NS-Offiziere dicht gedrängt vor der Kasseler Stadthalle in der Friedrich-Ebert-Straße: Das Bild stammt aus dem Archiv des Helsaer Geschichtsvereins, der viele der Dokumente und Fotos in sein neues Buch eingearbeitet hat. Foto: Geschichtsverein Helsa

Recherche des Geschichtsvereins

Helsa war eine Nazi-Hochburg - „Wir sind die letzten Zeitzeugen“

Helsa war eine Nazi-Hochburg – das fanden die Mitglieder des Helsaer Geschichtsvereins bei der Recherche zu ihrem aktuellen Buch heraus.

Es ist die bislang umfangreichste Veröffentlichung der Ehrenamtlichen – und eine mit großer Bedeutung für die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit der Region.

Doch nicht alles in Helsa war braun: In allen Ortsteilen war auch der Widerstand aktiv. „Besonders ausgeprägt war er in Eschenstruth. Hier gab es viele Sozialdemokraten und KPDler“, sagt der Vereinsvorsitzende Gerd Vogelsang, der das Projekt zusammen mit seinem Kollegen Gerold Kunert leitete. Einer, der das bezeugen kann, ist Helmut Jordan. Denn sein Vater gehörte zu den Menschen, die sich gegen die Nazis stellten – und den Widerstand heftig zu spüren bekamen.

Walter Jordan war auch nach dem Krieg ein streitbarer Bürger, der bei Lohnkürzungen Streiks organisierte.

Jordan war gerade einmal vier Jahre alt, als sein Vater Walter Jordan am 18. Dezember 1936 gegen 6 Uhr von der SA verhaftet wurde. Jordans achtjähriger Bruder hatte Scharlach, deshalb nächtigte der Vater in der Küche auf dem Sofa. „Für die Nazis waren das ’typisch kommunistische Verhältnisse’, wenn der Familienvater nicht im Schlafzimmer schläft“, berichtet Jordan.

Der Grund für die Verhaftung: Der Vater, ein begeisterter Pilzesammler, sei an einem Sonntagmorgen zum Pilzesuchen im Wald bei Fürstenhagen unterwegs gewesen.

Dort sei er mit Männern aus Eschenstruth ins Gespräch gekommen, offenbar Kommunisten, denen er eine politische Broschüre abkaufte. „Als den Männern später der Prozess gemacht wurde, hat man meinen Vater vermutlich verraten“, erzählt Jordan, der seinen Vater als „städtisch geprägt“ und „offenherzig“ in Erinnerung hat.

Für seinen Vater begann mit der Verhaftung eine Odyssee. „Die Helsaer SA prügelte nicht in Helsa, sondern brachte die Menschen woanders hin“, erzählt Vogelsang. So habe sie Gewalttaten gegenüber Andersdenkenden abstreiten können. Jordan kam in den Gestapo-Keller nach Witzenhausen und dann in das Kasseler Gefängnis Elwe in der Unterneustadt. Vor dem Kasseler Amtsgericht wurde er verurteilt, kam in die Vollzugsanstalt Wolfenbüttel und schließlich nach Plötzensee. „Diese Anstalt war bekannt für ihre Brutalität, da wurden die Leute geköpft“, so Helmut Jordan. 

Doch sein Vater kam glücklicherweise zurück – am 1. März 1939. Mit seiner Rückkehr sei lange nicht alles wieder gut gewesen, erinnert sich Jordan. In der Zeit seiner Abwesenheit habe seine Ehefrau nicht nur verzweifelt versucht, den Aufenthaltsort ihres Mannes ausfindig zu machen. „Sie musste auch irgendwie Geld zum Leben haben.“ Man vermittelte ihr einen Hausmeister-Job in der Schule – Schwerstarbeit für eine Frau. Die Rückzahlung der Wohlfahrt, die sie beantragt hatte – zwölf Reichsmark pro Woche (etwa 43 Euro) – habe die Familie noch viele Jahre nach dem Krieg belastet. 

Sohn Helmut Jordan hat bereits mehrere Bücher über die damalige Zeit geschrieben.

„Ich wollte später auf die höhere Schule in Kassel gehen, aber meine Eltern konnten es nicht bezahlen.“ Später habe die Familie dagegen geklagt, man bekam es zurück – „aber da war das Geld ja nichts mehr wert“. Nach dem Krieg, als die Amerikaner nach Helsa kamen, war Walter Jordan einer derer, die von ihnen eingesetzt wurden. „Mein Vater trat der KPD bei und ich musste die Kommunistische Zeitung austragen“, erzählt Helmut Jordan, der sich an etwa 50 Haushalte mit Abonnement erinnert.

Helmut Jordan ist einer der Zeitzeugen, die zum Gelingen der Veröffentlichung des Geschichtsvereins beigetragen haben. Weil er von damals erzählen konnte – und auch wollte. Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen sei wichtig, sagt der 86-Jährige. „Um zu erkennen, was falsch gelaufen ist.“

Buch wird vorgestellt

Das Buch „Die Gemeinde Helsa und ihre Ortsteile in der Zeit des Nationalsozialismus“ von den Lokalhistitorikern Gerd Vogelsang und Gerold Kunert kostet 15 Euro (Auflage: 200 Stück). Es wird am Dienstag, 21. März ab 19 Uhr im Gemeindesaal des Helsaer Rathauses vorgestellt. Auf insgesamt 116 Seiten fasst das Buch die Taten der Nazis zusammen. Nach den Ortsteilen Helsa, Eschenstruth, St. Ottilien, Wickenrode und Waldhof gegliedert, geht es auf die Munitionsfabrik Hirschhagen, die Arbeitslager und das Treiben der Nazis ein. (ali)

Nur Landkreis förderte Projekt

Der Vorsitzende des Geschichtsvereins, Gerd Vogelsang, habe sich gemeinsam mit seinem Kollegen Gerold Kunert um Förderung für das Buch bemüht. Einzig Landrat Uwe Schmidt (SPD) unterstützte das Projekt mit 1000 Euro. „Das war uns eine große Hilfe“, sagt Vogelsang. Anfragen bei der VW-Stiftung, Betrieben und dem Kultusministerium hätten keinen Erfolg gebracht. (ali)

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