, 84 für "Heil Deutschland" und 39 für die antisemitische Bewegung der Christlichen Identität. Ihrer Ansicht nach kann all das kein Zufall sein - zumal Kinder in dem Spot auch noch eine "altmodische Version von Mensch ärger dich nicht" spielen, wie Bamberger-Stemmann sagt: Edeka, so ihre These, mache mit seiner Werbung die Neue Rechte populär.

Es ist eine sehr gewagte Interpretation der Extremismusforscherin, die seitdem im Netz mit Tweets wie "Die Alte hat ja den Schuss nicht gehört" bedacht wird. Nur weil jemand womöglich Unsinn redet, muss man ihn aber nicht zum Abschuss freigeben. Schließlich kann man sich schon die Frage stellen, wie es zu den Kennzeichen kommen konnte. Bei Jung von Matt sagt man nichts dazu. Und Edeka erklärt nur: "Bitte seien Sie versichert, dass sich Edeka von rechtsradikalem Gedankengut distanziert und jegliche Form von Diskriminierung ablehnt."

Für den Kasseler Werber Clemens Camphausen von der Agentur Machbar gibt es drei Möglichkeiten: "Erstens: Ein subversiver Mitarbeiter wollte die Botschaft in den Spot schmuggeln. Zweitens: Die Anweisung kommt von ganz oben." Man muss schon sehr viel Fantasie haben, um eine der beiden Optionen für realistisch zu halten. Darum glaubt Camphausen: "Es ist einfach so passiert."

Der Kasseler Werber Clemens Camphausen.

Etwas Ähnliches ist auch Camphausen vor sieben Jahren passiert, als seine Agentur eine Kampagne für die Museumslandschaft Hessen Kassel entwickelte. Der Claim damals lautete: "Kultur baut auf, wir bauen um." Dann stellte sich heraus, dass der Kultur-Satz „ein Slogan zu einer Ausstellung mit deutlichem nationalsozialistischem Bezug 60 Jahre vorher war“, wie Camphausen zugibt. Erste Hinweise darauf erhielten die Machbar-Mitarbeiter jedoch erst zwei Jahre nach der Kampagne. Damals war der Begriff Shitstorm eben noch ein Fremdwort.

Heute kann jeder sofort unter Dauerbeschuss geraten. Zuletzt erwischte es den US-Sportartikelhersteller New Balance. Anlass war ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz des Vize-Chefs und Pressesprechers Matt LeBretton, der nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gesagte hatte, dass sich "die Dinge nun wohl in die richtige Richtung entwickeln". Er bezog sich dabei auf die Verhandlungen um das transpazifische Freihandelsabkommen TTP. Weil New Balance anders als die Konkurrenten Nike und Asics noch in den USA produzieren lässt, ist das Unternehmen schon länger gegen das Abkommen, das auch Trump kritisch sieht. All das ging in den sozialen Netzwerken jedoch unter. Kunden filmten, wie sie ihre Schuhe aus Protest gegen die angeblich rechte Firma verbrannten. Aus dem Slogan "Not my President" wurde "Not my Sneaker". Eine Nazi-Webseite titelte gar: "New Balance sind jetzt offiziell die Schuhe der Weißen."

Man ist sprachlos: Im Netz kann jeder über große gesellschaftliche Fragen diskutieren. Davon haben Demokratietheoretiker früher geträumt. Stattdessen wird gepöbelt, diffamiert und offensichtlich kaum nachgedacht oder wenigstens mal Luft geholt.

Immerhin gibt es auch einen lustigen Aspekt, den die Diskussion um die offensichtlich unfreiwilligen Nazi-Codes von Edeka und das mittlerweile mehr als zehn Millionen Mal angeklickte Video hervorgebracht hat: Das Jugendangebot "Bohemian Browser Ballett" von ARD und ZDF hat die Satire "Nazicodes in Sabine" ins Netz gestellt. In dem zweieinhalbminütigen Clip wird Bamberger-Stemmann Nähe zur NS-Ideologie unterstellt, weil ihr Hamburger Nummernschild mit HH beginnt, was für "Heil Hitler" steht. Und eine Haarsträhne sieht wie ein S aus, woraus die Macher erst SS und dann ein Hakenkreuz bilden.

Es sollte trotzdem niemand auf die Idee kommen, der Name Edeka sei selbst ein Nazi-Code. Eigentlich steht die Abkürzung für "Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin". Weil sich das niemand merken kann, sagt mancher Edeka-Kaufmann selbstironisch: Die Abkürzung bedeute in Wirklichkeit "Ein deutscher Esel kauft alles."

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