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Unser Redakteur Konstantin Mennecke ist täglich auf der A 7 unterwegs.

Erfahrungsbericht

Täglicher Kampf auf der A7: Stau, Raser und kein Sicherheitsabstand

Stress, Verkehrssünden und schier endloser Stau regieren Deutschlands wichtigste Nord-Süd-Verbindung: die Autobahn A7. Autor Konstantin Mennecke hat in den vergangenen drei Jahren rund 25.000 Kilometer auf dieser Autobahn verbracht.

Die fast tägliche Fahrt aus Südniedersachsen nach Nordhessen wurde nur allzu oft zum täglichen Kampf auf dem Weg zur Arbeit. Wie an diesem beispielhaften Montag:

8.06 Uhr: Erstmal Tee

Es ist Montagmorgen, kurz nach 8 Uhr, der heiße Tee dampft in meiner Tasse auf dem Frühstückstisch, dazu gibt es die aktuelle Ausgabe der HNA. Diese altmodische Idylle mag zu einem 25-Jährigen nicht passen - mag man meinen. Doch irgendwie nimmt es dem Montag sein Grauen. Der Blick wandert aber nicht nur in die Zeitung, sondern stets vor der Fahrt nach Kassel ins Internet. Der Weg über die Autobahn nimmt im besten Fall 50 Minuten in Anspruch - häufig dauert es allerdings länger, denn Staus sind keine Seltenheit. Von der Verkehrsmanagement-Zentrale Niedersachsen - ein sperriges Wort - gibt es die aktuelle Übersicht über Baustellen und Unfälle für die Region. Alles ist grün, es könnte also ein reibungsloser Start in die Woche werden.

8.24 Uhr: Tanken gegen den Super-GAU

Ich schnappe mir Kamera, Rucksack und eine Flasche Wasser, steige ins Auto und mache mich auf den Weg zur Arbeit. Kurz vor der Autobahn tanke ich noch voll, denn die Erfahrung hat mich gelehrt, dass jeder Tag auf der A7 anders ist. Mit leerem Tank nach stundenlangem Stau liegen bleiben: Mein Super-GAU. Deshalb halte ich an der blauen Lagune, wie die Menschen in der Region die Tankstelle nennen. Angelehnt an die Farben des Konzerns, zu dem sie gehört. Fast immer tanke ich an der ersten Zapfsäule, halte ein kurzes Schwätzchen mit der Kassiererin und nehme die Quittung mit. Über die Jahre hat sich ein Automatismus entwickelt, man kennt mich hier.

8.29 Uhr: Einfädeln zwischen 40-Tonnern

HINTERGRUND

Die Bundesautobahn 7 (BAB 7, Autobahn 7, A 7) ist mit 962,2 Kilometern die längste deutsche Bundesautobahn und die längste durchgehende nationale Autobahn Europas. Sie führt als Nord-Süd-Achse von der dänischen Grenze in Ellund durch Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen und Hessen, wechselt mehrfach zwischen Bayern und Baden-Württemberg und endet an der österreichischen Grenze bei Füssen.

Seite „Bundesautobahn 7“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 2. November 2016, 20:50 UTC. (Abgerufen: 11. November 2016, 16:38 UTC) 

Dieses ruhige Dorfleben ist wenige Meter weiter schneller vorbei, als mir lieb ist. Ich fahre auf die Autobahn auf. Ab diesem Moment muss mein Auto zeigen, was es kann. Natürlich ist es ein Wolfsburger, wir Niedersachsen stehen fest hinter unserem Autobauer, Abgasskandal hin oder her. Der Schulterblick offenbart, dass die Brummifahrer am Montagmorgen nach dem Sonntagsfahrverbot wieder alles geben. 80 Kilometer die Stunde schnell dürften sie unterwegs sein. Aber die Erfahrung zeigt: Wer so schnell fährt, wird von der Blechlawine gnadenlos überholt. Das Einfädeln auf die Bahn fällt deshalb schwer, Abstand gibt es zwischen den Lastwagen kaum. So eng, wie der Zeitplan der Spedition bemessen ist, so dicht an dicht fahren die 40-Tonner über die Autobahn. Die Bilder von schweren, teils tödlichen Unfällen scheinen die Fahrer der Branche kaum abzuschrecken.

8.37 Uhr: Gelbes Blinklicht

Mit einem beherzten Tritt auf das Gaspedal schummele ich mich zwischen den Kolossen durch und mache mich auf, 87 Kilometer sind es bis Nordhessens Metropole Kassel. Die Fahrt dorthin ist Routine, irgendwann kennt man die Kurven im Schlaf, ebenso die typischen Stellen für Blitzer. Kurz hinter Northeim, dort, wo die Spurrillen gefühlt tiefer sind als so manche Regenrinne, lauert die erste Herausforderung für Autofahrer: Ein Fahrzeug der Autobahnmeisterei, das vor einem Hindernis warnt. Was genau, das ist unklar, weithin sichtbar ist aber das gelbe Blinklicht, das nicht selten auf einen Stau hinweist. 

8.39 Uhr: Gefahr durch BMW-Rowdy

Ich bremse ab und sehe im Innenspiegel eine weitaus größere Gefahr auf mich zurollen, ja förmlich zuschießen. Ein BMW nähert sich, nicht mit 140 oder 160, die Geschwindigkeit dürfte vielmehr irgendwo jenseits der 200 km/h liegen. Dass fast auf der gesamten Strecke bis nach Kassel nur 120 km/h erlaubt sind stört die wenigsten Fahrer. Rechts hinüberziehen kann ich nicht, die Brummis geben keinen Raum dafür. Immer näher kommt der Fahrer, bis er schließlich offenbar versucht, abzulesen, bis wann mein Auto noch Tüv hat. Tippe ich jetzt die Bremse an, begrüße ich den Fahrer mit Hamburger Kennzeichen bei mir im Kofferraum. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit. Als es kurze Zeit später dreispurig wird, zieht er vorbei und die Gefahr ist gebannt. Zumindest vorerst. Eine Seltenheit ist das übrigens nicht, Beinahe-Unfälle gehören zum Alltag. Bald jede einzelne Bremsspur im Verlauf der Autobahn zeugt davon.

Stau auf der A7 bei Lutterberg-Hedemünden, hier an der Gefällstrecke vor der Werratalbrücke.

8.44 Uhr: Lastwagen auf Standstreifen

Der Grund für die Warnfahrzeuge kommt kurze Zeit später. Ein Lastwagen ist auf dem Standstreifen liegen geblieben und wird von der Autobahnmeisterei abgesichert. Diese Art der Absicherung ist kein Einzelfall. Egal ob Lastwagen, Wohnmobil oder Auto: Immer ist entweder ein Absicherungsfahrzeug oder die Autobahnpolizei sorgt für Sicherheit vor Ort. Das gilt meist auch für Stauenden. Seit den Konferenzen zu den sich häufenden schweren Unfällen auf der A7 in 2015 wird viel getan, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Tempolimit 120 gilt seit Oktober 2015 lückenlos vom Dreieck Drammetal bis zur hessischen Landesgrenze. An Gefahrenstellen wurden zudem die Mittelleitplanken in Niedersachsen verstärkt, da Laster diese immer wieder durchbrochen hatten. Direkt im Nadelöhr des Dreiecks Drammetal, wo es zeitweise fast wöchentlich gekracht hatte, sorgte ein Blitzer für das Ende der Unfallserie - und für steuerliche Mehreinnahmen, da dort kaum jemand die erlaubte Geschwindigkeit einhielt.

8.55 Uhr: Unverständnis

Diese baulichen Veränderungen haben auf der niedersächsischen Seite stattgefunden und für knapp 30 Prozent weniger Unfälle gesorgt. Diese Bilanz haben jetzt die Polizei und der Kreis Göttingen gezogen. Auf hessischer Seite wurde in diesen Bereichen nichts gemacht, es gab ausschließlich mehr Lkw-Kontrollen. Die Folge: zwischen Melsungen und der Landesgrenze sind die Unfallzahlen sogar um mehr als vier Prozent Prozent gestiegen. Für mich als Autofahrer ist das absolut unverständlich. Das Gefühl von deutlich mehr Sicherheit, insbesondere im südniedersächsischen Raum, habe sicher nicht nur ich. Täglich sind tausende Pendler auf der Strecke unterwegs, einige auch aus meinem Bekanntenkreis, die ähnliches empfinden. Das macht es noch unverständlicher, dass sich von hessischer Seite kaum etwas tut.

9.12 Uhr: Rettungsgasse wird zum Fremdwort

Auf den letzten Kilometern, kurz hinter der Landesgrenze dann doch noch das, was an diesem Montag gefehlt hat: Es hat gekracht, der Verkehr staut sich bereits jetzt auf vier Kilometern, wie mir mein Navigationssystem offenbart. Es wundert mich nicht, gab es im Jahr 2015 laut ADAC doch so viele Staus wie nie zuvor. Der Automobilclub kommt auf eine Gesamtlänge von 1.126.000 Kilometern. Das sind 20 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Immerhin: In Niedersachsen gab es nur rund 38.000 Staus in 2015. Spitzenreiter bleibt Nordrhein-Westfalen mit fast zehnmal so vielen. 

Trotz stockenden Verkehrs ist von einer Rettungsgasse hier aber wieder einmal nichts zu sehen. Da helfen auch die neu an den Brücken angebrachten Hinweisschilder nichts. Dass gerade die Rettungsgasse, die es Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst ermöglicht, schnell zu helfen und Leben zu retten, für jeden einzelnen im Stau mal wichtig werden könnte, das scheint den Wenigsten bewusst zu sein. Zudem könnte ich ins Lenkrad beißen, da vereinzelt ganz schlaue Autofahrer von links nach rechts zwischen den Spuren springen, um vermeintlich schneller voran zu kommen. Was diesen Menschen wohl durch den Kopf geht, werde ich wohl nie erfahren. Und denn Sinn hinter ihrem Handeln nie verstehen.

9.58 Uhr: Heil angekommen

Einen Anruf in der Redaktion und knapp 40 Minuten später habe ich dann mein Ziel in der Frankfurter Straße in Kassel erreicht. Das Auto ist heil, und ich bin es auch. Als Selbstverständlichkeit sehe ich das nicht. Die Fahrt am Abend dürfte gegen 19 Uhr aber deutlich entspannter werden. Grundsätzlich denke ich, wer diesen täglichen Kampf auf der A7 miterlebt, der wundert sich, dass bei täglich fast 90.000 Fahrzeugen rund um Kassel nicht mehr passiert. Ohne Rücksicht auf Verluste wird oft gerast und auf Risiko gefahren. Recht eindringlich ist mir deshalb die kurze Geschichte eines Notfallseelsorgers aus dem Raum Hann. Münden im Kopf geblieben, der vor vielen Jahren auf die A7 bei Münden gerufen wurde. Eine Familie mit Kind war verunglückt. Menschen wurden tödlich verletzt. Dein Einsatz hat er innerlich verarbeitet, aber das gelbe Stofftier des Kindes, das auf der Hutablage des Autos lag, hat sich förmlich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Diese Geschichten sind es, die meinen rechten Fuß und damit die Pferdestärken des Autos im Zaum halten. Sicher ankommen hat oberste Priorität. Doch der tägliche Wahnsinn auf der A 7 zeigt: Das sehen offenbar nicht alle so.

A 7: Eine Autobahn der Superlative

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