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Weiterentwicklung: Nach den ersten Versuchen mit einem Schleppflugzeug baute Gottlob Espenlaub dieses Modell, mit dem er sich auch höher in die Luft traute. Die Aufnahme entstand auf dem Flughafen Waldau.

Flugplatz Waldau

Eine Weltpremiere in Waldau: Erster Segelflieger mit Schleppflugzeug

Kassel. 1927 gab es auf dem Flugplatz Waldau eine Weltpremiere: Erstmals hob ein Segelflieger mithilfe eines Schleppflugzeugs ab. Was genau passierte, hat ein Fotograf festgehalten.

Start auf der Wasserkuppe: Mit einem Gummiseil und Muskelkraft wurden die Segelflieger in die Luft gebracht.

Wie bekommt man ein Segelflugzeug in die Luft? Auf dem Dörnberg und der Wasserkuppe haben das die Flugpioniere noch mit Anschub, Gummistartseil und Seilwinden gemacht. Ein paar Kilometer weiter auf dem für diese Form des Segelflugs ungeeigneten Flughafen in Waldau gab es vor 90 Jahren eine Weltpremiere. „Viele wissen das nicht, aber damals wurde mit dem ersten Flugzeugschlepp in Kassel Geschichte geschrieben“, sagt Rolf Nagel (73). Er ist Mitautor eines Buchs über die heimische Luftfahrtindustrie und hat mehr als 1000 Segelflüge absolviert.

Rolf Nagel

Was damals in Waldau passierte, hat der Fotograf Carl Eberth dokumentiert. Zumindestens die öffentlichkeitstaugliche Vorführung beim Flugtag am Ostersamstag 1927. Damals kamen 20.000 Besucher nach Waldau, um die tollkühnen Flieger um Gerhard Fieseler zu sehen.

Die Idee, dass man Gleitflieger durch ein Motorflugzeug in die Luft bringen könnte, hatte der holländische Flugzeughersteller Anton Fokker. In Kassel griffen die Flieger Antonius Raab und Kurt Katzenstein diesen Gedanken auf. Der junge Gerhard Fieseler, der einige Jahre später Kunstflugweltmeister wurde, war damals bei der Firma Raab/Katzenstein beschäftigt. Ihm traute man zu, den riskanten Flug zu schaffen.

Knapp über dem Boden

Die ersten Versuche fanden am 12. März vor 90 Jahren noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Für den Test engagierte Fieseler mit Gottlob Espenlaub einen weiteren Kasseler Piloten. „Der hatte schon einige Bruchlandungen hingelegt und brauchte damals dringend Geld“, sagt Segelflugexperte Rolf Nagel. Die Anspannung, ob die Technik überhaupt funktionieren würde, war bei allen Beteiligten groß. 

Er flog das Propellerflugzeug: Der spätere Kunstflugweltmeister Gerhard Fieseler 1927.

Gerhard Fieseler saß in der Propellermaschine, die das zum Gleiter umgebaute Flugzeug von Gottlob Espenlaub zog. Er gab Gas, brachte den mit einem Seil angehängten Mitflieger in die Luft – und zog schnell wieder allein seine Bahn. Bei den ersten beiden Starts hatte Espenlaub das Seil vorsichtshalber schon nach wenigen Sekunden ausgeklinkt. Erst im dritten Anlauf kam er auf eine Höhe von gut zehn Metern.

Damals ahnte noch niemand, dass der Flugzeugschlepp zur weltweit gängigen Technik werden würde. Der Start mit einer Seilwinde ist zwar günstiger, aber insbesondere bei Segelflugwettbewerben kommt die in Kassel entwickelte Technik zum Einsatz.

Vor Publikum gezeigt wurde sie erstmals 1927 beim Flugtag in Waldau. Fast wäre das in letzter Minute noch gescheitert. Gerhard Fieseler hatte bei einer Kunstflugvorführung eine Bruchlandung hingelegt. Außer ein paar Prellungen war ihm aber nichts passiert. Wenig später startete er wieder mit Espenlaub im Schlepptau. Beide flogen und landeten diesmal sicher. Die Besucher waren begeistert.

Der erste dokumentierte Segelschlepp: Gerhard Fieseler vorn mit dem Doppeldecker brachte Gottlob Espenlaub in die Luft.

Hintergrund: Flugplatz von 1924 bis 1970

Im August 1924 wurde Kassels erster Flugplatz in Waldau eröffnet. Dietrich Gobiet, Antonius Raab, Kurt Katzenstein, Albert Falderbaum und Gerhard Fieseler waren Pioniere der Fliegerei in Kassel. Es gab mehrere Flugzeugwerke, darunter Junkers, Fieseler und Raab-Katzenstein. Für kurze Zeit wurde Waldau ab 1926 von der Lufthansa angeflogen. Hier fanden die ersten Flüge des Fieseler Storchs statt. 1930 kamen zu einem Flugtag , bei dem auch ein Zeppelin landete, 100 000 Besucher. Im April 1945 wurde der durch Bombenangriffe beschädigte Flugplatz von den Amerikanern eingenommen, die ihn als Airfield Kassel-Waldau herrichteten. Waldau wurde 1970 mit der Eröffnung des Flughafens Kassel-Calden geschlossen. Auf dem Flughafengelände entstand ein Industriegebiet. Die Falderbaumstraße, Gobietstraße, Antonius-Raab-Straße erinnern an die frühere Nutzung des Geländes.

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