Nach fünf Jahren legt Winfried Reimann seine „Unterarmgehstütze“ beiseite: Er will sie in gute Hände abgeben. Die Fotos rechts zeigen weitere Einzelheiten der Gehhilfe. 

Krücke spielt sogar Helene Fischers Hit "Atemlos"

Es blinkt wie verrückt: Diese Krücke ist ein Kunstwerk

Mit seinen Tüfteleien hat es der Hobby-Designer Winfried Reimann ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Nun ist er in Bad Wildungen zur Reha und hat aus seiner Krücke ein leuchtendes Kunstwerk gemacht.

Die „Unterarmgehstütze“ oder „Krücke“ hat ein dürftiges Image - das belegen schon ihre zwei Bezeichnungen. Sie ist Massenware und den Krankenkassen nicht der Mühe einer Rücknahme wert, wenn ein Gesundeter die Gehhilfe erleichtert von sich wirft. Kein Patient liebt seine Krücke, mag sie ihm noch so hilfreiche Dienste leisten. 

Dem Bochumer Winfried Reimann geht es nicht anders. Aber: Was er da nach fünf Jahren, einer aufwendigen orthopädisch-neurologischen Operation und einer vierwöchigen Reha in der Bad Wildunger Wicker-Klinik endlich zur Seite stellt, das lässt den Mund des Betrachters vor Staunen offen stehen.

Im Guinness-Buch der Rekorde: Winfried Reimann.

Binnen fünf Jahren hat der Tüftler, Bastler und Designer aus Leidenschaft seine Stütze in ein weltweit wohl einzigartiges Unikat verwandelt. „Immer, wenn ich abends alleine zu Hause oder in irgendeinem Klinikzimmer saß, habe ich die Krücke ein wenig weiter aufgerüstet“, sagt der 68-Jährige. Vor der Ausstrahlung seiner Stütze – im Wortsinn – verblasst beinah der große Wunsch-Weihnachtsbaum an der Brunnenallee mit seinen Tausenden von LED-Birnchen. „Wenn ich abends mit der Krücke in Wildungen unterwegs war, hat mich alle paar Meter jemand angesprochen“, erzählt Reimann.

Die Stütze ist übersät mit kleinen Reflektoren. „Ich habe sie alle einzeln mit dem Locher aus einer Spezialfolie ausgestanzt und aufgeklebt“, berichtet der Reha-Gast. Das nüchterne Aufleuchten der Reflektoren wetteifert abends auf der Straße mit dem Glitzern Hunderter von Strass-Steinchen. Per Pinzette und Spezialkleber befestigte Reimann auch sie einzeln an den Metall- und Kunststoff-Teilen.

Mit dieser eindrucksvollen, passiven Beleuchtung gab sich der ideenreiche Bochumer nicht zufrieden. Den Fuß der Gehhilfe versah er mit einem umfunktionierten Fahrradgriff, in den er winzig-kleine LED-Lämpchen einarbeitete. Einige Zentimeter oberhalb ist eine starke LED-Taschenlampe montiert, die den Fußweg ausleuchtet. Ein ähnliches Modell hat der Tüftler vorne in den Griff der Stütze integriert. Das halbrunde Abschlussteil der Krücke, in dem der Ellenbogen des Nutzers ruht, strahlt nach hinten mit zwei blass-bläulichen, größeren, runden LED-Lampen. Darunter schafft ein Fahrrad-Rücklicht zusätzliche Sicherheit.

„Angefangen habe ich mit all dem, weil ich mich im Dunklen beim Gehen auf der Straße nicht sicher fühlte“, sagt Reimann. Diesen Aspekt seiner Tüftelarbeit ergänzte er im Lauf der Zeit durch Komfort. Dank eines am Schaft installierten Getränkehalters hatte er stets eine kleine Flasche Wasser dabei.

Von einem daneben montierten MP3-Player mit angeschlossenem Kopfhörer erklang bei Bedarf seine Lieblingsmusik. Mit Helene Fischers Hit „Atemlos“, aber voll illuminiert durch die Nacht: Das bietet diese ganz spezielle Stütze sogar als Gemeinschaftserlebnis dank eines zweiten Kopfhörer-Anschlusses am MP3-Gerät.

Und jetzt? Winfried Reimann hat im Basteln an der Gehhilfe nicht zuletzt seine Krankheitsgeschichte auf besondere Art und Weise verarbeitet. Daran erinnern lassen möchte er sich nicht durch den Anblick des Einzelstücks. Am besten wäre es in Zukunft vielleicht in einem Museum aufgehoben oder bei einer Selbsthilfegruppe. „Ich suche noch nach Interessenten“, sagt der Bochumer.

Im Guinness-Buch der Rekorde

Ältere Leser erinnern sich vielleicht an die Premieren-Ausgabe des „ZDF-Fernsehgartens“. Die inzwischen verstorbene Moderatorin Illona Christen fuhr damals auf einem Vierer-Tandem zur Begrüßung ein. Mit ihr auf dem Gefährt saß Winfried Reimann, denn er hatte es gebaut. Er nennt sich selbst „Fahrrad-Designer aus Leidenschaft“. 

Zwei Mal schaffte er es mit dieser Passion ins Guinness-Buch der Weltrekorde. 1987 mit dem Bau des luxuriösesten Fahrrades, versehen mit vielen Beleuchtungselementen und weiteren Hinguckern. Anfang der 2000er-Jahre vollbrachte er dieses Kunststück ein weiteres Mal mit dem „Fahrrad mit den meisten Features“, also den meisten Zusatz-Ausstattungen. Wie eine individuell getunte Harley Davidson kam es daher und zog große Aufmerksamkeit auf sich. 

Dieses intensive Hobby brachte ihn dazu, sich in gleicher Manier seiner „Unterarmgehstütze“ zu widmen. „Beim Basteln verfolge ich keinen Masterplan“, sagt Reimann. Statt dessen lässt er seiner Fantasie und Kreativität freien Lauf: „So kommt eines zum anderen.“

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