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Heilmittel und Verursacher von Schmerzen: Was macht eigentlich das Salz in der Wunde?

Seit fast 4000 Jahren verwenden Ärzte Salz als Medizin. Viele der Anwendungen werden auch heute noch verschrieben - pures Salz in offene Wunden zu streuen gehört allerdings nicht mehr dazu.

Sole zum Gurgeln, Salzwickel bei Wassereinlagerungen, Salzpflaster zur Wunddesinfektion: Bei Hausmitteln zur Behandlung von Krankheiten ist Salz oft die erste Wahl. 

"Zweierlei gibt es, Wissenschaft und Einbildung, erstere führt zum Wissen, letztere zum Nichtwissen."

Hippokrates von Kos

Die Verwendung von Kochsalz als Heilmittel geht bis zu den alten Griechen zurück. Der Arzt Hippokrates beobachtete Fischer bei ihrer Arbeit. Dabei bemerkte er, dass die Wunden an ihren Händen besser heilten, wenn sie sie in Meerwasser tauchten. Seitdem empfahl er das salzige Wasser sowohl für die innere (Verdauung, Milz) als auch äußere Anwendung (Hauterkrankungen). Hippokrates erwähnte auch das Inhalieren von warmem Salzwasserdampf zur Reinigung der Atemwege – eine Methode, die bis heute angewandt wird.

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Auch im alten Ägypten griff man bei der Wundheilung zum Salz. Der Arzt Imhotep fand 2700 v. Chr. heraus, dass Natursalz Wunden austrocknet und damit Entzündungen gestoppt werden können. In noch erhaltenen Rezepten empfiehlt er Salz außerdem als Abführmittel und Antiinfektivum. 

In Mitteleuropa wird Salz im Zusammenhang mit heilenden Eigenschaften gegen Ende des 11. Jahrhunderts erwähnt. Der Mönch Odo Magdunensis aus Meung an der Loire schrieb das Macer floridus, ein Lehrgedicht, das ausschließlich heilkundliches Wissen vermittelte. Unter anderem heißt es da in Vers 4,5: „Zur Reinigung eiternder Wunden mache man ein Pflaster aus Brennesselblättern (urtica) und Salz und lege es auf.“

Pflaster gegen Mumps 

Macer floridus 56: Der ouswurz unde brot unde salz zusamne gestosen, vertribet parrocidas, daz sint di bosen swern bi den oren, als ein plaster druf geleit.
(Ein Plaster aus zerstoßenem Nachtschatten, Brot und Salz heilt Mumps.)

Schmerzhafter war wohl die Behandlungsmethode der Wundärzte. Sie streuten den verletzten Kriegern pures Salz in die offenen Wunden. Das sollte die Blutung stillen und Infektionen vorbeugen. Die Prozedur muss höllisch weh getan haben, denn konzentriertes Salz zerstört die Zellen. Die Redewendung „Salz in die Wunde streuen“ meint somit auch das willentliche Verursachen von Schmerzen und geht auf diese martialische Praxis der Wundärzte zurück.

"So hoch hat Gott den Menschen getrieben und gezwungen, dass er nicht ohne Salz leben kann oder mag, sondern muss dasselbige haben."

Paracelsus

Bis ins Mittelalter hinein war Salz ein wichtiger Bestandteil vieler Arzneimittel in Europa, zumeist in Verbindung mit Kräutern und anderen natürlichen Produkten. Danach galt es lange Zeit als Hausmittelchen und fand wenig Aufmerksamkeit in der Wissenschaft. Ab dem 19. Jahrhundert allerdings erlebte der vielseitige Rohstoff einen erneuten Aufschwung und wurde mit der Zeit auch wissenschaftlich erforscht. 

Heute gehören viele Anwendungen zum therapeutischen Repertoire: Inhalieren von Sole in künstlichen Salzgrotten erleichtert Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen. Menschen mit Hautproblemen baden in Sole. Zur Darmreinigung wird warmes, leichtes Salzwasser empfohlen und isotonische Kochsalzlösung dient als Trägerlösung für intravenös verabreichte Medikamente.

Der griechische Arzt Hippokrates: Er wurde ca. 460 v. Chr. auf der Insel Kos geboren. Die im "Eid des Hippokrates" festgelegten Regeln, u. a. die Pflicht zur Lebenserhaltung, prägen heute noch das Ethos der medizinischen Berufe.

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