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Spielt blind: Sholeh Mohammadi vom SK Marburg.

Figuren ertasten statt sehen

Sie hat das Brett komplett im Kopf - Sholeh Mohammadi spielt blind Schach

Ihr Gegner beobachtet die Züge von Sholeh Mohammadi auf dem Schachbrett genau - doch sie kann das nicht sehen. Sie ist blind. Ein Nachteil? Von wegen. Gerade tritt sie bei einem Schachturnier in Bad Zwesten an.

Eine angenehme Stille liegt im Saal des Kurhauses in Bad Zwesten. 70 Schachspieler sitzen sich grübelnd gegenüber. An einem Tisch ist alles anders.

"Ich bin eine Schach-Fanatikerin. Ich verliere nicht gern."

Sholeh Mohammadi

Sholeh Mohammadi und Harry Wüstehube sitzen versetzt voneinander. Sie spielen an zwei Brettern und würdigen sich scheinbar keines Blickes. Während Wüstehube seine Arme verschränkt hält und konzentriert auf das normale Brett vor sich blickt, wirkt Mohammadi hektisch. Auf ihrem kleinen Schachbrett aus Plastik tastet sie ständig mit ihren Händen. Das muss sie, um spielen zu können. Sie ist blind.

Sholeh Mohammadi kommt aus dem Iran und lebt seit 2000 in Deutschland. Die 52-Jährige hat ihre Leidenschaft zu Schach in der Universität entwickelt. In ihrer Heimat konnte sie 1999 Schach als Nebenfach zu Politikwissenschaften studieren. Das Spiel hat ihr persönlich geholfen: "Das logische Denken von Schach lässt mich zu Lösungen für meine Probleme kommen", sagt die gebürtige Iranerin. 2000 ist sie aus dem Iran geflohen.

Übersicht der Turnierwertungen von Sholeh Mohammadi.

In Marburg kam sie durch ihren Freund Georg Hildebrand zu der Sportart zurück. Er ist mit ihr auch zum Schachturnier ins Kurhaus angereist. Sie sind zwei von 70 Schachspielern bei den 17. Bad Zwesten Open. Von Montag bis Freitag bestreitet jeder Spieler sieben Partien. Sholeh Mohammadi ist an drittletzter Stelle gesetzt. Sie spielt die erste Partie gegen die Nummer 33 der Liste: Harry Wüstehube.

Als Blinde Schach zu spielen, bedeutet für sich und den Gegner etwas mehr Aufwand. Wenn jemand eine Figur bewegt, sagt er dem Gegner den Zug an. Beide sorgen dafür, dass die Figuren auf ihren Brettern gleich stehen.

Ob König, Dame oder Bauer jede Figurenart hat ihr einzigartiges Profil, damit Mohammadi sie erkennen kann. Die Teams kann sie dadurch unterscheiden, dass die schwarzen Figuren eine kleine Kugel aufgesetzt haben. 

Durch permanentes Tasten über das Schachbrett weiß Sholeh Mohammadi, wo welche Figur steht.

Mohammadi tastet ständig das Spielfeld ab und bildet sich ein Bild im Kopf: Wo steht welche Figur? Wie viele Felder sind zwischen meinen und denen des Gegners? Welche Wege könnte ich gehen?

Ihr Gegner beobachtet sie dabei. Wüstehube sagt aber, dass er dadurch weder einen Vorteil noch einen Nachteil habe. Am Ende kann er die Partie für sich entscheiden. Sholeh Mohammadi ärgert sich. "Ich bin eine Schach-Fanatikerin. Ich verliere nicht gern", sagt die 52-Jährige.

Schach für Einsteiger im Video:

Mehr Video-Tutorials für Schachanfänger gibt es hier.

HINTERGRUND: Der Turniermodus 

Den Spielplan beim Bad Zwesten Open stellt Organisator Helmut Schumacher nach dem „Schweizer System“ auf. Dafür erstellt er eine Rangliste der Spieler. Die Platzierung richtet sich danach, wie erfolgreich man schon bei Turnieren gespielt hat. Um die Partien in der ersten Runde zu ermitteln, wird die Liste in der Mitte geteilt. Die Nummer eins spielt gegen Nummer 36, die Nummer zwei gegen 37, die Nummer 35 gegen 70 und so weiter. Wer eine Partie gewinnt, erhält einen Punkt und spielt in der nächsten Runde gegen einen anderen Spieler, der einen Punkt hat. So spielen zum Ende des Turniers die Besten gegeneinander.

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