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Mentor Latifi

Kosovo-Albaner lebte 20 Jahre hier

Einer der beliebtesten Fußballer der Region: Latifi muss Deutschland verlassen

Der deutscheste Albaner muss gehen: Nach insgesamt 20 Jahren in Deutschland muss Mentor Latifi Deutschland verlassen. Er war ein fester Bestandteil im nordhessischen Fußball.

Am vergangenen Montag hat er sich in sein Auto gesetzt. Die letzten Koffer aus seiner Wohnung in der Kasseler Innenstadt geholt, die seit dem 1. Dezember ein Freund bewohnt. Mentor Latifis Weg führt nach Frankreich. Zur Schwester. Es ist nicht nur ein Besuch über die Feiertage. Latifi muss Deutschland verlassen. Der Bescheid der Ausländerbehörde kam Ende November. Latifi hatte diesen Moment befürchtet. Ein Schock war es trotzdem.

32 Jahre ist er alt. 20 davon hat er in Deutschland gelebt. In Westfalen. Und vor allem in Kassel. Er ist fester Bestandteil der nordhessischen Fußballszene. Drei Jahre hat er für den KSV Hessen Kassel gespielt, zuletzt beim FSC Lohfelden. Beim Hessenligisten ist er am Samstag nach dem Spiel in Dreieich verabschiedet worden. Auf der Facebookseite des Vereins gibt es ein letztes Bild des Verteidigers im Kreis der Mannschaft. Dazu die Zeilen: „Auch wenn du nun gehst, Mentor, die Erinnerungen bleiben und das zählt!“

Seit 2015 gilt der Kosovo als sicheres Herkunftsland. Das wurde während des Flüchtlingsgipfels im September 2015 beschlossen. Das heißt, dass Kosovaren, die sich in Deutschland aufhalten, dorthin abgeschoben werden können - egal, wie lange sie hier bereits lebten.

Zum Abschied: Ein Mannschaftsfoto des FSC Lohfelden.

Latifis Geschichte, das ist eine von Ankünften und Abschieden. Von Hoffnungen und Rückschlägen. „Ich habe mir wohl manchmal selbst im Weg gestanden“, sagt er beim Blick zurück. Geboren wird Latifi am 14. Januar 1984 in Prishtina, der heutigen Hauptstadt des Kosovo, damals noch Teil Jugoslawiens. Als er acht ist flüchtet die kosovo-albanische Familie während der Balkankonflikte nach Deutschland. Latifi wächst in Lütgeneder bei Warburg auf, beginnt dort auch mit dem Fußball.

Acht Jahre später muss die Familie zurück in den Kosovo. Mentor Latifi fühlt sich wohl in der Heimat seiner Eltern. Er spielt für den FC Prishtina in der ersten Liga. Doch die Rückkehr nach Deutschland bleibt für ihn immer ein Thema. „Hier bin ich aufgewachsen. Hier bin ich ein denkender Mensch geworden“, sagt Latifi heute auf die Frage, was für ihn Heimat bedeutet. 2004 geht er zurück nach Kassel. Er wohnt bei seinem Bruder Lutfi, beginnt ein Studium. Germanistik und Anglistik sind zunächst seine Fächer.

Danach wird es kompliziert. Und es wird traurig. Bruder Lutfi erleidet einen Herzinfarkt. Er stirbt mit gerade 33 Jahren. Mentor ist nun auf sich allein gestellt. Er möchte den Studiengang wechseln, weil ihm die Fächer nicht zusagen. Wirtschaftswissenschaft soll es sein. Vorher muss er ein Studienkolleg absolvieren. Latifi besteht mit der Abschlussnote 1,7.

Welche Regeln bei Abschiebungen gelten, lesen Sie hier

Nun studiert er also Wirtschaft. Gleichzeitig investiert er viel Zeit in den Fußball. 2008 wechselt der kopfballstarke Verteidiger zum KSV Hessen. Beim Regionalligisten wird zweimal am Tag trainiert. Um mitzuhalten, lässt Latifi das Studium schleifen. „Im Rückblick war das ein Fehler. Ich habe danach große Mühe gehabt, in das Studium zurückzukommen“, sagt Latifi. Gleichzeitig schlägt er wegen des Studiums ein Angebot der Lilien aus Darmstadt aus. Es ist die Phase, die Latifi meint, als er den Satz vom „sich selbst im Weg stehen“ sagt. Als irgendwann klar ist, dass es schwer wird mit dem Studienabschluss, sucht Latifi nach Arbeit. Es ist der einzige Punkt, an dem im Rückblick Verbitterung durchklingt: „Ich habe nie einen Cent vom Staat erhalten. Ich wollte arbeiten. Geld verdienen, hatte sogar schon eine Stelle. Doch mehr als ein paar Stunden hat die Behörde mich nicht gelassen.“

Latifis Sportkarriere in Bildern

Am Montag hat Mentor Latifi das Land, in dem er überwiegend aufgewachsen ist, dessen Sprache er spricht ohne jeden Akzent, wohl für immer verlassen. Als Erinnerung bleibt auch ein Zitat. Dennis Tornieporth, einst sein Mitspieler beim KSV Hessen, hat es gesagt: „Du bist der deutscheste Albaner, den ich kenne.“

Latifi und der Fußball

Feste Größe in Nordhessen

Acht Jahre lang war Mentor Latifi fester und zuverlässiger Bestandteil der nordhessisch Fußballszene. „Dieser Sport hat mir viel gegeben. Ich habe durch ihn sehr viele wichtige Menschen kennengelernt“, sagt Latifi. Sein erster Klub war 2004 der TSV Ersen, es folgte der KSV Baunatal, für den der Innenverteidiger zunächst in der Reserve, bald aber auch in der ersten Mannschaft spielte.

2008 kam der Wechsel zum Regionalligisten KSV Hessen Kassel, für den er insgesamt 60 Spiele bestritt. Unvergessen sein Siegtor in der Nachspielzeit beim Pokalhalbfinale gegen Offenbach 2011. Später ging es zum OSC Vellmar. Seine letzte Station war der FSC Lohfelden. Auch beim Hessenligisten hatte Latifi einen Stammplatz. In der Hinrunde seiner letzten deutschen Station bestritt er 18 Spiele.

Latifi und die Familie

Verstreut über vier Länder

Es gab in diesem Jahr auch ein richtig schönes Ereignis für Mentor Latifi: Am 25. Oktober hat er geheiratet. Ehefrau Teuta ist ebenfalls Kosovo-Albanerin. Sie lebt derzeit in der Schweiz. Der geplante Umzug nach Deutschand hat sich nun zerschlagen. Latifis Elternhaus steht in Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, wo auch noch Familienmitglieder leben. Seine Eltern sind nach den Jahren in Deutschland und im Kosovo aus gesundheitlichen Gründen nach Frankreich gezogen. Dort, in St. Louis wohnt auch seine Schwester, bei der Latifi zunächst untergekommen ist. In zwei Wochen soll es weitergehen in die Schweiz. Zu seiner Ehefrau.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version unseres Textes hieß es, Latifi sei ausgewiesen worden. Der Begriff ausgewiesen ist in diesem Zusammenhang falsch.

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