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Nur wenige Getränke und viel Licht und Natur: Mehr brauchen "Pranier" nicht zum Überleben, behaupten sie.

Licht statt Essen

L(e)ichte Kost: Wie Menschen angeblich jahrelang ohne Nahrung leben

Nichts essen, nichts trinken - und das teilweise jahrelang. Geht das? Einige Menschen behaupten, nur von Licht leben zu können. Andere sehen in der sogenannten "Lichtnahrung" eine gefährliche esoterische Methode, die Menschen in den Tod treiben kann. Wir haben mit (ehemaligen) Anhängern gesprochen.

"Ich habe heute bisher eine Tasse Grüntee zu mir genommen", sagt Natanja Richter beim Interview am späten Nachmittag. Gegessen habe sie nichts, warum auch? "Ich habe kein Hungergefühl", so die 38-Jährige aus Dassel im Kreis Northeim. Seit fünf Jahren ernährt sie sich von Licht - oder zumindest fast: Sie trinkt noch rund einen Liter am Tag, meist Wasser, Tee, stark verdünnte Säfte und ab und zu auch mal Kakao mit Sojamilch.

Essen würde sie nicht, sagt Richter. "Normalerweise." In Gesellschaft von "Essern", nehme sie manchmal kleine Portionen zu sich, aus Geselligkeit und Genuss. Feste Nahrung schmecke ja schließlich auch gut, auf Reisen würde sie deshalb auch gerne lokale Kost ausprobieren. Es komme jedoch auch mal vor, dass sie in einem Monat nur eine einzige Mahlzeit esse, so Richter.

Richter ist "Pranierin" und nicht allein. Als Pranier bezeichnen sich Menschen, welche an die esoterische Methode der Lichtnahrung glauben. Nach einer Ernährungsumstellung, die aus einem mehr oder weniger radikalen Verzicht auf Essen und Trinken besteht, ernähren sich Pranier angeblich nur von Licht oder feinstofflicher Energie, auch "Prana" genannt - nach dem Alt-Indischen Wort für Lebensenergie. 

Ähnliche Techniken und Geschichten von fastenden Asketen gebe es in vielen alten Kulturen, so Richter, die als Heilerin mit der esoterischen Reconnection-Methode arbeitet. Außerdem gibt sie Deutschkurse für Flüchtlinge. Neben ihren Jobs bringt sie anderen Menschen die Lichtnahrung nahe. Für den 21-tägigen Kurs verlangt sie 1200 Euro pro Teilnehmer - die Miete für ein Zimmer in ihrer Wohnung in Dassel bei Einbeck kostet extra. Außerdem veranstaltet sie Treffen für andere Heiler, Interessierte und Pranier in Dassel.

Bei westlichen Esoterikern bekannter wurde die Lichtnahrung um die Jahrtausendwende. Besonders die Australierin Ellen Greve, die sich Jasmuheen nennt, machte mit ihrer Form der Umstellung auf Lichtnahrung Schlagzeilen. Greves 21-tägiges Konzept: Angehende Pranier sollen in der ersten Woche weder essen noch trinken. In der zweiten Woche dürfen Wasser und verdünnte Fruchtsäfte getrunken werden. In der letzten Woche könne dann die Verdünnung der Säfte gesenkt werden. Wer das schafft, könne sich fortan nur von Licht ernähren, schreibt Jasmuheen, die laut eigener Aussage zwar von Prana lebt, ab und zu aber auch mal etwas esse. "Wenn mir langweilig ist oder ich etwas Geschmack im Mund brauche", sagte sie dem australischen Sender ABC

Gerade die geforderten sieben Tage ohne Flüssigkeit seien jedoch sehr gefährlich, warnen Ärzte und Kritiker der Lichtnahrung. Im Normalfall würden Menschen laut ärztlicher Einschätzung etwa drei bis vier Tage ohne Flüssigkeiten durchhalten. In Extremsituationen könnten es auch elf oder zwölf Tage sein. Die Gefahren dabei seien jedoch extrem hoch: Bei Flüssigkeitsmangel können die Nieren keine Giftstoffe mehr aus dem Körper spülen. So könnte es zu einer inneren Vergiftung kommen - wenn man nicht bereits einen Kreislaufzusammenbruch, Organversagen, Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten habe. 

"Als Mediziner muss man sagen, dass man mit dem Lichtnahrungsprozess seiner Niere Schaden zufügt", sagt der 32-jährige Johannes, ein ehemaliger Nachbar des Autoren. Der Arzt aus dem Ruhrgebiet hat jedoch vor seiner Ausbildung vor knapp acht Jahren für einige Wochen als Pranier gelebt und dafür auch die 21-tägige Initiation durchgemacht - inklusive der wasserlosen ersten Woche. "Ich war drei Wochen im Spreewald und habe das mit einem anderen Typen gemacht", erzählt Johannes. Er fand das Thema Lichtnahrung schon länger interessant, las Bücher darüber und fand die Idee spannend, "von gesellschaftlichen Zwängen und körperlichen Bedürfnissen unabhängig" zu werden. Sein Partner im Spreewald war da pragmatischer: "Der wollte länger mit einem Segelboot verreisen und keinen Proviant mitnehmen müssen. Wir haben aber später gesprochen; er ist auch rückfällig geworden."

Angeleitet wurden die beiden von einer Pranierin, der sie jeweils 2000 Euro zahlten. "Am Abend unserer Ankunft haben wir noch eine Henkersmahlzeit gegessen. Dann haben wir losgelegt und das durchgezogen. Tagsüber haben wie viele Übungen, Yoga und Meditation gemacht. Das war schon heftig, man kommt dabei an seine Grenzen." 

Als frischgebackener oder wohl eher sonnengereifter Pranier kehrte Johannes nach drei Wochen in sein normales Umfeld zurück und ging arbeiten. Das klappte teilweise sogar recht gut. "Ich habe meinen Energiehaushalt bewusster wahrgenommen", sagt Johannes. Während Kollegen mittags gemeinsam aßen, ging er spazieren. Abends folgten Atemübungen, Meditation und Yoga, um Energie zu tanken. 

Dass Johannes nach rund drei Wochen den Versuch dennoch abbrach, lag auch an seinen Freunden und der Familie. "Die Leute haben mich nicht unterstützt und wollten mich davon abbringen. Ich denke aber, dass das ganz normal ist, wenn man so etwas macht."

Wirklich ohne Nahrung habe er aber auch in den drei letzten Wochen seiner Zeit als Pranier nicht gelebt. "Man lügt sich selbst in die Tasche", sagt Johannes. "Man denkt, eine Nuss kann man essen, wenn man den Geschmack erleben will. Ich hab dann aber tonnenweise davon gegessen." Viele Pranier sagen von sich, nur zu besonderen Anlässen zu essen und dann auch nur wenig. "Viele essen tatsächlich mehr, als sie sich eingestehen", schätzt Johannes. Dennoch magerte er damals immer mehr ab. Am Ende wog er weniger als 60 Kilo, er war untergewichtig. Glücklich war er auch nicht, er fing wieder an, normal zu essen. "Im Nachhinein erscheint mir die Lichtnahrung nicht plausibel. Wenn ich ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich mich selbst angelogen und alles zurechtgebogen habe, damit es in die Theorie passt", sagt der 32-Jährige, der heute als Psychiater arbeitet. 

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"Die Schulmedizin ist die Schulmedizin und die spirituelle Seite ist die spirituelle Seite", sagt Natanja Richter zu den Bedenken von Ärzten. Es brauche aber tatsächlich "eine Menge Vertrauen, um das durchzustehen". "Ich habe bei mindestens 33 Menschen selbst erlebt, wie sie den Prozess durchlaufen haben", sagt Richter. Sie selbst habe die dreiwöchige Fastenzeit 2012 das erste Mal durchlebt und assistiert seitdem anderen Menschen bei dem Prozess. Es gebe einige Kniffe, die Woche ohne Trinken einfacher zu gestalten. "Man darf duschen und baden oder kann einen Eiswürfel lutschen." Dass die angehenden Pranier dabei heimlich trinken würden, glaubt Richter nicht. Auch wenn einigen sicher der Gedanke kommen würde.

"Nur ein Teilnehmer hat am vierten Tag getrunken", sagt Richter und fügt an: "Er war wohl nicht bereit, sich seinen Themen zu widmen." Damit spielt Richter auf die "spirituelle Einweihung" an, die der Lichtnahrungsprozess eigentlich sei. Während der drei Wochen solle man sich zurückziehen und mit sich selbst und seinen Themen beschäftigen. Die Nahrungslosigkeit währenddessen und danach sei sozusagen nur ein Nebenprodukt dieser persönlichen Entwicklung.

Wie für viele Pranier war auch für Richter die österreichische Dokumentation "Am Anfang war das Licht" ein Grund für ihr Interesse am Thema Lichtnahrung. Der umstrittene Film war mit knapp 100.000 Zuschauern sogar der zweiterfolgreichste österreichische Film im Jahr 2010, erhielt aber auch Negativpreise wie "Das Goldene Brett" der Skeptikervereinigung GWUP. In der Begründung wurde vor allem die zu unkritische Darstellung des Flüssigkeitsverzichts über mehrere Tage genannt.

Ein Jahr später starb eine Schweizerin, die sich von Licht ernähren wollte. Inspiriert wurde sie durch "Am Anfang war das Licht". Die tragische Geschichte der Anna Gut, die mit einem "Tod durch Verhungern" endete, hat der Schweizer "Tagesanzeiger" aufgeschrieben. Die Mittfünfzigerin war nicht das erste Todesopfer der Methode, etwa ein halbes Dutzend Tode lassen sich auf Lichtnahrung zurückführen.

Warum aber behaupten trotzdem so viele Menschen von sich, nur von Licht zu leben? Pranier würden "alle mehr essen als sie behaupten", sagt Johannes. Wiederholen würde er seine Zeit als Pranier sicher nicht. Allerdings habe er dadurch gelernt, "dass der Mensch sehr lange mit minimalen Sachen klar kommt". Ob solch ein Lebensstil aber auf Dauer möglich sei, bezweifle er. Für Johannes ist Lichtnahrung eine sehr extreme Form der Diät. In Gesprächen habe er festgestellt, dass viele Gleichgesinnte junge Frauen mit Essstörungen seien. Lichtnahrung habe für sie "eine gefährliche Dimension". 

Richter hingegen fühlt sich wohl, ist aktiv, etwa beim Kampfsport. "Was sagt das über die Lichtnahrung aus, wenn es mir doch gut geht?", fragt die 38-Jährige. Erst dieses Jahr habe sie einen Bluttest bei einem Schulmediziner machen müssen. Das Ergebnis: "Alle Werte waren im Normalbereich."

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