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Nicht scheu: Normalerweise trauen sich die Rehe nicht an das Ehepaar Scholz heran, sondern fliehen. Doch dieses Reh stand nur wenige Meter von Irmgard Scholz entfernt.

Anwohner haben sich damit arrangiert

Ich glaub, mich knutscht ein Elch: Rehe erobern Gärten in Söhrewald

„Ich glaub, ich steh im Wald“ – dieser Satz geht Irmgard und Theo Scholz aus Söhrewald regelmäßig durch den Kopf. Vor allem dann, wenn mal wieder ein Reh in ihrem Garten steht.

„Am Anfang war das eine Sensation, da rannten alle schnell zum Fotoapparat“, erzählt Irmgard Scholz. Doch mittlerweile, viele Jahre später, wird in ihrem Garten weder Obst noch Gemüse angebaut – denn das war häufig bereits vor dem Tragen von Früchten abgefuttert.

Umzäunt ist ihr grünes Paradies im Erlenweg am Ortsrand von Wellerode nicht – das lasse der Bebauungsplan nicht zu. Stattdessen laden auf mehr als 1600 Quadratmetern saftige Wiese, Blumenbeete und ein kleiner Bach zum Verweilen ein. Auch die Hainbuchenhecke um das Gemüsebeet hat das Wild nicht von Erdbeeren, Sauerampfer, Stangenbohnen, Salatherzen und Rosenkohl ferngehalten. „Die Rehe wissen ganz genau, wie sie da durchkommen.“

Irmgard und Theo Scholz haben regelmäßig wilden Besuch im Garten.

Auch die englischen Rosen der 74-Jährigen wurden offenbar als Leckerbissen empfunden. Ihr neuer Austrieb wurde solange abgefressen, bis sie im dritten Jahr völlig kaputt waren. „Und was die Rehe nicht fressen, das haben dann die Waschbären für sich beansprucht“, berichtet Irmgard Scholz und erinnert sich an Apfelstücke, die sie im Winter ursprünglich für die Vögel auf die Terrasse gestellt hatte. 

Wenn sie von den Begegnungen mit dem Wild erzählt, hat die gebürtige Schwäbin allerdings ein Lächeln auf dem Gesicht. „Meine Frau verscheucht doch keine Rehe“, sagt ihr Mann. Und man wolle auch nicht, dass die Rehe das Dorf verlassen, sie etwa gejagt werden. Ein Nachbar hatte es mal mit einem Infrarotgerät versucht, das habe aber nichts gebracht. Selbst der Dobermann aus dem Viertel habe die Rehe nicht vertrieben. „Das Reh guckte den Dobermann an, der Dobermann das Reh – aber es passierte nichts“.

Bürgermeister Michael Steisel beantwortet die Anfrage der HNA schriftlich und „nicht ganz ernst gemeint“ mit: „Generationen von Bürgermeistern haben hier anscheinend versagt. Rotten von aggressiven Rehen verwüsten also jetzt schon seit Jahrhunderten Gärten und Felder in den Söhredörfern.“ Seit 1736 sei bekannt, dass es Wildschäden gibt. Er könne sich nicht erinnern, dass sich in seiner Amtszeit jemand über ein Problem mit Rehwild geäußert habe. Der Name Söhrewald impliziere für ihn auch Flora und Fauna. „Nach meinen Recherchen freuen sich Bürger, wenn sie wilde Tiere vom Wohnzimmerfenster beobachten können.“ 

Auch Irmgard und Theo Scholz sagen, sie haben sich arrangiert. Die Erdbeeren wachsen auf dem Balkon und auch in der Nachbarschaft baue eben keiner mehr Gemüse an. Auf einer Fläche direkt neben ihrem Grundstück, wo es etwas wilder wächst, hätten sich sogar bereits Rehe niedergelassen. „Mittlerweile gehen die durch das halbe Dorf“, erzählt Theo Scholz – und das zu jeder Tageszeit.

Aus unserem Archiv: Reh im Garten im Kasseler Stadtteil Kirchditmold

Das sagt Hessen Forst 

„Rehe sind absolute Generalisten, die machen vor nichts Halt und es gibt sie überall“, sagt Manfred Eckhardt, der bei Hessen Forst für das Gebiet Jagdwesen zuständig ist. Da sie jeden Raum erschließen, der sich anbietet und Nahrung bietet, würden sie auch dort hingehen, wo Menschen sind oder vermeintliche Gefahren lauern. So würden selbst begrünte Flächen an Autobahndreiecken Rehe anziehen – etwa im Bereich des Kasseler Auestadions. „Rehe könne Gefahren von Nicht-Gefahren unterscheiden“, erläutert Eckhardt. „Vor Menschen, die sich heimlich verhalten, haben Rehe mehr Angst, als vor solchen, die sich offen zu erkennen geben.“ 

Um seine Pflanzen im Garten – zumindest wenn man frisch gepflanzt hat – vor Wildschaden zu schützen, böten sich kleine drehende Windräder an, da sie eine gewisse Unruhe verbreiten. Ansonsten würden Zäune helfen. So schütze man auch die bei Rehen beliebten Eichen, Douglasien und Tannen im Wald. Irgendwann sei aber auch dieser Effekt vorbei, dann haben sich die Rehe wieder daran gewöhnt“. 

Um der steigenden Zahl an Rehen entgegenzuwirken, werden Rehe bejagt. Zwischen 80 und 90.000 Rehe werden pro Jahr in Hessen erlegt.

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