Setzt nicht nur auf Homöopathie: Bettina Grölls aus Fritzlar glaubt auch, dass so genannte Familienaufstellungen Menschen helfen können

Familienaufstellung soll bei Krankheiten und Krisen helfen

Hokuspokus oder echte Hilfe? Fritzlarerin setzt auf umstrittene Psychotechnik 

Ungelöste Konflikte machen uns krank, sagt die Fritzlarerin Bettina Grölls. Als Familienaufstellerin verspricht sie Hilfe. Doch die Methode ist bei Psychologen höchst umstritten.

Mit ihrem Beruf können die meisten Menschen nichts anfangen: Wenn Bettina Grölls erzählt, dass sie Familien- und Systemaufstellungen anbietet, reiben sich viele verwundert die Augen. Die Ursache für viele Probleme, Blockaden und Krankheiten liegt häufig in der Vergangenheit, ist Grölls überzeugt. Mit der Familienaufstellung will sie aufzeigen, mit welchen Schicksalen die Menschen verbunden sind, welche Zusammenhänge auf das eigene Leben Einfluss haben. Nicht umsonst gebe es das Sprichwort „Das steckt in der Familie“. 

Für viele Menschen klingt das verrückt und nach Hokuspokus. „Ich sage immer, man muss es selbst erlebt haben, man muss selbst einmal gespürt haben“, sagt die 32-jährige Fritzlarerin und berichtet von einem einfachen Beispiel: Aufstellungen sind bei Grölls immer Gruppenarbeit. Teilnehmer und Zuschauer sitzen in einem Stuhlkreis. Eine Frau meldet sich und schildert ihr Problem. Sie sitzt sprichwörtlich zwischen zwei Stühlen. Sie fühlt sich in ihrem Job unglücklich. 

Sie weiß nicht, ob sie in ihrem alten Beruf bleiben oder in einen neuen wechseln soll. Grölls stellt drei Personen in die Mitte des Stuhlkreises. Eine Person steht stellvertretend für den alten Beruf, eine für den neuen Beruf und eine Person übernimmt die Rolle der grübelnden Frau. Die drei Personen sprechen nicht. Es gibt keine Fragen, es gibt keine Antworten. In den nächsten Minuten geht es nur um das Gefühl.

Wer sich neben den Stellvertreter für den alten Beruf stelle, spüre etwa, wie eine schwere Last auf einem liege. Er spüre die Kälte, den Druck und alle negativen Seiten des Jobs. Neben dem Stellvertreter für den neuen Beruf zu stehen, sei in dem Fall viel angenehmer. „Man fühlt sich besser, erleichtert“, berichtet Grölls. Oft reiche eine solche Aufstellung schon aus, um eine Entscheidung treffen zu können: In diesem Fall für oder gegen einen neuen Job.

Bettina Grölls Kunden schleppen ihre Probleme schon lang mit sich herum, sagte die 32-Jährige. Sie waren schon bei Ärzten, bei Therapeuten, aber niemand habe ihnen helfen können. Sie sagen sich dann: Ich probiere die Systemaufstellung aus. „Das Gute an der Aufstellung ist, dass es dafür keine Medikamente und keine Operation braucht“, sagt Grölls. „Entweder es hilft, oder es hilft nicht. Man hat dadurch keinen Schaden.“ Die Erfolgsquote der Aufstellungen sei mit 98 Prozent „sehr gut“, wie Grölls sagt. Allen, die Angst vor den fremden Gefühlen haben, möchte sie beruhigen. Das Gefühl überkomme einen bei einer Aufstellung sofort – und sei ebenso schnell wieder weg.

Die Kritik

Die Familienaufstellung geht auf Bert Hellinger zurück. Er entwickelte sie in den 1990er Jahren aus seinen Erkenntnissen während seiner Zeit in Südafrika. Er arbeitete dort als katholischer Priester und war Leiter einer Missionsschule. 

Der Familienaufstellung nach Hellinger liegt die Idee zugrunde, dass alle Mitglieder einer Familie durch emotionale Bande miteinander verknüpft sind. Sind diese Verbindungen gestört – zum Beispiel, wenn ein Kind seine Eltern hasst oder wenn der Kontakt zwischen Familienmitgliedern abreißt – kann dies zu psychischen Problemen oder Krankheiten bei einem oder mehreren Mitgliedern der Familie führen. 

Hellinger bezeichnet die Familienaufstellung nicht als Therapie, sondern als „Lebenshilfemethode“. Dahinter steckt eine ausgearbeitete Weltanschauung, die vielfach als autoritär und esoterisch kritisiert wurde.

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie hat sich von der Methode distanziert. Die Gesellschaft kritisiert Bert Hellingers „publikumswirksame Familienaufstellungen“ bei Großereignissen. Seine Auftritte hätten viel zu dem Bild beigetragen, dass Familienaufstellungen als „Ultra-Kurz-Event“ große Veränderungen herbeiführen können. 

Auch die reale Praxis der Familienaufstellungen sei „zu einem nicht geringen Teil als kritisch, ethisch nicht vertretbar und gefährlich für die Betroffenen zu beurteilen“. So gebe es Veranstaltungen, „in denen ohne ausreichende therapeutische Rahmung, den Klienten suggeriert wird, dass selbst gravierende psychische Problemsituationen durch eine einzige Familienaufstellung grundlegend verändert werden.“ 

Diesen Anspruch erhebt Bettina Grölls nicht. „Eine Familienaufstellung ist kein Ersatz für eine Psychotherapie“, betont die Fritzlarerin. Menschen, die eine psychologische Grunderkrankung aufweisen, dürfen nur nach Rücksprache mit ihrem Psychologen an der Familienaufstellung teilnehmen.

Zur Person

Bettina Grölls (32) stammt gebürtig aus Ormont (Baden-Württemberg). Sie ist gelernte pharmazeutisch-technischen Assistentin und hat in einer Apotheke gearbeitet. Sie wechselte zur Deutschen Homöopathie-Union und schulte Apothekenpersonal zu den Themen Homöopathie und Schüssler-Salzen. Des Jobs wegen zog Grölls 2011 nach Reptich. Seit 2012 lebt sie mit ihrem Mann in Fritzlar. Grölls ist ausgebildete Familienaufstellerin, derzeit absolviert sie eine Ausbildung zur Entspannungspädagogin und Meditationslehrerin. Sie hat einen einjährigen Sohn.

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