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Totales Glücksgefühl: Triathlet Patrick Lange feiert seinen dritten Platz beim Ironman auf Hawaii.

"Ich würde gern wieder zurück in meine Heimat"

Nordhessens Triathlon-Sensation Patrick Lange: "Ich will den Ironman auf Hawaii gewinnen"

Vor dieser Saison kannten nur Triathlon-Experten den Namen Patrick Lange. Dann wurde der Bad Wildunger Dritter bei der Ironman-WM auf Hawaii. Hier erzählt er, wie sich sein Leben seither verändert hat.

Am 8. Oktober hatte Patrick Lange am ganzen Körper Gänsehaut. Als der Bad Wildunger Triathlet bei der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii als Dritter ins Ziel kommt, fühlt es sich an wie "tausend Geburtstage, Weihnachten und Ostern zusammen, alles in zehn Sekunden".

Mit seinem Überraschungscoup sorgt Lange für einen der schönsten Sportmomente des Jahres. Der 30-Jährige, der laut seinem Trainer gar nicht das Talent hat, ein großes Rennen zu gewinnen, rollt das Feld über 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen von hinten auf, stellt nebenbei eine Marathon-Bestmarke auf Hawaii auf und macht den deutschen Dreifach-Triumph hinter Jan Frodeno und Sebastian Kienle perfekt.

Wir haben mit dem Wahl-Darmstädter darüber gesprochen, wie sich sein Leben seitdem verändert hat, warum er als Vegetarier schneller ist und wieso Nordhessen schöner als das Rhein-Main-Gebiet ist.  

Du warst gerade auf Mallorca im Trainingslager, wo das Wetter zeitweilig so schlecht war, dass du auf dem Laufband trainiert hast. Es scheint, als hättest du erst am Ende eines außergewöhnlichen Jahres ein bisschen Pech gehabt. 

Patrick Lange: Das war nicht unbedingt Pech. Da mein Saisonhöhepunkt nächstes Jahr etwas später liegt, war es nicht schlimm, dass jetzt etwas Training ausgefallen ist.

Wie schwer war es nach dem Sieg beim Texas-Ironman im Frühjahr und dem unglaublichen dritten Platz auf Hawaii mit Marathon-Rekord, in den Alltag zurückzukehren? 

Lange: Das war wirklich nicht so leicht. Es gab deutlich mehr Presseanfragen. Schon am Tag, als ich aus Hawaii zurückgekehrt war, bin ich für ein Interview im ZDF-"Morgenmagazin" nach Berlin geflogen. Ich hatte gerade einmal Zeit, die Koffer zu Hause abzustellen. Auch sonst war es viel. Glücklicherweise hatte ich gerade meine Saisonpause, in der ich im Prinzip vier Wochen gar nicht trainiert habe.

Wie ist es, auf einmal so viel Aufmerksamkeit zu bekommen? 

Lange: Es war cool. Das ist das, was ich immer wollte. Man will ja auch im Mittelpunkt stehen. Die vielen Interviews sind eine Würdigung der Leistung. Ich möchte das nicht missen - zumal das Ganze nicht Überhand genommen hat.

Vor einem Jahr hattest du nicht mal einen Sponsor. Was hat sich durch deine Erfolge verändert? 

Lange: Bei den Sponsoren wird sich jetzt noch das eine oder andere tun. Das sah vor einem Jahr noch anders aus, als ich froh war, einen Radpartner zu haben. Der ging dann aber Pleite. Es war wie verhext. Der Erfolg auf Hawaii gibt mir nun längerfristige Sicherheit: Es ist gut zu wissen, dass ich die nächsten zwei bis vier Jahre als Profi überleben kann. In meinem engeren Umfeld hat sich dagegen kaum etwas geändert. Das ist schön. Dass ich nun im Training mehr beäugt werde, ist schon okay.

Anders als deine Kollegen, die über die Olympische Distanz starten, bekommen Langstrecken-Triathleten nicht einmal Sporthilfe. Wie gut kann ein erfolgreicher Triathlon-Profi leben? 

Lange: Wenn die Leistungen stimmen, muss ich mir keine Sorgen machen. Aber wir Triathleten sind keine Fußballer. Durch unseren Sport wird man nicht reich. Und da wir keine staatlichen Förderungen bekommen, erfordert alles ein hohes Maß an Selbstständigkeit. Ich könnte auch in meinen gelernten Beruf als Physiotherapeut zurückkehren. In meiner Lebensplanung ist das für die nächsten vier Jahre allerdings nicht vorgesehen.

Kümmerst du dich um die finanziellen Dinge immer noch selbst? 

Lange: Ich habe jetzt einen Manager und eine Agentur. Nichtsdestotrotz bin ich hier auch noch recht aktiv. Ich will wissen, was da abgeht. Und ich bin immer noch mein eigener Chef.

Fotostrecke: Die Karriere von Patrick Lange in Bildern

Dein Trainer Faris Al-Sultan hat anfangs zu dir gesagt: "Du hast nicht genug Talent, um ein großes Rennen zu gewinnen." Wann wusste er, dass er sich geirrt hat? 

Lange: Spätestens nach meinem Sieg in Texas war ihm klar, dass die Aussage so nicht haltbar ist. Trotzdem sagt er weiterhin, dass ich nicht der Talentierteste bin. Er weiß aber sicher auch, dass er mich damit noch mehr motiviert.

Was meint er mit mangelndem Talent? 

Lange: Er hat mal gesagt, dass es nicht schön aussieht, wenn ich Sport mache. Er findet mich zu klein und meint, meine Bewegungsabläufe seien nicht ästhetisch. Damit würden mir einige Grundvoraussetzungen fehlen. Aber ich bin dabei, ihm das Gegenteil zu beweisen.

Das könntest du bereits nächstes Jahr schaffen, wenn du nach Platz drei ein noch besseres Ergebnis auf Hawaii erreichst. 

Lange: Es ist mein klar umrissenes Ziel, noch den einen oder anderen Platz nach vorn zu kommen. Irgendwann möchte ich auf jeden Fall den Ironman auf Hawaii gewinnen - ob nächstes Jahr oder erst in fünf Jahren. Ich habe gezeigt, dass das realistisch ist, aber ich will mich für 2017 nicht übermäßig unter Druck setzen.

Früher hast du dich eben bisweilen zu sehr unter Druck gesetzt, weshalb die Erwartungen oft enttäuscht wurden. Was machst du heute anders? 

Lange: Mein komplettes Umfeld ist deutlich besser als früher. Ich habe den Verein gewechselt und habe im Privaten einige tiefgreifende Änderungen durchlebt. Letztlich ist der Erfolg auch das Ergebnis vieler Kleinigkeiten. Da gehört der Trainer dazu, die Ernährung, eine Trainingsumstellung im Kraftbereich sowie ein Lauftechniktrainer. An diesen vielen kleinen Stellschrauben habe ich nach und nach gedreht und so den richtigen Mix gefunden.

Als Jugendlicher warst du einer der besten hessischen Nachwuchs-Mountainbiker, hast nach einem schweren Sturz aber zu viel Angst vor weiteren Verletzungen gehabt. Wie überwindet man eine solche Blockade? 

Lange: Die Zeit hat meine Wunden geheilt. Und irgendwann brauchte ich einen neuen Reiz. Mein damaliger Trainer Martin Zülch aus Bad Wildungen hat mein Talent als Triathlet erkannt und mir einen Trainingsplan geschrieben. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich jetzt Triathlet bin.

Wie eng ist noch der Kontakt nach Nordhessen, wo du anfangs unter den Sportlehrern Martin Zülch und Rolf Kather für den Schulverein des CJD Oberurff gestartet bist? 

Lange: Zu beiden habe ich noch gute Kontakte. Im Sommer war ich zum Beispiel in Oberurff, als Rolf Kather 60 wurde und seine ehemaligen Schützlinge ihn mit einer gemeinsamen Radausfahrt überrascht haben. Und Martin Zülch war dabei, als ich mich im Dezember in Bad Wildungen in das Goldene Buch eingetragen habe. Ich glaube, die beiden sind ein Stück weit stolz auf mich. Für mich ist es schön, dass ich ihnen jetzt etwas zurückgeben kann.

Auf dem Rad trainierst du am liebsten in Nordhessen. Könnte man hier als Triathlon-Profi auch erfolgreich sein oder fehlt dafür die Infrastruktur des Rhein-Main-Gebiets? 

"Ich weiß, dass ich meinem Vater nie mehr ins Gesicht schauen könnte, wenn ich wissentlich gedopt hätte."

Lange: Darüber denke ich immer wieder nach. Die Leistungsdichte im Rhein-Main-Gebiet ist schon deutlich höher. Hier gibt es mehrere Triathlon-Profis, mit denen ich jeden Tag auf sehr hohem Niveau trainieren kann. Vor allem in Bad Wildungen wäre das nicht gegeben. Es gibt rund um Kassel auch leider nicht solche Vereinsstrukturen wie in Darmstadt. Wenn sich so etwas entwickeln würde, würde ich gern wieder zurück nach Nordhessen. Momentan sehe ich da jedoch keine großen Chancen.

Du schätzt Nordhessen also weiterhin sehr? 

Lange: Definitiv. Ich hänge an meiner Heimat. Gerade zum Laufen und Radfahren ist Nordhessen super. Im Süden gibt es selbst in den hintersten Ecken des Odenwalds so viel Verkehr, das ist echt heftig. In Nordhessen ist das einfach besser. Vielleicht verschlägt mich der Weg irgendwann wieder nach Hause.

Mit Ahler Wurscht, der heimischen Spezialität, wird man dich jedoch nicht nach Nordhessen locken können. Du bist Vegetarier. 

Lange: Ich habe vor sieben Jahren festgestellt, dass das besser für mich ist. Ohne Fleisch kann ich schneller regenerieren und bin leistungsfähiger. Vegetarische Ernährung ist für mich der bessere Weg. Natürlich spielen auch andere Faktoren wie ökologische Aspekte eine Rolle. Aber das muss jeder für sich entscheiden.

Allein mit vegetarischer Ernährung wird man aber noch kein Ironman. Triathlon vereint drei Ausdauersportarten, die in den Einzeldisziplinen allesamt dopingverseucht sind. Warum sind gerade Triathleten sauber? 

Lange: Leider sind auch nicht alle Triathleten sauber. Wir hatten bereits einige Dopingfälle. Gerade mischen wieder einige Sportler im Profi-Zirkus mit, die mit Epo erwischt worden waren und eine zweijährige Sperre abgesessen haben. Dass die noch mitmachen dürfen, ist für mich völlig unverständlich. Solche Leute gehören nicht in unseren Sport.

Hast du Verständnis dafür, dass in der Öffentlichkeit mittlerweile eine Grundskepsis gegenüber außergewöhnlichen Leistungen herrscht? 

Lange: Natürlich, jeder kann sich seine eigene Meinung machen. Ich für mich weiß, dass ich meinem Vater nie mehr ins Gesicht schauen könnte, wenn ich wissentlich gedopt hätte. Die Dopingfalle lauert ja überall. Wenn ich vom Arzt mal Medikamente verschrieben bekomme, bin ich äußerst vorsichtig. Seit acht Jahren gehöre ich dem Doping-Kontrollsystem der Nada an und muss strenge Auflagen erfüllen. Allein diese Saison bin ich etwa 20 Mal kontrolliert worden. Selbst als ich mit meinem Trainer im Vorbereitungslager in Bahrain war, stand der deutsche Doping-Kontrolleur unangemeldet vor meinem Hotelzimmer. Ich trage alles, was in meiner Macht steht, zum Anti-Doping-Kampf bei.

Kann man dich 2017 auch mal wieder bei einem Wettkampf in Nordhessen erleben? 

Lange: Das weiß ich noch nicht. Ich würde gern mal wieder beim Edersee-Triathlon starten, meinem Heimrennen. Aber noch steht meine Saison-Planung nicht. Ich weiß nur, dass Hawaii wieder der Höhepunkt werden soll.

ZUR PERSON: PATRICK LANGE

Geboren:

am 25. August 1986 in Bad Wildungen

Beruf:

eigentlich Physiotherapeut, jetzt Profi-Triathlet

Anfänge:

als Läufer beim TV Friedrichstein und Triathlet beim CJD Oberurff

Verein:

DSW Darmstadt

Privates:

Lebt mit seiner Freundin in Darmstadt

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