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Appetitlich, makellos und frisch: Die Bildkombo zeigt Obst und Gemüse auf dem Großmarkt in Frankfurt. Obst und Gemüse, das nicht perfekt aussieht, wird oft schon aussortiert, bevor es die Geschäfte erreicht – in der Annahme, dass die Kunden es verschmähen würden, oder weil EU-Normen dies vorschreiben.

EU-Parlament will Mindesthaltbarkeitsdatum neu regeln

Hunger? So viele Lebensmitteln schmeißen Europäer in den Müll 

Bis 2030 sollen rund 50 Prozent der heute verschwendeten Lebensmittel entweder eingespart oder besser verteilt werden. Das will das EU-Parlament erreichen.

88 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der Europäischen Union pro Jahr weggeworfen – das sind im Durchschnitt 173 Kilogramm pro Einwohner. Dagegen muss aus Sicht des EU-Parlamentes dringend etwas getan werden. Am Dienstag, 16. Mai, verabschiedete es eine Aufforderung an die Kommission.

Es ist der Widerspruch zwischen diesen beiden Zahlen, der die Europa-Abgeordneten nicht ruhen lässt: 55 Millionen Menschen in der EU können sich jeden zweiten Tag keine warme Mahlzeit leisten. Gleichzeitig werden jedes Jahr 88 Millionen Tonnen Lebensmitteln in der EU verschwendet – 173 Kilo pro Kopf. Das soll sich ändern. Das EU-Parlament forderte die Europäische Kommission auf, Spenden zu erleichtern und der Verschwendung durch Aufklärungskampagnen für den Verbraucher entgegenzutreten.

„Es muss ein Bewusstseinswandel im Umgang mit Lebensmitteln stattfinden“, sagte der Grünen-Parlamentarier Martin Häusling. „Eine Welt mit fast 800 Millionen hungernden Menschen und knappen Ressourcen kann es sich nicht leisten, ein Drittel aller Lebensmittel wegzuwerfen“, meinte Karl-Heinz Florenz (CDU). Denn es gehe nicht nur um Obst, Gemüse, Käse und Wurst, sondern auch um die ökologischen Konsequenzen.

Allein für jeden Deutschen benötige man pro Jahr einen Acker groß wie ein Fußballfeld, um die Lebensmittel herzustellen, die anschließend vernichtet werden. Außerdem würden je Bundesbürger „Treibhausgasemissionen verursacht, die einem Flug von Frankfurt nach New York und zurück entsprechen“.

Sparziel bis 2030

Das Parlament möchte erreichen, dass bis 2030 rund 50 Prozent der heute verschwendeten Lebensmittel entweder eingespart oder besser verteilt werden. Die Unternehmen und Einzelhandelsketten will man motivieren, mehr Nahrungsmittel zu spenden. Dazu sollen „bürokratische Hürden beseitigt werden“, erklärte Renate Sommer (CDU): „Durch die Steuerpflichtigkeit von Lebensmittelspenden und die vorhandene Rechtsunsicherheit im Zusammenhang mit der Spenderhaftung wird die Bereitschaft zum Verschenken deutlich verringert.“ Außerdem solle die Mehrwertsteuer für gespendete Lebensmittel entfallen.

Gleichzeitig forderten die Abgeordneten, die Hygienevorschriften zu lockern, damit noch brauchbare Produkte weitergegeben werden können.

Wenig bekannt: Viele Lebensmittel können weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus verzehrt werden.

Aber auch an den Verbraucher will man sich wenden. Viel zu oft würden Waren, die über der angegebenen Mindesthaltbarkeit liegen, weggeworfen. Dabei, so hieß es im Parlament, bedeute ein Überschreiten nicht, dass das Produkt ungenießbar geworden sei. Allerdings gibt es auch grundsätzliche Kritik an diesen pauschalen Kennzeichnungen. Der CDU-Abgeordnete Florenz: „Warum braucht Salz, das zum Teil hunderte oder tausende Jahre alt ist, ein Ablaufdatum?“

Das Parlament kann jedoch derzeit nicht mehr tun, als die Kommission, die ja als einzige EU-Institution das Recht zur Vorlage von Gesetzen hat, aufzufordern, etwas zu tun. Bei der EU-Kommission hieß es gestern, man werde die Resolution der Volksvertreter genau prüfen und dann entscheiden, in welcher Weise man das Problem angehen könne.

Zahlen & Fakten

Nach Angaben des Bundesverbands der Tafeln werden allein in Deutschland pro Jahr bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen – das entspricht 500.000 Lkw-Ladungen. Gegenwert: 20 Milliarden Euro.

Die Tafel in Göttingen wird täglich von 100 bis 150 Menschen besucht. Die Lebensmittelspenden reichten meist, um die Nachfrage zu decken, hieß es dort gestern. An einzelnen Tagen sei es knapp, an anderen bleibe etwas übrig. Immer vorhanden sei Brot, in der Regel auch Obst und Gemüse. Knapper werde es bei Frischfleisch und Molkereiprodukten. Da sei die Nachfrage größer, zudem dürfe die Tafel abgelaufene Molkereiprodukte nicht annehmen. Von der Kasseler Tafel waren gestern keine aktuellen Angaben erhältlich.

Nach einer EU-Umfrage wissen 53 Prozent der Verbraucher nicht, was „Mindesthaltbarkeitsdatum“ bedeutet, 60 Prozent können mit dem Begriff „Verbrauchsdatum“ nichts anfangen.

Lebensmittel in einer braunen Biomülltonne: Es sind gigantische Berge von noch tauglichem Essen, die in Europa im Müll landen, darunter angeschlagenes Obst, Artikel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, oder Salat, der im Kühlschrank welk wurde, bevor er auf den Tisch kam.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) gibt den Zeitpunkt an, bis zu dem ein angemessen aufbewahrtes Lebensmittel Geruch, Farbe und Geschmack behält. Danach ist es aber nicht verdorben, viele Lebensmittel können weit über das MHD hinaus verzehrt werden. Dagegen darf mit einem Verbrauchsdatum gekennzeichnete Ware wie Fleisch und Fisch nach dessen Ablauf nicht verzehrt werden.

Die meisten Lebensmittel werden laut EU von den Verbrauchern weggeworfen (53 Prozent des Gesamtaufkommens), 19 Prozent von der Lebensmittel verarbeitenden Industrie, 12 Prozent von der Gastronomie und 5 Prozent vom Groß- und Einzelhandel. Auf dem Weg zum Verbraucher entstehen zudem Transportverluste. Außerdem zwingen Gesetze und Handelsnormen Hersteller und Geschäfte, nicht-konforme Waren auszusortieren (krumme Gurken).

Der Kühlschrank soll verhindern, dass sich Mikroorganismen zu rasch vermehren und Lebensmittel vorzeitig verderben. Als optimale Temperatur für den Kühlschrank empfiehlt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung maximal 7 Grad Celsius (besser unter 5 Grad), für den Gefrierschrank minus 18 Grad.

Praktische Tipps enthält www.zugutfuerdietonne.de, die Internetseite des Bundesministeriums für Ernährung. Dort können Nutzer auch bei einem Quiz ihr Wissen über Lebensmittel testen. Ein Beispiel: Wie bewahrt man Tomaten richtig auf? Im Kühlschrank? Antwort: Nein, Tomaten sollten getrennt von anderem Obst und Gemüse außerhalb des Kühlschranks gelagert werden. Tomaten stoßen bei der Reifung das Gas Ethylen aus. Es lässt anderes Obst und Gemüse schneller reifen. 

Hintergrund: Das raten die Landfrauen

Um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden, rät Irene Bonn, Vorsitzende des Landfrauenverbands Bezirk Kassel:

  • Einkaufszettel schreiben
  • Nudeln, Reis, Kartoffeln auf Vorrat im Haus haben. Supermärkte bieten Frischwaren wie Joghurt kurz vor Ablauf des MHD oft reduziert an – kann man für den sofortigen Verbrauch problemlos nehmen.
  • frisches Gemüse zubereiten und gegebenfalls einfrieren
  • Reste von Mahlzeiten im Kühlschrank aufbewahren, schmecken auch am nächsten und übernächsten Tag noch.
  • alte Brötchen etwa zu Paniermehl pressen.

Nach Ansicht der Landfrauen sollte Hauswirtschaft wieder als Schulfach unterrichtet werden. Die Verbände in Hessen und Niedersachsen geben auch Kochkurse für Kinder. „Es ist aber die heutige Generation der Mütter, die teilweise nicht kochen kann“, sagt Irene Bonn. „Wir stellen immer wieder fest, dass viele dann doch lieber Pizza holen oder Döner.“

Internet: www.landfrauen.info

Irrsinn des Konsums - ein Kommentar zur Verschwendung von Lebensmitteln

Martina Hummel (E-Mail: mwe@hna.de) fordert mehr Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln.

Angesichts der niedrigen Lebensmittelpreise könnte mancher Zeitgenosse auf die Idee kommen: Lebensmittel haben keinen Wert. Weit gefehlt: Sie gehören zu unseren wertvollsten Ressourcen. Während wir im Überfluss leben und im Winter Erdbeeren essen können – ob sie schmecken, sei dahin gestellt – gibt es auch in Europa Millionen Menschen, die sich nur alle zwei Tage eine warme Mahlzeit leisten können. 

Man kann nun den moralischen Zeigefinger bemühen, dabei reicht gesunder Menschenverstand, um den Irrsinn der Lebensmittelverschwendung einzudämmen. Denn für die Hälfte der Verschwendung ist der Verbraucher selbst verantwortlich. So heißt das Datum auf den Verpackungen Mindesthaltbarkeits– und nicht Maximalhaltbarkeitsdatum. Zwar geht die Lebensmittelindustrie mit diesem Datum auf Nummer sicher, aber sie kurbelt damit auch den Absatz ab. Oder die zubereiteten Salate, die in Kühltheken vor sich hinwelken und vergeblich auf Kundschaft warten, weil sie nach Stunden nur müde im Plastikschüsselchen hängen – sie dürften auch dazu beitragen, dass Verschwendung steigt. 

Für viele Menschen ist Essen nur eine billige Ware, die jederzeit verfügbar ist. Dabei sollten wir alle mehr Aufmerksamkeit auf den Wert und die Herkunft von Lebensmitteln legen.

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Autor

Detlef Drewes

Detlef Drewes

nachrichten@hna.de

Daniel Zander

Daniel Zander

Jahrgang 1996, seit Januar 2016 bei der HNA, zunächst als freier Mitarbeiter, seit Juli 2016 als Volontär.

daz@hna.de

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