Aufgaben und Anforderungen: Inklusion und Integration von Flüchtlingskindern sind Teil des Unterrichtsalltags. Hinzu kommt viel Bürokratie. Unser Bild zeigt Katja Groh im Unterricht. Foto: nh

Hilferuf einer Lehrerin: Darum läuft es in den Grundschulen nicht rund

Brandbriefe, ständig steigende Belastung, viel Bürokratie und zu wenig Personal: Grundschullehrer rufen jetzt um Hilfe. Wir haben mit einer Betroffenen aus Fuldabrück gesprochen. 

Katja Groh ist Lehrerin an einer Grundschule im Kreis Kassel. Sie unterrichtet derzeit Deutsch, Sachunterricht, Sport und Musik. Wir sprachen mit ihr darüber, warum es immer schwieriger für sie wird, ihre Schüler angemessen zu betreuen und zu fördern.  

Warum ist es derzeit so schwer, Grundschullehrerin zu sein, Frau Groh?

Da gibt es viele Faktoren: Zu den normalen Unterrichtsstunden - wir haben 29 Wochenstunden zu unterrichten, kommt Vor- und Nacharbeit zu. Die vorgesehene Wochenarbeitszeit von 42 Stunden reicht dafür nicht aus!

Auf wie viele Stunden pro Woche kommen Sie?

Ich habe es vor ein paar Jahren einmal über Wochen dokumentiert, Das lag ständig zwischen 45 und 55 Wochenstunden, weil bei uns die Arbeit an Wochenenden am Schreibtisch dazu kommt. Das hat mit einer immer größeren Dokumentationspflicht, Schulprogramm- und Konzeptarbeit und zusätzlichen Schul- und Konferenzterminen und E-Mail-Flut zu tun. Erheblich gestiegen ist auch der Beratungsbedarf: wesentlich mehr Elterngespräche und Beratungsnotwendigkeit. Auch die Arbeit mit den Schülern wird anspruchsvoller.

Warum?

Das hat, neben vielen anderen Faktoren, sicherlich mit dem großen Thema Medienkonsum zu tun. Ich habe da als Lehrerin vor der Tafel mit ein paar Blättern und einem Buch kaum eine Chance auf Aufmerksamkeit bei Kindern, die es gewohnt sind, mehrere Stunden am Tag mit „Crash-Boom-Bang“ vor flimmerenden Mattscheiben ihre Zeit zu verbringen. Und da spreche ich jetzt nicht nur von Spielkonsolen, sondern da addiert sich der Fernseh,- Tablet und Handyspielekonsum. Mangelnde Erziehung oder Überbehütung, genereller Bewegungsmangel, das fällt mir als Sportlehrerin besonders auf, zu wenig Spielzeit mit anderen Kindern im Freien und immer weniger aktive Aufmerksamkeitszeit der Eltern kommen hinzu.

Buntstifte in einer Grundschule: Harte Konkurrenz in Zeiten von Computer-Spielen und Handys. 

Kann die Grundschule der Integration behinderter Schüler bei der angestrebten Inklusion gerecht werden?

Unter den derzeitigen Bedingungen ist das nicht leistbar. Das hat nichts damit zu tun, dass man das nicht will und befürwortet. Aber allein, wenn man den Stunden- und Personalschlüssel sieht, den Kinder früher im gemeinsamen Unterricht hatten, und das umlegen würde, wird deutlich, dass Inklusion, wie sie aktuell umgesetzt wird, ein einziges Sparmodell ist und dies zulasten der Kinder und Lehrerinnen und Lehrer.

Das betrifft die Grundschulen maximal! Wir haben a l l e Kinder bei uns, in den weiterführenden Schulen ist da schon sehr stark differenziert.

Zur Person

Name

Katja Groh

Alter

50

Schule

Grundschule am Lindenberg Fuldabrück

Fächer

Deutsch, Sachunterricht, Sport und Musik

  

Mit welcher Konsequenz?

Wir brauchen wesentlich mehr Personal. Man kann nicht einfach 24 Kinder mit einer N i c h t-Förderschul-Lehrkraft in eine Klasse setzen und den Eltern vorgaukeln, ihre Kinder würden alle individuell gefördert. An jede Grundschule gehört mindestens eine Förderschullehrkraft, und zwar als fester Bestandteil des Kollegiums! Wirkliche multiprofessionelle Teams aus Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Therapeuten, die zeitnah und mit geringem Verwaltungsaufwand greifbar sind. Ich habe ja so schon eine derart große Spannbreite an Bedürfnissen bei allen Kindern.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Einen Förderbedarf –egal ob eine körperliche Beeinträchtigung vorliegt, eine Einschränkung im Bereich „geistige Entwicklung“ oder im Bereich „emotional-sozial“ – muss man überprüfen lassen und belegen. Erst dann bekomme ich eine Förderschullehrkraft, wenn ich viel Glück habe, pro Woche für wenige Stunden dazu.

Den „emotional-sozialen Förderbedarf“ bekomme ich frühestens ab Klasse drei anerkannt. Das heißt: In Klasse eins und zwei laufen diese Kinder ohne zusätzliche Unterstützung, dafür mit hohem Energie- und Dokumentationsaufwand für alle Kolleginnen und zusätzlichen Eltern- und Fördergesprächen, mit. Nur wer diese Kinder im Schulalltag erlebt hat, kann ermessen, was das für alle Beteiligten bedeutet. Viele Kolleginnen scheuen inzwischen den Aufwand, der nötig ist, um stundenweise eine Förderschullehrkraft zu organisieren.

Um die normal Begabten kann man sich dann kaum noch kümmern, oder?

Ja, das ist genau, was die Kolleginnen aufreibt. Wir sind alle gut ausgebildet und hoch motiviert, und wir möchten jedem Kind gerecht werden. Das ist aber unter diesen Bedingungen nicht möglich. Weil die Klassen zu groß sind.Wenn man auf fünf, sechs, sieben verschiedenen Niveaus Arbeitsmaterial und Unterricht vorbereiten sollte, und das für 29 Unterrichtsstunden in der Woche, stellt man fest: Das ist nicht möglich! Unter diesen Bedingungen kann ich k e i n e m Kind gerecht werden – übrigens auch nicht den besonders Begabten, von denen schon lange niemand mehr spricht!

Die wenigsten Grundschulkolleginnen schaffen es aus diesem Grund, volle Stelle zu arbeiten, d. h. sie reduzieren ihre Arbeitszeit, um die Arbeit überhaupt zu schaffen – selbstverständlich mit den zugehörigen finanziellen Einbußen!

Hochgestellte Schulstühle: Alle Kinder sollen individuell gefördert werden. Doch das ist in großen Klassen mit großen Unterschieden oft kaum noch möglich. 

Wie klappt die Arbeit mit den Flüchtlingskindern?

Ich habe aktuell eine Klasse mit 22 Kindern, davon sind fünf zugewanderte Kinder, von denen vier mittlerweile seit einem Jahr recht konstant da sind, einige andere haben uns schon wieder verlassen…

Reichen die Voraussetzungen aus?

Bei allem Verständnis für die Schwierigkeiten für eine Regierung, eine solche Aufgabe ad hoc zu lösen: Nein, sie reichen auch jetzt eineinhalb Jahre nach dem verstärkten Zuzug von Flüchtlingen absolut nicht aus!

Ab einer gewissen Anzahl Kinder pro Schule werden durch das Schulamt zusätzliche Stunden für eine Lehrkraft zur Verfügung gestellt. Unterschreitet man diese Anzahl, bekommt man pro Kind eine halbe Stunde in der Woche Extrazeit für eine Lehrkraft bewilligt, sofern überhaupt eine zur Verfügung steht. Das ist eine Farce! Wir brauchen für jedes einzelne Kind zusätzliche Stunden mit qualifiziertem Personal, und zwar vom ersten Tag an und nicht erst für eine Gruppe von acht Kindern! So braucht es unter anderem unbedingt geeignete Übersetzer, die den Lehrkräften für dringend erforderliche Eltern- und Beratungsgespräche zur Verfügung gestellt werden.

Besoldung bei Grundschullehrern

Lehrer an Grundschulen werden als Beamte nach A12 besoldet. In der 1. Stufe beläuft sich das Grundgehalt laut GEW aktuell pro Monat auf 3123,26 Euro, hinzu kommt die Sonderzahlung in Höhe von 156,16 Euro, was zum monatlichen Bruttobetrag von 3279,42 Euro führt. In der Endstufe (Stufe 8) beläuft sich das Grundgehalt auf 4187,53 Euro und das Bruttogehalt auf 4396,91 Euro. Die Ausbildungsdauer beträgt mindestens 6 Semester, danach folgt ein Referendariat (18 Monate). Eine höhere Besoldungsgruppe ist nur durch Beförderung und Übernahme eines Schulleitungsamtes möglich.

Wie läuft es derzeit mit den fünf Kindern?

Das klappt inzwischen einigermaßen, aber es bleibt natürlich schwierig, weil einige der Kinder nie zuvor in der Schule waren, das heißt, sie fangen also den Schreib- und Lese-Lernprozess zusätzlich zum Spracherwerb komplett von vorne an und ich habe im Unterricht viel zu wenig Zeit, sie zu unterstützen! Das geht nur über viel Extrazeit in Pausen oder nach Unterrichtsschluss und Extramaterial. Das wurde auch angeschafft, aber das muss auch jemand alles einführen, erklären und mit den Kindern nutzen! Diese Zeit fehlt. Auch das macht unzufrieden.

Wenn eine Regierung sagt, wir machen Inklusion und nehmen geflüchtete Menschen auf, dann muss sie die notwendigen Ressourcen für solch umfassende Prozesse den Schulen auch wirklich zur Verfügung stellen. Nur dann kann Inklusion und die Arbeit mit Seiteneinsteigern gelingen.

Fühlen Sie sich im Vergleich zu Kollegen in anderen Schulformen angemessen vergütet?

Nein! Die zu geringe Vergütung ist neben der Arbeitsbelastung auch ein Grund für den Grundschullehrermangel, der mich und meine Kolleginnen im Gegensatz zu unserem Kultusminister überhaupt nicht überrascht hat!

Zu den bis zu vier Wochenstunden, die ich im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen anderer Schulformen mehr unterrichten muss, bekomme ich auch noch erheblich weniger Gehalt: rund 500 Euro brutto! Das ist nicht einzusehen. Natürlich kann man unsere Arbeit nicht direkt vergleichen, weil die Arbeit mit älteren Schülerinnen und Schülern eine andere ist. Aber unsere Arbeit ist gleichwertig. Bei uns sind ganz andere Qualitäten und eine enorme Differenzierungsfähigkeit gefordert. In der Grundschule wird der Grundstein für den gesamten Bildungsweg gelegt, folglich bestimmt deren Qualität maßgeblich über deren späteren Bildungsverlauf, das wird leider immer vergessen.

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