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Immer das Gleiche machen oder etwas Neues wagen? Christina Durant aus Göttingen entschied sich für das Neue und wanderte nach Irland aus.

Göttingerin hat auf der Insel Neuanfang gewagt

Irland-Auswanderin: Deutschland ist ein Schlaraffenland

In Deutschland gibt es hohe Sicherheit, was Arbeitsplatz, Mietverhältnis, Krankenversorgung angeht. Und mehr Auswahl in Supermarktregalen. Dennoch ist die Göttingerin Christina Durant nach Irland ausgewandert - und erzählt, wie das Leben dort ist.

Irland – die grüne Insel. Seit jeher ein Land der Zuwanderer, Ein- und Auswanderer. Eine davon ist die Göttingerin Christina Durant. Seit zwei Jahren lebt die 39-Jährige nun in Dublin. Wir unterhielten uns mit ihr über den Neuanfang und erhielten Ausgehtipps für Reisende nach Dublin.

Christina, wieso bist Du ausgewandert?

Christina Durant: Ich war acht Jahre nach meinem Studium an einem Punkt angekommen, an dem ich mich entscheiden konnte, entweder die nächsten zehn Jahre das Gleiche zu machen, oder etwas total Neues anzufangen. Ich entschied mich für das Neue.

Warum Irland?

Durant: Seit meiner Jugend habe ich viel Zeit in Großbritannien verbracht und mich dort immer sehr wohl gefühlt. 2013 war ich das erste Mal in Irland. Es ähnelt Großbritannien, kratzt man an der Oberfläche ist es aber total anders: Freundlicher und mehr „easy going“. In vieler Hinsicht also das Gegenteil von Deutschland. Denn im Gegensatz zu Deutschland, wo man für alles eine formelle Ausbildung braucht, ist es in Irland möglich, etwas zu tun, weil man die Motivation dafür mitbringt.

Kam es so auch zu Deiner jetzigen Berufswahl?

Durant: Ja. Denn in Irland werden offene Stellen über Recruiter besetzt, die für Firmen geeignete Kandidaten suchen. Für multinationale Konzerne ist die Qualifikation in Fremdsprachen entscheidend. Als deutsche Muttersprachlerin ist man sehr begehrt, weil der deutschsprachige Markt der größte in Europa ist.

Was war in Deutschland besser als in Irland?

Durant: In Deutschland hat man mehr Sicherheit: Kündigungsschutz bei Arbeits- und Mietverhältnissen, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, gesetzliche Krankenversicherung. Außerdem ist alles günstiger und es gibt mehr Auswahl. Deutschland ist wirklich ein Schlaraffenland. Angefangen im Supermarkt, über großzügig geschnittenen, erschwinglichen Wohnraum bis hin zur für alle verfügbare Gesundheitsversorgung.

Die Bucht von Dublin: Einer von Christina Duronts Lieblingsorten mit Blick auf den Leuchtturm von Howth.

Wo liegen Irlands Vorzüge?

Durant: Die Landschaft und das Meer sind einfach unschlagbar. Egal, wo man ist, in kürzester Zeit ist man an der Küste. Außerdem sind die Leute gelassener als in Deutschland. Der zwischenmenschliche Umgang ist geprägt von Rücksichtnahme und Unterstützung. Man ist beispielsweise ständig damit beschäftigt, anderen die Tür aufzuhalten, sich zu bedanken oder zu entschuldigen.

Was sind typische irische Aussagen?

Zur Person

Christina Durant (39), in Hildesheim geboren, 18 Jahre in Göttingen gelebt und vor zwei Jahren nach Dublin ausgewandert; in einer Beziehung; hat ein Magister in Dt. Philologie, Mittlerer und Neuer Geschichte und arbeitet bei einem Pharmakonzern im Bereich Medizintechnik für optische Produkte. Hobbies: das Meer, Wandern, Ornithologie, Konzerte, Architektur, Geschichte, Reisen.

Durant: That’s grand! – It’s gonna be fine. – Thanks a million. – Take care. – No worries. – Sorry. Sorry wirkt wie ein Sesam-öffne-dich. Jemand steht dir im Weg? Sag sorry und die Person wird sich entschuldigen und dich durchlassen. Keine genervte Drängelei wie in Deutschland. Auch hier sieht man wieder die entspannte Grundhaltung allem und jedem gegenüber, aber auch eine gewisse Planlosigkeit. Irland ist entspannt und spontan, reagiert mehr, als dass es organisiert. Außerdem typisch: Im Vergleich mit Deutschland sehr kleine Häuser und Wohnungen, alles ist elektrisch, auch die Heizung und damit a) sehr teuer und b) eher unzureichend. Freitagabend gehen alle ins Pub. Und egal, wo du bist, irgendjemand fängt immer ein Gespräch mit dir an.

Welche Umstellung fiel dir am schwersten?

Durant: Tatsächlich keine verlässlich warme Wohnung zu haben. Selbst wenn man sich das leisten könnte, kann man mit einem Radiator nicht alles komplett warm bekommen. Nach einer Weile wird einem auch bewusst, wie beschränkt das Warenangebot selbst in der Hauptstadt Dublin ist. In Deutschland kann man einen viel individuelleren Konsumstil pflegen als hier.

Was war das Erste, das du als neue „Wahl-Dublinerin“ getan hast?

Durant: Ich bin nach Howth gefahren, bin über den Pier gelaufen, habe mich ans Meer gesetzt und das Gefühl genossen, nicht so bald wieder weg zu müssen.

Was vermisst du?

Durant: Exotische Südfrüchte, den deutschen Wald, deutsches Brot, manchmal vermisse ich deutsche Drogerieketten.

So schön ist Irland

Willst du dort bleiben?

Durant: Unklar. So lange es läuft, bleibe ich. Wahrscheinlich habe ich da schon ein bisschen die irische Lebenseinstellung antizipiert.

Hast du Tipps für unsere Leser für eine gute Zeit in Dublin und Umgebung?

Durant: Ganz wichtig – Temple Bar kann man sich angucken, sein Bier trinkt man aber entspannter, günstiger und weniger touristisch auf der anderen Seite der Dame Street. Die George’s Street, inklusive aller Namenswechsel, die sie auf dem Weg nach Portobello erfährt, ist ein Mekka des Dubliner Nachtlebens, das für jeden Geschmack etwas bereithält. Sich einfach treiben lassen, von Pub zu Pub.

Deine Lieblingsplätze sind?

Durant: Meine drei Lieblingsplätze innerhalb Dublins sind Iveagh Gardens, die Docklands zwischen Spencer Dock und The Point und der Grand Canal zwischen Portobello Harbour und Grand Canal Dock. Außerhalb Dublins, aber schnell zu erreichen, sind Howth, Malahide, Portmanock im Norden und Bray, Dalkey und Dun Laoghaire im Süden. Wenn man nur ein paar Tage hat, würde ich Howth Harbour empfehlen. Mit ein bisschen Zeit kann man den Cliff Walk in Howth machen. Ich glaube, alle, die mal in Howth waren, lieben es.

Steckbrief: 

Irland

Einwohner

4,6 Millionen

Hauptstadt

Dublin

Staatsoberhaupt

Präsident Michael D. Higgings

Staatsform

Parlamentarische Republik

Amtssprache

Irisch, Englisch

Fläche

knapp 70.000 Quadratkilometer - zum Vergleich: Deutschland hat knapp 357.000 Quadratkilometer

Unabhängigkeit

seit 1921 - Nordirland hingegen gehört zum Vereinigten Königreich

Lieblingsgetränke

Milch und Guinness

Fußball

Irland liegt mit 858 Punkten auf Platz 23 der Weltfußball-Rangliste - auf Platz 1 liegt Argentinien mit 1634 Punkten, auf Platz 3 Deutschland mit 1433 Punkten

Volkssport

... das ist der Mannschaftssport Hurling, der als einer der schnellsten der Welt gilt. Gespielt wird auf einem fußballähnlichen Platz, ebenfalls mit zwei Toren. Ziel ist, einen kleinen Ball, der in die Hand genommen werden darf, mit einem Stock, einer Art übergroßer Kochlöffel, ins gegnerische Tor zu schlagen.

Prominente aus Irland

Eine kleine Auswahl: Bono (Sänger von U2), Pierce Brosnan (Schauspieler), Enya (Sängerin), Bob Geldof (Musiker), Ronan Keating (Sänger), Jack Gleeson (Schauspieler), Chris de Burgh (Sänger)

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