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Brät Gehacktes für die Lasagne: Walter B. ist 76 Jahre alt und Teilnehmer des Kochkurses.

Heute gibt's Lasagne und Waffeln

Kochkurs im Knast: Mit Ziegenhainer Häftlingen am Herd

In der Seniorenabteilung des Ziegenhainer Gefängnisses lernen verurteilte Verbrecher den Umgang mit dem Küchenmesser. Wir haben ihnen bei ihrem wöchentlichen Kurs über die Schultern geschaut.

„Das Messer vorn aufsetzen und hinten runterdrücken.“ Den Umgang mit scharfem Gerät empfiehlt Horst Nierichlo nicht irgendwem, sondern verurteilten Verbrechern. Der Schwarzenbörner leitet den wöchentlichen Kochkurs im Kornhaus, der Seniorenabteilung des Ziegenhainer Gefängnis.

Ein kleiner Raum, sechs Menschen, im Durchschnitt 70 Jahre alt: Charaktere, die sich nicht freiwillig gefunden haben. Besonders spektakulär sieht es in der kleinen Küche, in der sechs Häftlinge rund um den Herdblock in der Mitte wirbeln, nicht aus. „Zwei Herde, zwei Spülen und nebendran der Esstisch, es reicht gerade so aus für die Gruppengröße“, meint der 68-jährige Nierichlo, der bis zu seinem Ruhestand vor neun Jahren die Ziegenhainer Gefängnisküche leitete.

Horst Nierichlo leitete die Ziegenhainer Gefängnisküche bis zu seinem Ruhestand vor neun Jahren.

„Die Freiheit zu verlieren, ist das Schlimmste, was es gibt.“

Häftling Klaus H.

Lasagne und anschließend Waffeln soll es diesmal geben, erklärt Klaus H., der seit einem Jahr inhaftiert ist. Drei Jahre und acht Monate muss der 68-Jährige insgesamt absitzen. Warum? Das will er nicht sagen. Auch sein Foto möchte er nicht in der Zeitung sehen. Von sich erzählt er nur, dass er erstmals im Gefängnis ist, aus dem benachbarten Vogelsbergkreis stammt, einen Sohn und eine Freundin hat. Im Kornhaus findet er es gar nicht so schlecht. Er kann sich überall bewegen, Sport treiben im Hof oder im Fitnessraum, fernsehgucken, sich mit anderen unterhalten.

„Man kann sich wohlfühlen“, sagt er mit einer Überzeugung, dass man meinen könnte, ihm und seinen 42 Mithäftlingen gehe es richtig gut im Kornhaus. Dennoch: "Die Freiheit zu verlieren, ist das Schlimmste, was es gibt“, stellt Klaus H. klar.

Jeder hat eine Aufgabe im Kochkurs: Joachim W. (69) bereitet den Krautsalat zu.

Den Kochkurs besucht er zum zweiten Mal, vorher hat er nie am Herd gestanden. Jetzt fasziniert ihn der Umgang mit den frischen Lebensmitteln. Denn: Es werden keine Fertigprodukte gekocht. Und: Pro Person kostet eine Mahlzeit zwischen zwei und drei Euro, erzählt er. Das mache Kursleiter Nierichlo möglich. Der kauft auf dem Weg in die Haftanstalt in einem Discounter die Zutaten für das Gericht ein, das in der Woche zuvor besprochen wurde. Wichtig sei für die Teilnehmer der Kassenzettel. Denn das Verhältnis zu Lebensmittelpreisen außerhalb der Mauern gehe schnell verloren, meint Klaus H.

Seniorenknast: Das Kornhaus der JVA Schwalmstadt liegt etwa 250 Meter von der Hauptanstalt entfernt.

Kornhaus 

Eine geschlossene Abteilung, die im 1579 erbauten Kornhaus eingerichtet ist. Ab 1883 wurde es zwischenzeitlich als Frauenzuchthaus genutzt.

Stolz ist er, dass er sich bereits einiges angeeignet hat. So kann er jetzt Zwiebeln schneiden und weiß, dass das Fett in der Pfanne zum Braten möglichst heiß sein sollte. Auch sein Mithäftling Walter B. (76) ist sichtlich stolz: „Ich weiß jetzt genau, wie ich Fisch paniere, nämlich zuerst im Mehl wälzen.“ Und Joachim W. (69), der nach einer mehrjährigen Haftunterbrechungen wegen einer schweren Krankheit noch insgesamt 18 Monate abzusitzen hatte, geht mit Messer und Weißkrautkopf um, als stünde er täglich an der Küchenarbeitsplatte.

43 Männer, die älter als 55 sind

Jeder zwölfte Gefangene in Hessen ist älter als 55 Jahre (Stand 2013). Das Kornhaus in Schwalmstadt ist Hessens einziges Gefängnis speziell für Senioren. Es besteht seit 2006. Für den Seniorenvollzug gilt die Sicherheitsstufe 2, also nicht die höchste Stufe wie in der Hauptanstalt der JVA in Schwalmstadt. Laut Bereichsleiter Eckhard Schultheis sitzen derzeit 43 Männer in der Abteilung ein, die älter als 55 Jahre sind.

In der Abteilung Kornhaus werden:

  • Freiheitsstrafen an geeigneten Verurteilten ab einem Lebensalter von 55 Jahren 
  • Freiheitsstrafen bis 24 Monate bei einer Restvollzugsdauer von 9 Monaten 
  • Freiheitsstrafen an lockerungsberechtigten Verurteilten

    vollstreckt. (Quelle: Regiowiki)

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