Nicht immer ein Glücksmoment: Manche Frauen empfinden die Geburt ihres Kindes als so schrecklich, dass sie noch lange darunter leiden. Pro familia startet nun ein neues Beratungsangebot für betroffene Mütter. Foto: dpa

Angebot von pro familia

Geburt ohne Glücksgefühl: Hilfe nach schwerer Entbindung

Für die meisten Frauen ist die Geburt ihres Kindes mit großer Freude verbunden. Manche Mütter erleben die Geburt selbst aber als so traumatisierend, dass sie noch lange darunter leiden.

Für betroffene Frauen macht die Beratungsstelle pro familia nun ein neues Angebot. Wir sprachen mit pro-familia-Geschäftsführerin Petra Zimmermann.

Geburten sind immer schmerzhaft und wohl kaum ein Genuss für die Frau. Ab wann ist eine schwere Geburt traumatisierend?

Petra Zimmermann: Entscheidend ist das Erleben der Frau. Es gibt Geburten, die aus Sicht der Hebammen und Ärzte extrem schwierig waren, bei denen die Frau aber nachher sagt, es war in Ordnung. Umgekehrt kann auch eine aus medizinischer Sicht relativ normal verlaufende Geburt für eine Frau fürchterlich sein. Zum Beispiel, wenn sie Angst um das Leben des Kindes hat oder das Gefühl hat, selbst nicht gut versorgt zu sein. Der Hinweis: „Es war doch gar nicht so schlimm“, ist da fehl am Platz.

Welche Folgen kann eine solche als traumatisch empfundene Geburt haben?

Zimmermann: Es kann dazu führen, dass die Frauen sagen, sie wollen keinesfalls ein zweites Kind. Die Belastungen können auch den Bindungsaufbau der Mutter-Kind-Beziehung zu dem Säugling erschweren. Manche Frauen sind noch so sehr im Angst-Modus, dass es ihnen schwer fällt, sich auf das Kind einzulassen. Auch die Partnerschaft kann leiden. Manchmal sind die Frauen auch ärgerlich auf den Partner, weil sie sich nicht genug unterstützt gefühlt haben.

Ist das Thema schwere Geburt ein Tabu?

Zimmermann:Zumindest fällt es vielen Frauen schwer, darüber zu sprechen. Sie versuchen ihre Gefühle, die sie vielleicht selbst nicht richtig einordnen können, zu verbergen. Dabei spielt auch Scham eine Rolle. Es heißt immer, eine Geburt sei die natürlichste Sache der Welt. Wenn man dann mit der Geburt nicht zurechtkommt, fühlt sich das für manche Frauen wie ein Versagen an. Manchmal hängen sie sich auch selbst die Messlatte, wie perfekt alles sein soll, sehr hoch und sind enttäuscht, wenn es anders verläuft. Für den Partner und das Umfeld jedenfalls ist es schwer, mit den Reaktionen der Frau umzugehen, wenn sie nicht sagt, was eigentlich los ist.

Wie wollen sie betroffenen Frauen helfen?

Zimmermann:Durch den Austausch mit anderen Betroffenen merken die Frauen, dass sie mit ihrer Erfahrung und ihren Problemen nicht alleine sind. Im geschützten Rahmen können sie über das Erlebte sprechen. Eine Gynäkologin steht zudem auch für medizinische Fragen zur Verfügung. Manchmal kann es hilfreich sein, das Geburtsprotokoll anzufordern, um zu verstehen, was genau eigentlich passiert ist. Oftmals lassen sich dem Gefühl, dass man selbst versagt hat oder die Ärzte sich nicht angemessen verhalten haben, dann Fakten entgegensetzen.

Woran kann eine Frau, die eine schwere Geburt hatte, erkennen, ob sie professionelle Hilfe braucht?

Zimmermann: Wenn man noch Wochen nach der Geburt nicht realisieren kann, dass es vorbei und im Grunde alles in Ordnung ist, wenn Trauer, Angst und innere Taubheit nicht nachlassen, dann sollte man sich Unterstützung holen.

Zur Person

Petra Zimmermann (60) ist Geschäftsführerin von pro familia in Kassel. Die Sozialpädagogin, Supervisorin und psychoanalytische Paar- und Sexualberaterin arbeitet seit 1989 bei pro familia. Zimmermann ist verheiratet und lebt in Vellmar. Sie hat vor wenigen Wochen ein erstes Enkelkind bekommen. (rud)

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