+
Ein unangenehmer Zeitgenosse: Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) bedrängt die neue Kollegin Judith (Ursula Strauss).  

"Das Thema wird in den Medien wegbagatellisiert"

Hannes Jaenicke in ARD-Sexismus-Drama: "In meiner Branche bekommt man Schweinereien von Männern mit"

Harvey Weinstein und #meetoo: Zu einem besseren Zeitpunkt als jetzt hätte das ARD-Sexismus-Drama "Meine beste Freundin" nicht laufen können. Wir sprachen mit Hannes Jaenicke über die Schweinereien der Filmbranche. 

Hannes Jaenicke spielt im TV-Film „Meine fremde Freundin“, der an diesem Mittwoch um 20.15 Uhr im Ersten den Auftakt des Themenabends „Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile“ bildet, den städtischen Angestellten Volker Lehmann, der auf dem Büroflur für anzügliche Sprüche bekannt ist. Dann wird die neue Kollegin Judith Lorenz (Ursula Strauss) in einem Abstellraum vergewaltigt. Oder doch nicht? Ihrer Vertrauten Andrea Bredow (Valerie Niehaus), die ebenfalls im Amt arbeitet, kommen Zweifel. Nach der Ausstrahlung diskutiert Sandra Maischberger mit Gästen in ihrer Talkshow (21.45 Uhr). Wir sprachen mit Hannes Jaenicke.

Da hätten Sie sich kaum ein aktuelleres und schwierigeres Thema aussuchen können als mit diesem Film.

Hannes Jaenicke: Wohl wahr. Von Harvey Weinstein, das wusste man gerüchteweise – es ist ein reiner Zufall, dass er jetzt aufgeflogen ist –, und man weiß es auch von Deutschen in der Film- und Fernsehszene. Man weiß ja grundsätzlich, dass Missbrauch ein völlig unter den Teppich gekehrtes Thema ist. Das schwappt jetzt mal vorübergehend hoch, aber wird wie alle Medienthemen schnell wieder verschwinden.

Es gibt den Hashtag „metoo“, es gab #aufschrei, es fallen einem viele prominente Gerichtsverfahren ein. Wie sehr betrifft Sie das Thema in Ihrem beruflichen und privaten Umfeld?

Jaenicke: Dass ich Schweinereien von Männern in meiner Branche mitbekomme – und auch außerhalb –, dafür braucht man keine besonders scharfen Augen. Das Thema ist ja nicht neu. Dass wir in Deutschland bis in die 90er-Jahre unsere Ehefrauen vergewaltigen durften, ohne dass es bestraft wurde, ist ja peinlich genug. Oder dass es so lange gedauert hat, bis „Nein heißt nein“ durchgesetzt wurde. Wir leben halt in einer patriarchalischen Gesellschaft. Und bis sich das ändert, das scheint zu dauern.

Das klingt ziemlich pessimistisch.

Jaenicke: Was mich irritiert und wundert, ist, wie das Thema wegbagatellisiert wurde und wird. Die „Bunte“ titelt jetzt mit deutschen B- und C-Promis, „auch ich wurde belästigt“. Dadurch passiert eine Trivialisierung, die in vier Wochen die Brisanz einer Laktoseintoleranz hat. Da muss man höllisch aufpassen, dass das Thema nicht so durchgehypt wird, bis es danach wieder vom Tisch ist. Aber Medien sind Nachrichten, das ist eine Ware. Ich profitiere ja auch davon. Die sind eine Zeitlang heiß, damit kann man Geld verdienen. So wie die öffentlich-rechtlichen Talkshows jahrelang mit der AfD Quote schieben, und jetzt wundern sich alle, obwohl die eine gigantische Plattform bekommen haben. Es geht schon lange nicht mehr darum, Dinge zu verändern, zu bewegen. Es geht um Geld, Auflage, Quote. Das ist ein Kommerzgeschäft.

Wobei es sich der Film ja nicht leicht macht. Es geht um die Macht von Vorurteilen - und darum, dass das Opfer womöglich eine pathologische Lügnerin sein könnte.

Jaenicke: Das ist ein ganz persönlicher Grund, warum ich den Film wichtig finde. Die Tragödie der Problematik Vergewaltigung liegt darin, dass die Frauen, denen es tatsächlich passiert, schweigen. Sie machen nicht den Mund auf, gehen nicht zur Polizei, erstatten keine Anzeige. Sie reden nicht mal mit ihren allernächsten Freunden und Verwandten darüber. Und bei den Frauen, die lauthals schreien, mir ist das passiert, da ist das manchmal fragwürdig. Bei unserem Wetterkönig Jörg Kachelmann hat der Vorwurf nicht gestimmt. Andreas Türck konnte seine Karriere in die Tonne treten, weil eine Frau gelogen hat. Das sind natürlich Ausnahmefälle. Aber das Schlimme ist, dass diese Fälle hochgespielt werden, und die tatsächlich stattfinden, bleiben im Dunkeln.

Im Presseheft heißt es über Ihren Charakter kurz und bündig: Volker ist ziemlich unsympathisch. Ist das anspruchsvoller darzustellen als ein Sympathieträger? Oder ist es auch mal ganz schön, Schattenseiten einer Figur richtig auszuleben?

Jaenicke: Es ist ja nicht so, dass ich immer Sympathieträger spiele. Ich fand es immer viel spannender, kaputte, gebrochene, fragwürdige, defekte Charaktere zu spielen. Dieser Bürohengst ist ja gar nicht ungewöhnlich unsympathisch, der macht nur das, was unendlich viele Männer machen, nämlich zotige Sprüche reißen. So wie in jeder Redaktion, bei jeder Filmproduktion, in jedem Supermarkt. Und in den Medien wird so getan, als sei das eklig. Aber Entschuldigung, so reden 90 Prozent aller Männer. Wenn der Dax-Manager Cromme zur Frauenquote sagt, Frauen sollten endlich mal verstehen, dass Aufsichtsräte kein Kaffeekränzchen sind: Was ist denn das für ein Chauvinismus? Ich könnte Sie stundenlang langweilen mit Beispielen für patriarchalisches Zotengeschwätz.

Der Film spielt in einer Behördenwelt. Sie haben in einem leer stehenden Trakt des Sozialamtes in Hannover gedreht. Wie fremd war Ihnen diese Welt?

Jaenicke: Überhaupt nicht. Wer hat denn in Deutschland nicht mit der Bürokratie zu tun? Das fängt mit der Versicherungskammer für Schauspieler an. Und das ist ein spannender Job, den die da machen. Es ist ja nicht jeder Bürojob langweilig, im Gegenteil. Ich hab ’ne Freundin, die hat bei der Stadt Frankfurt im Römer gerade die Flüchtlingsthematik auf dem Schreibtisch. Da kann keiner behaupten, das sei langweilig.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Regisseur Stefan Krohmer?

Jaenicke: Sensationell. Für mich war Krohmer eine absolute Entdeckung. Er ist ja noch relativ jung. Ich fand die Arbeit mit ihm sowas von aufregend und intelligent. Ein ganz spannender Regisseur. Ich würde sofort wieder mit ihm drehen. Und das sage ich nicht über alle deutschen Regisseure.

Wie wichtig ist ein Produzent für einen solchen Film - in diesem Fall der Kasseler Hubertus Meyer-Burckhardt?

Jaenicke: Er war eine Schlüsselfigur. Denn der Stoff ist so heikel, und die Gefahr, dass ein solches Drehbuch kippt, ist so groß, dass das nur mit solch geistreichen, differenzierten, intellektuellen Leuten überhaupt machbar ist.

Das heißt, ein Produzent sorgt für die Rückendeckung und boxt einen solchen Stoff im Sender durch?

Jaenicke: Jein, das ist natürlich viel mehr. Der Produzent wählt den Regisseur aus, die Drehbuchautoren, er redet beim Cast mit, vertritt den Film gegenüber der Redaktion. Das ist der Strippenzieher, die Schlüsselfigur. Das wird viel zu wenig gesagt. Es wird immer so getan, als seien Herr Jaenicke, Frau Furtwängler und Frau Ferres verantwortlich für Filme. Das sind wir nicht. Wir können immer nur so gut sein wie unser Buch, unser Regisseur und unser Produzent.

Sie haben in den vergangenen Jahren Bücher über Umweltthemen und Verbraucherschutz geschrieben. Wie schwer ist es, Gehör zu finden und die deutsche Öffentlichkeit aufzurütteln?

Jaenicke: Ich habe dieses Jahr das Buch herausgebracht mit dem Titel „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“. Das ist das Buch, worauf ich definitiv am stolzesten bin. Das war monatelang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste, ist aber bei Weitem nicht so gut gelaufen wie ein Verbraucherschutzthema. Das läuft kommerziell am besten. Hier ging’s mir um den deutschen Herdentrieb und den Hang zum Mittelmaß. Das ist offenbar unbequemer. Aber ich werde das sporadisch weitermachen. Der deutsche Film ist halt nicht so, dass man genug gute Drehbücher bekommt, um zu sagen: Das mache ich rund um die Uhr.

Ist das so?

Jaenicke: Machen Sie mal die Glotze an.

Sie waren gerade im exzellenten Stuttgarter RAF-„Tatort“ zu sehen. Die ARD-Programmverantwortlichen wollen die Experimentierfreude beim „Tatort“ bremsen.

Jaenicke: Das ist genau das, worum mein Buch geht. Mittelmaß ist das Maß aller Dinge.

„Meine fremde Freundin“ ist ja ein Beispiel, dass die ARD anspruchsvolle Stoffe nicht scheut.

Jaenicke: Es sind ja auch nicht alle Sender feige. Die ARD, das ZDF und auch Sat. 1 trauen sich gelegentlich was. Und es liegt auch am Publikum. Wenn man wirklich experimentiert, verliert man ganz schnell seine Zuschauer. Das ZDF hat versucht, den Sonntagabend mal mit was anderem zu füllen als Pilcher. Die Menschen schalten aus. Oft folgt das Publikum nicht, wenn wir mutiger sind. Es liegt nicht nur an den Machern. Das ist ein Dreiklang: die Ängstlichkeit der Redakteure in den Sendern, der Mangel an Kreativität bei uns Fernsehmachern und das Gewohnheitstier Zuschauer, der sagt: Da kommt ’n „Tatort“, da liegt ’ne Leiche im Bild, und der Kommissar fragt: „Wer war’n das?“ Der Zuschauer ist auch gnadenlos.

Zur Person

Hannes Jaenicke, 1960 in Frankfurt geboren, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Pittsburgh (USA), das Abitur absolvierte er in Regensburg. Der Absolvent des Max-Reinhardt-Seminars Wien spielte Theater, ehe er 1984 mit dem Thriller „Abwärts“ seine erste Kinorolle bekam. Seither hat er in zahlreichen Filmen und Fernsehserien mitgespielt, ob im „Urbino-Krimi“, dem „Tatort“ oder zuletzt in „Nicht mit uns! Der Silikon-Skandal“ auf Sat. 1. 2010 erschien Jaenickes erstes Buch „Wut allein reicht nicht - Wie wir die Erde vor uns schützen können“, 2013 folgte „Die große Volksverarsche – Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten. Ein Konsumenten-Navi“. Zuletzt veröffentlichte der Schauspieler „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche – Warum wir dringend Helden brauchen“. Er drehte mittlerweile acht „Im Einsatz für“-Filme u.a. über Orang-Utans, Eisbären, Haie, Elefanten und Delfine. Jaenicke war verheiratet, seine jüngste Partnerin hielt er bewusst aus der Öffentlichkeit.

Mehr zum Thema

Autor

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, zweimal pro Monat.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.