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Sie bleibt am Samstag leer: Die Dortmunder Südtribüne. Der BVB Borussia Dortmund muss nach den massiven Beleidigungen gegen RB Leipzig seine Südtribüne für die Partie gegen den VfL Wolfsburg sperren.

Dortmund-Fan Achim Küppers über das Verhalten der Borussia

BVB-Fan über leere Südtribüne: „Der Verein hatte keinen Mut“

Wenn Borussia Dortmund am Samstag sein Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg bestreitet (Anpfiff: 15.30 Uhr), wird die Südtribüne gesperrt sein. Ein BVB-Fan berichtet.

Die gesperrte Südtribüne ist die Strafe für beleidigende Banner, die einige Fans während des Spiels gegen Leipzig zeigten. Was aber hält einer davon, der eine Dauerkarte für die Südtribüne hat und immer friedlich war. Achim Küppers erzählt es.

Herr Küppers, was werden Sie denn am Samstag ab 15.30 Uhr machen?

Küppers: Fußball gucken.

Und wo?

Küppers: Geplant ist, dass wir bei Freunden schauen. Die Kneipen werden zu voll sein. Sie müssen sich das so vorstellen, dass zusätzlich Tausende in die Innenstadt drängen, um dort den BVB zu schauen. Dann wird es richtig voll.

Wie schwer fällt es Ihnen, nicht im Stadion zu sein?

Küppers: Es fällt prinzipiell nicht schwer, ein Spiel nicht zu sehen. Es fällt aber schwer, den Grund dafür zu akzeptieren, weil er nicht dem persönlichen Empfinden für Gerechtigkeit entspricht.

Das heißt: Sie können die Strafe nicht nachvollziehen?

Küppers: Nein. Es kann nicht sein, gleich eine ganze Tribüne mit 25.000 Menschen unter Kollektivstrafe zu stellen für ein paar herabwürdigende Banner, die es in Fußballstadien immer schon gegeben hat.

Aber manche Aussagen auf den Bannern haben schon eine neue Dimension erreicht, wenn etwa Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick zum Suizid aufgefordert wird.

Achim Küppers

Küppers: Natürlich waren etwa ein Drittel der Banner unterhalb der Gürtellinie. Darüber müssen wir nicht diskutieren. Es gehört sich auch grundsätzlich nicht, Leute zu verunglimpfen – egal, in welchem Bereich. Es ist aber die Frage, wie weit das aufgebauscht worden ist und wo eine Grenze gezogen werden muss. Denn was ist jetzt die Folge des Ganzen? Dass eine Hexenjagd gegen alle Dortmunder Fans stattfindet. Dabei waren wir auf der Südtribüne diejenigen, die die Banner gar nicht gesehen haben. Der Verein hätte dagegen mit Durchsagen früher einschreiten können.

Heißt das fernab davon: Das Thema wird in der öffentlichen Diskussion übertrieben dargestellt?

Küppers: Ja, wobei wir uns einig sind, dass jegliche Gewalt vor dem Stadion nicht zu rechtfertigen ist. Aber auch dazu sei gesagt, dass Übertreibungen in der Darstellung stattgefunden haben. Wenn ich lese, dass wildgewordene Hyänen sich auf Frauen und Kinder gestürzt haben, dann stimmt es schlicht und ergreifend nicht. Wir haben schon einige Spiele erlebt, bei denen es wesentlich kritischer zuging – auch was die Stimmung im Stadion angeht. Wenn ich höre, dass angeblich Krieg geherrscht haben soll, kann ich nur den Kopf schütteln. Jeder, der diese Szenen mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen beschrieben hat, müsste sich auf Knien bei Bürgerkriegsflüchtlingen entschuldigen.

Welche Strafe wäre denn Ihrer Meinung nach angemessen gewesen?

Küppers: Was heißt angemessen? Angeblich hatten ja die Vorkommnisse vor dem Stadien keinen Einfluss auf die Strafe. Also ist allein das Hochhalten von Bannern bestraft worden. Und da passt es nicht in mein Gehirn, dass gleich alle leiden müssen, wenn sich nur ein Bruchteil eine Verfehlung geleistet hat.

Welche Auswirkungen wird die Strafe denn auf das Innenleben der Südtribüne haben?

Küppers: Es gab und gibt ja keine homogene Südtribüne. Das anzunehmen, ist ein Irrglaube. Da stehen 25.000 Menschen, das ist eine gesunde mittelgroße Kreisstadt. Wie wollen Sie die alle unter einen Hut bringen? Da gibt es die Rechtsradikalen, die nur einen kleinen Teil darstellen, aber nicht belangt werden, weil sie Narrenfreiheit haben. Da gibt es die Ultras, die wiederum auch aus mehreren Gruppen bestehen – und es gibt ganz, ganz viele ,normale’ Menschen: vom ganz normalen Arbeiter bis zu Akademikern. Insofern gibt es nicht die eine Südtribüne. Was sich aber sagen lässt: dass der Verein von vielen kritisch hinterfragt wird.

Warum?

Küppers: Weil er nicht in der Lage war, die radikalen Gruppen aus dem Stadion zu entfernen. Und jetzt hat er nicht den Mut, gegenüber dem Deutschen Fußball-Bund zu sagen, dass die Strafe zu hart ist. Mit der Haltung stößt der Verein all den Fans, die seit Jahren friedlich ins Stadion gehen, vor den Kopf.

Es heißt, die Scheu ist groß, Problemfans auszuschließen, weil dann die Befürchtung aufkommt, dass sich die Gewalt vor das Stadion verlagert?

Küppers: Die Leute und die Problemfans sind bekannt, und es ist die Pflicht des Vereins, sie aus dem Stadion herauszuhalten. Alles andere ist dann Sache der Polizei. Es sind doch immer dieselben Fans, die alles kaputtmachen.

Wird sich das Südtribünengefühl ändern?

Küppers: Das Gefühl ist ohnehin schwer zu greifen. Für uns, die wir jede zweite Woche dort hingehen, wird sich nicht groß etwas ändern. Die Frage wird sein, wie die Ultragruppen reagieren. Eins aber ist klar: Das Verhältnis zum Verein wird sich ändern, es wird in Zukunft nicht das beste sein.

Zur Person

Achim Küppers ist 52 und kommt aus Dortmund, geboren am Borsigplatz, der Geburtsstätte auch von Borussia Dortmund. Der Elektrotechniker ist verheiratet und hat einen Sohn. Mit seiner Frau geht Küppers eine gefühlte Ewigkeit zum BVB, seit zehn Jahren haben beide eine Dauerkarte für die Süd, Block 14.

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