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Verkaufsraum: So sah das Geschäft eins aus. In einem abgetrennten Bereich wurden auch Fußpflegen angeboten.

Kinder entschieden sich für anderen Beruf

Ende einer Ära: Schuhhaus Montanus schließt nach 205 Jahren

Seit sechs Generationen dreht sich im Hause Montanus in Ziegenhain alles um den Schuh: Nach 205 Jahren wird Karl-Heinz Montanus das Traditionsgeschäft schließen. Für den Betrieb hat sich kein Nachfolger gefunden.

Ein Leben ohne Schuhe kann sich Karl-Heinz Montanus kaum vorstellen: Kein Wunder – seit mehr als 50 Jahren beschäftigt sich der 65-Jährige mit dem, was andere an und unter ihren Füßen tragen. Ende April soll eine Ära zu Ende gehen. Dann schließt Montanus sein Geschäft in der Ziegenhainer Wiederholdstraße. Für den Betrieb hat sich kein Nachfolger gefunden. 

Karl-Heinz Montanus hat keinen Moment an seiner Berufswahl gezweifelt: „Ich saß schon als kleiner Junge neben dem Opa in der Werkstatt und habe zugeschaut“, erzählt er. Damals hieß der Laden noch Schuhlager. Das geht aus alten Rechnungen hervor. Häufig sei der Großvater unterwegs gewesen, habe Schuhe noch selbst bei den Kunden abgeholt. Und schon als Jugendlicher verdiente sich Montanus im Betrieb etwas hinzu. Er reparierte Leder-Schulranzen, die stets an einer Seite ausrissen und wieder vernäht werden mussten. „Gern ging ich meiner Mutter bei der Schaufensterdekoration zur Hand“, erzählt der 65-Jährige. 

Erledigt noch bis Ende des Jahres Reparaturen: Orthopädieschuhmachermeister Karl-Heinz Montanus.

Wenn der Ziegenhainer nicht im Laden oder der Werkstatt half, war er mit dem Rad unterwegs. Wieder in der Mission Schuhe. Die reparierten Exemplare fuhr er zu den Kunden der Festungsstadt. Das Trinkgeld investierte Montanus dann in Süßigkeiten. 

Die Familie hatte es mit sechs Kindern nicht immer leicht. Früh war der Vater und Geschäftsinhaber verstorben, sodass Karl-Heinz Montanus schon in jungen Jahren die Mutter im Laden unterstützen musste. Mit 19 übernahm er alle kaufmännischen Aufgaben. Der gelernte Orthopädieschuhmacher machte seinen Meister.

In der Werkstatt bildete Montanus drei Schuhmacher aus, im Schuhgeschäft lernten zwei Frauen den Beruf der Verkäuferin. Nicht immer sei der Weg des Betriebes „geradlinig“ verlaufen: „Die schwierigsten Jahre hatten wir nach der Euro-Einführung“, erzählt der Ziegenhainer. Sich abzuheben, das gelang Montanus aber eben doch. Mit Service, der Erfüllung individueller Wünsche. „Bei den Reparaturen der Kunden habe ich mich ins Zeug gelegt – und das wurde auch honoriert.“ 

Es ist ein großes Jammern.
Karl-Heinz Montanus

Bis Jahresende will Montanus die Reparaturen weiter machen. „Danach entscheidet die Gesundheit“, sagt er. Mit Bedauern sehen Kunden die Schließung: „Es ist ein großes Jammern“, erklärt Montanus. Doch die Schließung sei gut vorbereitet und er freue sich darauf, etwas unabhängiger zu sein. „Antrittsbesuche bei den Partnerinnen unserer Kinder stehen schon lange aus“, sagt der 65-Jährige. Und Urlaub: „Häufig waren meine Frau und ich getrennt im Urlaub. Ich konnte das Geschäft doch nicht schließen.“ Aber sie werden ihm fehlen, seine Kunden: „Ich habe den Beruf immer gern gemacht.“

Schaufenster bei Nacht: Die Familie legte viel Wert auf ihre Auslagen.

Montanus Kinder entschieden sich für andere Berufe

Sechs Generationen drehte sich im Hause Montanus in Ziegenhain alles um den Schuh: Vor 205 Jahren, im Oktober 1812, eröffnete Johannes Montanus eine Schuhmacherwerkstatt. Ab 1905 betrieb die Familie ein Ladengeschäft in der Wiederholdstraße. Bis heute hat das Geschäft dort seinen Sitz. 

Orthopädieschuhmachermeister Karl-Heinz Montanus leitet zusammen mit seiner Frau den Betrieb seit 1975. Vor 17 Jahren eröffnete Irene Montanus ein Fußpflege-Studio im Haus. Eine Interessentin hatte es für den Betrieb kürzlich gegeben, jedoch sei das Geschäft als Filialbetrieb zu klein, müsste mindestens 150 Quadratmeter haben, erläutert Karl-Heinz Montanus. „Ein Geschäft in dieser Größe ist nach heutigen Gesichtspunkten unrentabel und unsere Kinder haben sich alle für einen anderen Beruf entschieden.“

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