Ist auf Insekten angewiesen: Das Rotkehlchen gehört zu den einheimischen Vogelarten, die immer seltener zu hören und zu beobachten sind. Archiv-Foto: Privat/nh

Gartenbesitzer können helfen

Immer weniger heimische Vögel: „Der stumme Frühling droht“

Wer in diesem Winter Vogelfutter aufgehängt oder ausgestreut hat, wird bemerkt haben, dass sich weniger Tiere bedient haben als in den Jahren zuvor. Kein guter Trend: Die Zahl der heimischen Vögel geht zurück.

Schon seit mehreren Jahren weisen Fachleute und Naturschutzorganisationen auf die Verarmung der einheimischen Vogelwelt hin und warnen vor dem sogenannten „stummen Frühling“. Wir haben uns mit der Naturschutzbeauftragten des Landkreises Northeim, Ingrid Müller, darüber unterhalten.

Frau Müller, gibt es tatsächlich immer weniger Vögel bei uns oder ist das Gerede vom drohenden stummen Frühling nur Panikmache?

Ingrid Müller: Nein, das ist keine Panikmache. Die Zahl geht zurück. Im vergangenen Winter wurden eindeutig weniger Vögel an den Futterhäuschen beobachtet und bei den regelmäßigen Zählungen wurde diese Entwicklung ebenfalls festgestellt. Fünf der 13 häufigsten Arten nehmen stark ab.

Welche Arten sind das?

Müller: Die Amsel, das Rotkehlchen, der Hausrotschwanz, die Mehlschwalbe und der Mauersegler.

Kennt man die Gründe dafür, warum ausgerechnet diese Arten immer weniger beobachtet werden?

Müller: Bei der Mehlschwalbe und dem Mauersegler dürften der Verlust von Gebäudenischen und das mutwillige Zerstören von Nestern eine Rolle spielen. Der Hauptgrund ist aber, dass sie sich wie die anderen genannten Arten von Insekten ernähren, bei denen ebenfalls ein starker Rückgang zu verzeichnen ist. In den vergangenen 50 Jahren ist die Zahl der Insekten um 80 Prozent gesunken. Ein Anzeichen dafür ist die Tatsache, dass die Windschutzscheiben der Autos immer weniger durch Mücken und andere Fluginsekten verunreinigt werden.

Menschen, denen die Natur nicht so sehr am Herzen liegt und die die Arten, die vom Aussterben bedroht sind, nicht einmal kennen, könnten jetzt sagen: Was ist denn so schlimm an dieser Entwicklung? Ist doch schön, wenn die Autos nicht durch Mücken und Vogeldreck schmutzig werden.

Müller(lacht): Es gibt sicherlich einige Menschen, die so denken. Aber das ist zu kurz gedacht. Die Wechselbeziehungen zwischen den Pflanzen- und Tierarten haben sich über Jahrmillionen eingependelt, und wenn durch den Menschen jetzt einige Arten aussterben, ist gar nicht absehbar, welche Folgen das auch für uns hat.

Inwiefern?

Müller: Der starke Rückgang der Insekten könnte zum Beispiel negative Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion haben, denn die meisten unserer Kulturpflanzen werden von Insekten bestäubt.

Wie könnte man denn da gegensteuern, um Insekten und damit auch den Vögeln das Leben bei uns wieder leichter zu machen?

Müller: Da wäre zum einen die Landwirtschaft in der Pflicht, denn 51 Prozent der deutschen Flächen werden landwirtschaftlich genutzt.

Wo liegen denn da die Hauptprobleme?

Müller: Es gibt nach wie vor zu viele Grünlandverluste und zu wenige Brachflächen. Außerdem haben die Intensivierung der Ackernutzung und der massive Anstieg des Maisanbaus negative Auswirkungen auf die Natur. Weitere Probleme sind die Beseitigung und der radikale Rückschnitt von Hecken und Feldrainen, Flurbereinigungsmaßnahmen, der Einsatz immer größerer Maschinen sowie die Verwendung von Pestiziden und nicht bienenfreundlichen Insektiziden.

Können Gartenbesitzer auch etwas für Amsel, Rotkehlchen & Co. tun?

Müller: Auf jeden Fall, auch wenn Gärten in Deutschland nur zwei bis drei Prozent der Fläche ausmachen. Aber sie liegen wie ein großes Netz über dem gesamten Land. Bemerkenswert ist, dass in den Städten die Zahl der Vogelarten zunimmt. Mittlerweile sind dort zum Beispiel der Feldsperling und die Ringeltaube zu Hause, weil sie dort leichter Nahrung finden als in der ausgeräumten Feldmark.

Haben sie ein paar Tipps für Gartenbesitzer?

Müller: Wer den Vögeln helfen möchte, sollte in seinem Garten darauf verzichten, die Fruchtstände der Pflanzen im Herbst abzuschneiden und übereifrig alle wild wachsenden Pflanzen rauszureißen. Wenn es die Größe des Gartens zulässt, wären Inseln mit Wildpflanzen hilfreich. Allein die Brennnessel ist Wirtspflanze für rund 50 Schmetterlingsarten im Raupenstadium. Außerdem sollten beim Bepflanzen und Aussäen einheimische Arten und möglichst viele ungefüllte Sommerblumen bevorzugt werden, weil diese mehr Pollen und Nektar liefern.

Müssen wir uns darauf gefasst machen, dass wir in einigen Jahren womöglich wirklich keine Singvögel mehr im Frühling hören werden?

Müller: Hoffentlich nicht. Aber eins ist klar: Das Problem ist nicht regional oder national, sondern nur international zu lösen und natürlich nicht in einer Legislaturperiode. Die Politik müsste über mehrere Generationen hinaus denken, wie es in der Forstwirtschaft seit Generationen praktiziert wird. Der Rückgang der Vogelarten geschah nicht von heute auf morgen. Er ist ein schleichender Prozess, an dem viele Faktoren beteiligt sind. Jeder für sich betrachtet mag nicht so gravierend sein, aber in der Summe sind sie fatal. Es ist mehr ökologisches Denken gefordert.

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