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In weißrussischen Minsk freut man sich schon auf das Jahr 2017.

Debatte: Wir müssen realistisch bleiben - das ist das Gegenteil von Panikmache

Der illusionslose Blick - so kommen wir gut durch 2017

Selten wurde ein Jahresende so herbeigesehnt wie 2016. Ein Katastrophenjahr mit Krieg, Terror und überhitzten Debatten. 2017 kann nur besser werden - wenn wir aus unseren Erfahrungen lernen.

Das Jahr 2016 hat den denkbar schlechtesten Ruf. Als Katastrophenjahr wird es in die neuere Geschichte eingehen. Es begann mit der Kölner Silvesternacht und den bis dahin in Deutschland nicht für möglich gehaltenen massenhaften Übergriffen gegen Frauen, es geht zu Ende mit dem Terroranschlag auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Und dieser war nur der letzte einer furchtbaren Reihe von Attentaten - bei Wikipedia sind für 2016 mehr als 120 Terrorakte verzeichnet, davon allein acht in Deutschland oder mit Deutschen unter den Opfern. 

Das Grauen des Krieges in Syrien, die nochmals gestiegene Zahl der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge gehören ebenso zu den schrecklichen Ereignissen dieses Jahres wie Naturkatastrophen, darunter ein schlimmes Erdbeben in Italien, Hurrikans in der Karibik, ja sogar elf Unwettertote im Mai in Süddeutschland. Dazu kommen politische Ereignisse, die von vielen als Katastrophen wahrgenommen wurden, allen voran die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten und das überraschende Votum der Briten für den Brexit. Aber auch die dramatischen politischen Entwicklungen in der Türkei, die zunehmend aggressive Politik Russlands. Das Erstarken der nationalistischen und rechtspopulistischen Kräfte in Europa, eine wachsende Hasskultur in den sozialen Netzwerken und die zunehmende Gewalt gegen Flüchtlingseinrichtungen verstärken bei vielen das Gefühl, die Welt sei aus den Fugen geraten.

Daraus erwächst Angst oder zumindest die Sorge, was uns das Jahr 2017 an bösen Überraschungen bringen könnte. Die Verunsicherung reicht aber noch tiefer. Geschwunden ist bei vielen die Zuversicht, dass sich die Welt insgesamt auf einem Weg in eine bessere Zukunft befindet. Dass sich Demokratie und Menschenrechte im globalen Maßstab zunehmend Geltung verschaffen, dass sich Armut und Not in der Welt ebenso wie bewaffnete Konflikte eindämmen lassen, dass nach und nach effektivere Maßnahmen beim Umwelt- und Klimaschutz ergriffen werden. Das alles werde sich mit quasi naturgesetzlicher Zwangsläufigkeit und notfalls ohne unser persönliches Zutun entwickeln, so der weit verbreitete Glaube nach dem Ende des Kalten Krieges. Nicht überall im gleichen Tempo, nicht ohne Rückschläge, aber insgesamt in die richtige Richtung.

Das vergangene Jahr hat uns in besonderer Weise gelehrt, dass dem nicht so ist. In vielen Ländern ist die Demokratie in Gefahr, Wirtschaftswachstum sorgt nicht automatisch für gesellschaftlichen Frieden, Kriege werden geführt, Konflikte aus entfernten Weltregionen schwappen nach Europa, und Europa selbst zeigt sich uneins, nicht nur in der Flüchtlingsfrage. Vielleicht ist es gerade die schockartige Desillusionierung auf vielen Feldern, die eine heilsame Wirkung entfalten kann. 

Der australische Historiker Christopher Clarke hat seinem Buch über die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges den Titel "Die Schlafwandler" gegeben. Hundert Jahre später sind wir in vielerlei Hinsicht auch als Schlafwandler unterwegs, was die vielen Konfliktfelder in Deutschland und weltweit angeht. Wobei es ein Schlafwandeln mit weit aufgerissenen Augen und mit hektischer Betriebsamkeit ist. "Eyes Wide Shut", die Augen weit geschlossen, dieser Kubrick-Filmtitel beschreibt die Situation recht gut.

"Glaube dem Autokraten. Er meint, was er sagt."

Was kann also helfen? Zuerst ein nüchterner Blick: Die Annahme, Demokratie, wirtschaftliches Wohlergehen und eine funktionierende Zivigesellschaft seien Errungenschaften, hinter die es kein Zurück gibt, hat sich als blauäugig erwiesen. In welchem Tempo demokratische Rechte eingeschränkt und abgebaut werden können, zeigen Länder wie die Türkei, Russland, Polen und andere. 

Positiv gewendet: Es ist notwendig und lohnt sich, aktiv für Demokratie und zivilgesellschaftliche Errungenschaften einzutreten. Aktivität vermindert Angst. Das heißt nicht, dass es künftig keine Terrorattacken mehr geben wird, dass Kriege schnell beendet werden und der Demokratieabbau in Ländern wie der Türkei gestoppt wird. Auch nicht, dass die Probleme, die durch die starke Migrationsbewegung entstehen, schnell gelöst werden. Genaues, illusionsfreies Hinsehen und aktiv Werden sind eine wirksame Vorbeugung gegen Hass und Hysterie, die nur um sich selbst kreisen.

Auch wenn es sich in der öffentlichen Wahrnehmung anders anfühlt: Die Jugendkriminalität sinkt.

Das wird nicht nur lustig werden. In einem Artikel in der Kulturzeitschrift "Lettre International" weist die in New York lebende russische Menschenrechtsaktivistin Masha Gessen darauf hin, dass zum genauen Hinsehen auch das Ernstnehmen dessen gehört, was Politiker mit autoritären Tendenzen sagen, zu denen sie den künftigen US-Präsidenten Trump zählt. "Glaube dem Autokraten. Er meint, was er sagt", ist ihre These, die sie anhand vieler Beispiel von Putin bis Erdogan belegt. Es sei falsch, sich der trügerischen Hoffnung hinzugeben, es werde schon nicht so schlimm kommen. Immerhin: "Dann kann Sie nichts überraschen." 

Der Aufruf zum Realismus statt Wegsehen ist übrigens das Gegenteil von Panikmache. Erst recht nicht, wenn er mit dem Appell verbunden ist: Werdet aktiv, setzt euch für eure Werte ein. Ein realistischer Blick ermöglicht nämlich auch, das Positive zu sehen. Und da gibt es durchaus vieles aufzuzählen. Drei Beispiele nur: Die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland so niedrig wie zuletzt vor 25 Jahren und sinkt weiter. Auch die Jugendkriminalität geht entgegen einem weit verbreiteten Gefühl zurück, und selbst auf internationaler Ebene gibt es Erfolge zu feiern - beispielsweise das in Paris beschlossene Klima-Abkommen. Die Zuversicht ist berechtigt, dass auch das Jahr 2017 wieder solche positiven Nachrichten bereithalten wird.

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