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Süchtig nach dem nächsten Schuss: Auf diesen Moment fieberte Klaus Göbel immer wieder hin.

Nur ein Zufall verhinderte, dass der Stoff ihn tötete

20 Jahre "Trainspotting": So hat ein Kasseler seine Heroinsucht überlebt

Wie leben Ex-Junkies, wenn sie die Heroinsucht überwunden haben? Darum geht es im Kino-Drama "T2 Trainspotting". Hier erzählt ein Ex-Junkie aus Kassel, wie er heute ein fast ganz normales Leben lebt.

Nur weil er in einem Moment zu nüchtern war, hat Klaus Göbel vor einem Vierteljahrhundert seine Heroinsucht überlebt. Für 300 Mark hatte er sich mit seiner Freundin Stoff gekauft, in die Vene gespritzt und dann auf ein Bahngleis gelegt. Der goldene Schuss und der herankommende Zug sollten sein Fixerleben beenden. Aber "das Material war nicht gut genug, wir waren nicht voll genug, um dort liegen zu bleiben", sagt Göbel heute. Mit seiner Freundin stand er schnell wieder auf, heulte Rotz und Wasser und versuchte es noch einmal mit dem Leben.

Heute wohnt Göbel in Kassel, hat eine Frau sowie einen festen Job und ist seit 23 Jahren clean. Er ist einer aus der Generation "Trainspotting". In dem Filmdrama nach einem Roman von Irvine Welsh erzählte der Schotte Danny Boyle 1996 von Junkies in Edinburgh. Gerade läuft der zweite Teil im Kino, in dem es um das bürgerliche Leben der alt gewordenen Junkies geht. Uns hat Göbel, der eigentlich anders heißt und anonym bleiben will, seine ungewöhnliche Geschichte erzählt.

Ex-Junkie Klaus Göbel vor einem Foto von Christiane F.

Der Einstieg

Die erste Droge entdeckt Göbel mit zehn Jahren. Mit seinen beiden Geschwistern wächst der Sohn aus einem Mittelschichtshaushalt in einem katholischen Dorf in Baden-Württemberg auf und leidet früh unter Selbstwertproblemen: "Ich hatte einen Speckbauch und wollte so schlank wie mein Bruder sein." Gemeinsam drehen sie sich in der Grundschule Zigaretten. "Nikotin war die erste Substanz, mit der ich meine Substanz verändern wollte", sagt Göbel, der damals denkt: "Als Raucher bist du jemand."

Vier Jahre später schluckt er die Bluthochdrucktabletten der Oma und spült mit viel Alkohol nach: "Das putschte auf wie Speed." Den Tipp hatten er und sein Bruder von einigen Jungs bekommen, die drei Kilometer weiter in einem Heim für schwer Erziehbare lebten. "Wie die wollten wir auch sein", sagt Göbel.

Schon bald ist er mitten drin in der klassischen Drogenkarriere mit Haschisch und Speed. Als 16-Jähriger probiert er LSD, Pilze und andere psychedelische Drogen aus. Alkohol gehört ohnehin dazu. Göbel nennt es sein "Standgas", das ihm die nötige Grundsicherheit gibt, um im Alltag zu bestehen. High wird er mit den illegalen Drogen. An die kommt er auch durch seine ältere Schwester, die bereits viel ausprobiert hat.

Der Abstieg

Hier haben wir zwei Streetworker der Drogenhilfe Nordhessen porträtiert.

Mit 18 zieht Göbel von zu Hause in eine Drogen-WG in die nächste Großstadt. Die Mittlere Reife hat er gerade so mit der Note 4,3 geschafft. Sein Leben finanziert er sich als Dealer. Als seine Freundin mit ihm Schluss macht, schlägt er im Speed-Rausch alles zusammen. Ein Kumpel sagt, er solle sich beruhigen, und gibt ihm die erste Heroin-Spritze. Auf einen Schlag ist die Welt für Göbel in Ordnung: "Mit Heroin kam ich auf Anhieb in einen Zustand, den ich mir jahrelang mit den anderen Drogen vergeblich versucht hatte zusammenzumixen."

Das hat seinen Preis. Bis zu 500 Mark gibt Göbel mit seiner neuen Freundin am Tag für Stoff aus. Sie geht auf dem Strich anschaffen, er kauft Heroin in Frankfurt, was damals in der Szene nur "Junkfurt" heißt. In der Taunusanlage setzen sich junge Mütter einen Schuss, in der anderen Hand halten sie ihr Baby zum Stillen.

Bald fliegt das Paar aus seiner Wohnung und lebt wie Christiane F. und die Kinder vom Berliner Bahnhof Zoo auf der Straße. Nach dem Schuss gibt es für Göbel nur noch eine Frage: Wie komme ich zum nächsten Schuss? Als ihn seine Eltern finden, um ihm zu erzählen, dass sein ebenfalls abhängiger Bruder an einer Überdosis gestorben ist, kommt er nicht mit ihnen nach Hause, sondern haut ab, um neuen Stoff zu organisieren.

Der Ausstieg

Im Gefängnis schrieb Klaus Göbel dieses Gedicht:
"Heroin: Zärtlich weht ein warmer Wind durch meine Venen und schenkt mir neue Kraft.
Ein Geschenk - aus der Hölle - nur für mich allein.
Und ich lebe - wie ein Tier, das nur seinen Hunger kennt - um zu sterben, wie ein einsamer Wolf.
Und die Geier holen sich, was übrig bleibt."

Zehn Jahre ist Göbel abhängig. Ein halbes Dutzend Mal stecken ihn Polizisten in Ausnüchterungszellen, wegen Drogenhandel muss er zweimal länger ins Gefängnis. Aber auch im Knast gibt es Stoff. Er kommt nicht davon los. Wenn er wieder mal versucht aufzuhören, ist sein einziger Gedanke: "Lieber Gott, schenk mir noch einen Schuss." An Gott glaubt er längst nicht mehr, aber "wenn ein Junkie auf Entzug ist, würde er alles machen". Mehrmals versucht er einen kalten Entzug, der wie eine schwere Grippe ist. Man hat Durchfall und muss sich übergeben, gleichzeitig. "Entweder du kotzt ins Klo und kackst in die Hose oder du kackst ins Klo und kotzt ins Bad", sagt Göbel.

Nach mehreren Entgiftungen kommt er am 31. Januar 1994 in die Fachklinik Böddiger Berg bei Felsberg im Schwalm-Eder-Kreis. Den Tag wird Göbel nie vergessen. Eigentlich wollte er nur nach Hessen, weil es für Süchtige hier besonders lang Methadon gibt. Es ist ein warmer Entzug. Viele Junkies kommen niemals von der Ersatzdroge runter. Göbel schafft es, weil er sich als Ältester in Böddiger Berg zum ersten Mal selbstbewusst fühlt und weil er Druck bekommt: "Es bringt nichts, wenn man immer nur als Opfer behandelt wird."

Das Leben danach

Auch 23 Jahre nach seinem letzten Schuss engagiert sich Göbel noch in einer Selbsthilfegruppe. An der Abendschule macht er die Fachhochschulreife, er studiert in Kassel und arbeitet heute in einem ganz normalen Beruf. "Du brauchst ein Umfeld, das clean ist und in dem du so schwach sein darfst, wie du ohne Drogen nun mal bist", sagt er. "Und du brauchst etwas, das stärker ist als das, was dir die Droge gibt." Für ihn ist das die Arbeit mit anderen Süchtigen und der Sport. Er denkt auch nicht mehr nur "ich, ich, ich", sondern versucht, für andere da zu sein. Einfach ist das nicht immer. Der ehemalige "Spiegel"-Redakteur Jörg Böckem hat ein Buch über seine Sucht geschrieben. Seiner Ansicht nach liegt der große Unterschied zwischen dem normalen und dem Drogenglück in der Verfügbarkeit. Heroin kann einen "sozusagen auf Knopfdruck und zu jeder Zeit" glücklich machen. 

Darum ist die Biografie von Göbel keine Selbstverständlichkeit. Er weiß zum Beispiel nicht, was aus seiner Freundin geworden ist, mit der er sich einst auf die Bahngleise legte: "Vielleicht ist sie tot." Nur etwa ein Drittel aller Junkies wird clean, sagt Barbara Beckmann von der Kasseler Drogenhilfe. Insgesamt leben in Stadt und Landkreis 5000 Heroinsüchtige. Zugleich stellt sie fest: "Heroin kommt aus der Mode. Jugendliche leben immer gesünder." Dazu passt der Satz aus dem ersten "Trainspotting"-Film, den die Freundin des Junkies Mark Renton sagt: "Die Welt verändert sich, Musik verändert sich, selbst Drogen verändern sich." Heute sind Kokain und Amphetamine gefragter als in den 90er-Jahren.

Die "Trainspotting"-Fortsetzung hat sich Göbel nicht angeschaut. Vielleicht erinnert ihn das zu sehr an früher. 1981 hatten seine Eltern ihn und seine Geschwister mit ins Kino genommen. Die Bestseller-Verfilmung "Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" sollte die Jugendlichen abschrecken. "Aber wir fanden es einfach nur cool", sagt Göbel. Wenn er heute Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction" schaut, in dem sich John Travolta als Gangster Vincent Vega einen Schuss setzt und das Blut in die Nadel läuft, als sei es ein Kunstwerk, bekommt er feuchte Hände. "Jeder Junkie findet das geil." Klaus Göbel weiß, dass er ein Süchtiger bleiben wird, auch wenn er clean ist.

Für Süchtige gibt es zahlreiche Angebote. Wer Hilfe braucht, kann sich zum Beispiel an die Drogenhilfe Nordhessen in Kassel (Glockenbruchweg 80; 0561/7395039) und die Suchtberatung in Göttingen (Schillerstraße 21; 0551/72051) wenden. 

Klaus Göbel lebt ein ganz normales Leben, möchte jedoch unerkannt bleiben.

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