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Arasch Zandieh vor den Porträts der von ihm fotografierten Flüchtlinge.

Fotograf Zandieh: "Uns verbindet mehr, als uns trennt."

Diese Bilder berühren unsere Herzen: Fotograf porträtiert Flüchtlinge

Arasch Zandieh gibt Flüchtlingen ein Gesicht: Der Göttinger Fotograf porträtiert Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und setzt damit ein Zeichen gegen Hass und Vorurteile.

Was für ein Anspruch: Arasch Zandieh möchte Menschen zusammenbringen, Brücken zwischen ihnen bauen und ihre Herzen berühren. Das Mittel zu diesem wunderbaren Zweck ist die Fotografie. Der 37 Jahre alte Göttinger hat Flüchtlinge fotografiert. Das Ergebnis sind beeindruckende Schwarz-Weiß-Porträts.

Fotos gefielen Arasch Zandieh schon immer. Er fotografierte und bearbeitete Fotos für Werbekunden. An Porträts wagte sich Zandieh nicht heran. Für Porträts muss ein Fotograf als Mensch bereit sein. Arasch Zandieh war es lange Zeit nicht.

„Ich glaubte, ich hatte durch meinen Auto-Unfall alles verloren. Dabei habe ich viel gewonnen."

Seine Eltern waren politische Flüchtlinge aus dem Iran. Arasch wuchs im sicheren Deutschland auf, der ehrgeizige junge Mann wurde PR/Medien-Designer. „Ich bin Deutscher“, sagt er beiläufig. Betonen muss er das nicht. Er spricht akzentfrei. Fleißig, zielorientiert, pflichtbewusst, so beschreibt er sich und sein von der Arbeit geprägtes Leben. Das klingt nach typisch deutschen Tugenden. Alles lief in der Spur in der Heimat Göttingen – bis 2011.

Fotostrecke: Bewegende Porträts von Flüchtlingen

Dann wurde Arasch durch einen unverschuldeten Auto-Unfall aus seinem Leben gerissen. „Ich glaubte, ich hatte alles verloren. Dabei habe ich – das weiß ich heute – viel gewonnen.“ Arasch Zandieh hatte Zeit während der Reha-Phase, viel Zeit um nachzudenken, über sich, über das Leben allgemein. Schnell war klar: Er wollte etwas anders machen. Offener durch das Leben gehen, mehr wahrnehmen. „Und ich wollte mich unbedingt sozial engagieren.“

Als 2015 immer mehr Flüchtlinge kamen, war klar: „Diesen Menschen möchte ich helfen, sie unterstützen, ihnen das Gefühl geben, dass jeder einzelne als Mensch willkommen ist in Deutschland, auch wenn der Blick ins Internet oft anderes vermuten lässt.“

Nach seinem Unfall hatte Arasch Zandieh begonnen, Menschen zu fotografieren. Er war bereit für Porträts. Was lag näher, als Geflüchtete zu porträtieren? Er ging in das Wohnheim am Nonnenstieg, wo im ehemaligen Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) auch Fotos und Filme über Menschen gemacht wurden. Dort sprach er mit den geflüchteten Menschen und fotografierte sie einen Sonntag lang in einem improvisierten Studio.

Herausgekommen sind beeindruckende Fotografien in Schwarz-Weiß, dazu kleine Geschichten über oft schlimme Erlebnisse, aber auch gute Gefühle im helfenden Deutschland: Und Zandieh ist etwas geglückt, was nicht oft gelingt: Er bewegt sich gefühlt und optisch mit den Porträtierten auf Augenhöhe. „Das war mir wichtig!“ Für Kinder ging er in die Knie, für großgewachsene Männer stieg er auf die Leiter.

Augenhöhe, das drückt auch und vor allem den Respekt aus, den Zandieh jedem Geflüchteten entgegenbringt - und was er ihnen ermöglichen will: Gleichberechtigung. Die Chance auf sicherem Boden aufzuwachsen. „Es ist auch ein Zeichen an alle in unserem Land.“ Die Herkunft sei irrelevant für den Umgang mit den Geflüchteten. „Wir haben alle ein Recht auf ein sicheres und glückliches Leben.“

„Mein neues Zuhause“ hat er die Fotostudie betitelt – es ist ein Integrationsprojekt. Wer die Fotos betrachtet, der sieht viel: Freude, Weisheit, Unsicherheit, Selbstbewusstsein, Wärme aber auch Spuren des Lebens, erahnt Traumata. „Sie sind so verschieden“, sagt Arasch. „So verschieden wie die Menschen in Deutschland.“

Rosa (21) ist mit ihrem Kind aus Eritrea nach Deutschland geflohen.

„Mein neues Zuhause“ aber ist mehr als Fotografien: Arasch Zandieh hat mit den Porträtierten gesprochen. Sie haben ihm ihre Geschichte, ihre Hoffnungen, ihre Träume und von ihrer Dankbarkeit erzählt, hier zu sein. Die Zusammenarbeit mit dem Fotografen hat den geflüchteten Menschen aus dem IWF-Wohnheim viel gegeben: Achtsamkeit, Interesse, Anerkennung. „Daraus kann Selbstvertrauen und Motivation entstehen“, sagt Arasch Zandieh. Das ist wichtig für die Menschen, die sonst als Asylbewerber wenig Möglichkeiten haben, Bestätigung zu bekommen. Die Arbeit machte deutlich: Sie hatten Freude daran, „Foto-Modell“ zu sein.

„Wenn wir ihnen die Chance geben, all das zurück zu geben, dann werden sie es tun – früher oder später.“ Dabei will ich ihnen helfen, sagt Zandieh, den die Menschen berührt haben. Sie werden Deutschland bereichern – das sagt Arasch nicht. Aber es ist der Schluss, den auch die Betrachter der Bilder ziehen sollen.

Dann sagt Arasch Zandieh noch einen Satz, den er unbedingt loswerden muss: „Uns Menschen, überall auf der Welt, verbindet viel mehr, als uns trennt.“

Die Ausstellung ist im ehemaligen Göttinger IWF-Gebäude am Nonnenstieg 72 zu sehen – auf Anmeldung. Die Schau wird unterstützt von der Betreibergesellschaft der Flüchtlingswohnanlage, der Bonveno gGmbH. Eventuell sind die Fotos bald öffentlich zu sehen: Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler hat Interesse daran bekundet, sie im öffentlichen Raum zu zeigen.

Zur Person 

Arasch Zandieh (37), kam als kleiner Junge aus dem Iran nach Deutschland, das sein Heimatland wurde. Seine Eltern hätten im Iran nicht in Ruhe leben können, ihnen drohte die politische Verfolgung. Ein Vierteljahrhundert hatte Zandieh den Iran nicht mehr gesehen. Er lebt in Göttingen und arbeitet als Fotograf.

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