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Schon die kleinste Bewegung schmerzt: Bei einer Kalkschulter können die Beschwerden ganz erheblich sein.

Fast jeder Fünfte ist betroffen

Vorbeugen ist schwierig - das Leid mit der schmerzenden Kalkschulter

Eine Kalkschulter tritt bevorzugt im Alter zwischen 30 und 50 Jahren auf. Bei dieser typischen Erkrankung der weißen Bevölkerung ist nicht das Schultergelenk selbst betroffen, sondern die Schultersehnen. Wir sprachen mit einem Experten.

Prof. Werner Siebert ist Ärztlicher Direktor der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel sowie Leiter des Fachbereichs Endoprothetik. Laut Siebert kann eine Kalkschulter auch ohne Schmerzen ein Zufallsbefund auf einem Röntgenbild sein. 

Die Zahlen zur Häufigkeit schwanken: Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung können eine Kalkschulter im Laufe ihres Lebens entwickeln, wobei sie nicht immer schmerzhaft sein muss. Die Hälfte der Kalkschultern wird im Laufe des Lebens dann schmerzhaft. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Ein beidseitiges Auftreten der Kalkschulter wird etwa in 30 Prozent der Fälle beobachtet.

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KRANKHEITSBILD

Die Kalkschulter ist eine Erkrankung im Bereich der Schultersehnen. Bei der Erkrankung ist nicht das Schultergelenk selbst betroffen, sondern es kommt zu Kalkeinlagerungen in den umgebenden Schultersehnen.

URSACHEN

Bei der Entstehung einer Kalkschulter spielen laut Siebert offenbar genetische, möglicherweise auch ernährungsbedingte Komponenten eine Rolle. Als Ursache vermute man eine lokale Minderdurchblutung und Druckerhöhung am Sehnengewebe, möglicherweise auch durch Überbelastung und Degeneration der Sehnenzellen. „Manchmal entleeren sich die Kalkdepots auch spontan in den Schleimbeutel unter dem Schulterdach, was sehr schmerzhaft ist, aber der Beginn einer spontanen Heilung sein kann“, sagt Siebert.

Typisch sei auch, dass nachts besonders starke Schmerzen aufträten und der Patient nicht mehr auf der betroffenen Schulter liegen könne.

DIAGNOSE

Die Diagnose einer Kalkschulter ist Siebert zufolge am Röntgenbild sehr eindeutig. Dennoch könne der Schulterschmerz auch andere Ursachen haben. Siebert: „Es können beispielsweise Sehnenabnutzungen und Schädigungen bis hin zum Sehnenabriss im Schulterbereich auch ohne Kalk entstehen.“ Außerdem könnten schmerzhafte Arthrosen im Gelenk zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt vorhanden sein. Auch eine allgemeine Enge unter dem Schulterdach, die im Laufe des Lebens auftrete und auch knöchern sein könne, könne für die Schmerzen verantwortlich sein. „Manchmal gibt es auch Kombinationen von all diesen Erkrankungen“, sagt der Spezialist für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie.

RISIKOFAKTOREN

Hohe Schulterbelastungen, Über-Kopf-Arbeiten und Sportarten, die viel Über-Kopf-Bewegung verlangen, können laut Siebert Risikofaktoren für die Entstehung einer Kalkschulter sein. „Vorbeugen ist schwierig, aber exzessive Überlastungen der Schulter sollte man in jedem Fall vermeiden“, rät er.

BEHANDLUNG

Die Behandlungsmöglichkeiten einer Kalkschulter richten sich dem Ärztlichen Direktor zufolge nach dem Ausmaß der Schmerzen, der Größe des Kalkdepots, der Weichheit oder Härte des Kalks und danach, wie lange die Beschwerden schon bestehen. Er erklärt die Therapiemöglichkeiten: 

  • Akuttherapie: Bei sehr starken Schmerzen ist eine Betäubung des Raumes unter dem Schulterbereich mit einem örtlichen Betäubungsmittel eventuell mit Kortisonzusatz möglich. Man kann auch versuchen, mit einer großen dicken Nadel unter örtlicher Betäubung das Kalkdepot auszuspülen, wenn es sich um ein zahnpastaartiges Depot handelt. 
  • Stoßwellenbehandlung: Bei sehr harten, also kreideartigen Kalkdepots, ist auch die Möglichkeit gegeben, mit Stoßwellenbehandlungen die Depots in kleinere Stücke zu zerstören, die der Körper dann mit dem Schleimbeutel aufnehmen und entfernen kann. 
  • Medikamente: Etwa 30 Prozent dieser Kalkdepots verschwinden durch konservative Behandlungen, wie die Gabe von nicht-steroidalen Antirheumatika, Schmerzmitteln wie Diclofenac oder Ähnlichem, über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten wieder. 
  • Operation: Bei den restlichen Depots ist dann doch häufiger eine arthroskopisch-operative Entfernung angezeigt, wenn die Stoßwelle oder das Ausspülen mit einer dicken Nadel aus dem Schulterbereich nicht gelingt. Die sicherste Methode ist dann, unter Sicht des Arthroskops die Kalkdepots in der Schultersehne und unter dem Schulterdach abzusaugen oder mit einer speziellen kleinen Fräse oder speziellen Zangen zu entfernen.

NACHSORGE

Nach der Entfernung des Kalkdepots sollte laut Siebert mit Krankengymnastik unter Schmerztherapie und unter Gabe von üblichen Schmerzmitteln die Beweglichkeit wieder aufgebaut werden. „Krankengymnastik ist nach Entfernung des Kalkdepots zur Wiederherstellung der Kraft und der Beweglichkeit sehr sinnvoll“, sagt er.

THERAPIEDAUER

Unter konservativer Behandlung kann sich bis zum Verschwinden des Kalkdepots die Therapie oft über ein bis zwei Monate hinziehen. Siebert: „Bei der operativen Entfernung oder bei Stoßwellenbehandlung kann dies auch deutlich schneller gehen, und man kann in zwei bis drei Wochen wieder eine vollständige Heilung erreichen.“

Zur Person: Prof. Dr. Werner Siebert

Gelenkspezialist Werner Siebert

Prof. Dr. Werner Siebert studierte in München, Florenz und San Francisco Medizin. Seit 1994 ist er Ärztlicher Direktor der Vitos Orthopädischen Klinik in Kassel und seit 1997 Professor für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie an der Philipps-Universität in Marburg. Außerdem ist der Gelenkspezialist unter anderem Vizepräsident der Deutschen Gesellschaften für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Siebert ist verheiratet.

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