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Auch als Römer macht Udo Schlitzberger eine gute Figur.

Sozialdemokrat Schlitzberger ist den Chatten auf der Spur

Ex-Landrat und Historiker: "Von den Chatten hat der Nordhesse seine Bodenständigkeit"

Im Ruhestand ist der ehemalige Kasseler Landrat Udo Schlitzberger zum Chatten-Experten geworden. Nun stellt der Historiker ein Buch über den germanischen Stamm vor - mit überraschenden Erkenntnissen.

Nach 18 Jahren als Landrat hat Dr. Udo Schlitzberger seit 2009 keineswegs die Füße hochgelegt. Sein zweites Spezialgebiet neben der Politik ist nämlich die Geschichte. Da er in Calden geboren wurde und Nordhessen seitdem nie verließ, hat die Heimatgeschichte einen großen Stellenwert in Schlitzbergers Leben. 

So erkundet er gemeinsam mit anderen interessierten Hobby-Historikern die römischen Marschwege, Lagerplätze und Trassen im heutigen Nordhessen, das damals das Chattenland war. Und anstatt andere für sich forschen zu lassen, hat Schlitzberger selbst den Wanderstock in die Hand genommen, um die Furten und Kammwege der Römer im Chattenland zu rekonstruieren. „Man spricht in Fachkreisen von Altwege-Forschung“, erklärt Schlitzberger.

Udo Schlitzberger stellt sein neues Buch über die Römer im Chattenland vor.

Regelmäßig bietet der 70-Jährige Kurse und Exkursionen an, um weitere Interessenten für die historischen Ereignisse in der Region zu begeistern. Bislang sei das Gebiet noch weitgehend unerforscht, sagt Schlitzberger – das Römerlager in Hedemünden wurde erst vor 15 Jahren gefunden. Das sei im Vergleich zu anderen historischen Befunden eine sehr späte Erkenntnis.

Für die Marschwege der Römer unter anderem im Kasseler Becken gibt es zahlreiche Beweise. Dies bestätigten zur Erheiterung der Hobby-Historiker im vergangenen Jahr auch zwei Zwergkaninchen bei ihrer täglichen Buddel-Aktion in der Kasseler Südstadt. Benjamin Ruhnau und seine flauschigen Familienmitglieder Nanni und Blue haben im Garten eine römische Bronze-Münze, eine Nemausus-Münze, ausgegraben. Vor 2000 Jahren war dies ein Legionärssold. Eine weitere Münze wurde außerdem 2011 im Vorderen Westen gefunden.

Neben spontanen Befunden durch tierische Helfer kommen Schlitzberger und sein Team vorwiegend mit moderner Laser-Scan-Technik und geodätischen Informationssystemen an ihre Erkenntnisse. Zusammen mit Klaus Fröhlich hat Schlitzberger zu diesem Thema ein Buch mit dem Titel „Die Römer im Chattenland – Spuren römischer Präsenz in Nordhessen“ veröffentlicht. Die wichtigsten Aspekte der Publikation stellt Schlitzberger an diesem Donnerstag, 18. Mai, auch im Büchereck am Rathaus in Vellmar vor. Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Udo Schlitzberger und Klaus Fröhlich: „Die Römer im Chattenland – Spuren römischer Präsenz in Nordhessen“. Euregio-Verlag, 108 Seiten, vierfarbig mit zahlreichen Karten, Fotografien und Abbildungen, 17,90 Euro. 

Kurz-Interview: "Die Chatten sind nicht gewandert"

Warum fasziniert Sie gerade die Geschichte der Römer? 

Udo Schlitzberger: Die historischen Ereignisse in unserer Region bilden bislang weitestgehend einen weißen Fleck in der Forschung. Als das Römerlager in Hedemünden entdeckt wurde, stand fest, dass die Soldaten auch hier unterwegs waren. Ich finde es spannend, die Kammwege und Furten selbst zu durchlaufen und den Marsch so zu rekonstruieren. Wir benutzen dafür moderne Laser-Scan-Technik. Mit solchen Mitteln findet man viel heraus und das ist einfach faszinierend.

Wie kommt es, dass die Geschichte der Chatten bisher so wenig erforscht wurde? 

Schlitzberger: Das Chattenland ist seiner Zeit nicht von den Römern unterworfen worden und blieb somit ein germanisches Gebiet. Da der Germane im Nationalsozialismus als Leitbild missbraucht wurde, war die Erforschung germanischer Stämme lange ein Tabu-Thema. Mittlerweile gilt niemand mehr als Nazi, der sich für die Geschichte der Germanen begeistert. Ein weiterer Grund für den späten Forschungsstart ist außerdem, dass das Römerlager in Hedemünden erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde.

Inwiefern haben die Nordhessen Ähnlichkeit mit den Chatten? 

Schlitzberger: Die Chatten sind genau wie die Friesen über Jahrhunderte nicht gewandert, sondern in ihrem Kerngebiet geblieben. Es könnte sein, dass der Nordhesse daher seine Bodenständigkeit hat. Anders als der rastlose Südhesse, bleibt der Nordhesse gerne in seiner Heimat. Forschungen belegen außerdem, dass die Begriffe „Chatte“ und „Hesse“ auch lautmalerisch miteinander verwandt sind.

Zur Person 

Dr. Udo Schlitzberger (70) wurde 1946 in Fürstenwald geboren. Nach dem Abitur in Kassel studierte er Politik, Geschichte, Philosophie und Germanistik in Marburg. Seit 1968 ist Schlitzberger in der SPD aktiv, wo er zahlreiche Parteiämter bekleidete, unter anderem als Unterbezirksvorsitzender Kassel-Land und das als Bezirksvorsitzender der SPD Hessen-Nord von 1993 bis 2001. Von 1991 bis 2009 war er Abgeordneter im Hessischen Landtag und von Juli 1991 bis Juni 2009 Landrat des Landkreises Kassel. 1990 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Schlitzberger lebt im Caldener Ortsteil Fürstenwald.

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