+
Milky Chance: Philipp Dausch (links) und Clemens Rehbein.

Der schluffige Folktronic aus Kassel klingt nun abwechslungsreicher

CD-Kritik: So gut ist das neue Album von Milky Chance 

Auch auf seinem zweiten Album klingt das Kasseler Pop-Duo Milky Chance wie Milky Chance - und doch irgendwie anders. Unsere Kritik zu "Blossom", das ebenfalls ein internationaler Erfolg werden wird. 

Milky Chance konnten eigentlich nur verlieren. Vier Jahre nach seinem immer noch beispiellosen Welterfolg „Sadnecessary“ veröffentlicht das Kasseler Pop-Duo an diesem Freitag sein zweites Album „Blossom“. Andere wären an solch einem globalen Erfolg vielleicht zerbrochen, aber Clemens Rehbein und Philipp Dausch (beide 24) schreiben einfach die nächsten Hits. Milky Chance sind immer noch die alten und haben sich trotzdem weiterentwickelt.

So klingt „Blossom“ 

Ein großes Multimedia-Spezial über Milky Chance und ein Interview mit Clemens Rehbein gibt es hier.

Auch die 14 neuen Songs entwickeln den einzigartigen Milky-Chance-Sound. Ihr schluffiger Folktronic verbindet immer noch melancholische Melodien mit tanzbaren Beats. Doch anders als „Sadnecessary“ klingt „Blossom“ (Blüte) nicht mehr nach zwei DJs, die zuhause am Laptop Songs zusammenbasteln, sondern wie eine echte Band. Aufgenommen haben die Nordhessen die neuen Lieder mit dem Berliner Produzenten Tobias Kuhn (Thees Uhlmann, Sportfreunde Stiller) in den Rotenburger Toolhouse-Studios. 

Über sanfte Gitarrenakkorde haben sie pluckernde Beats, echte Bongos und die Mundharmonika von Antonio Greger gelegt. Das Ganze klingt mal sommerlich nach Manu Chao, mal düster nach The XX, aber vor allem nach Milky Chance. Und Rehbeins immer noch hypnotische Reibeisenstimme ist nun facettenreicher.

Das sind die Hits 

Die erste Single „Cocoon“ wurde bei Spotify jetzt schon so häufig abgerufen wie die alten Hits „Flashed Junk Mind“ und „Down By The River“. Trotzdem hat man sich noch nicht sattgehört an dem „Ey-Ah“-Chor. Mit der Engländerin Izzy Bizu singt Rehbein das Duett „Bad Things“, das eine hübsche Jack-Johnson-Nummer ist. Und das spröde „Stay“ über eine Liebe vor dem Aus klingt, als hätte Kurt Cobain noch mal „Polly“ aufgenommen. Hätte der Nirvana-Sänger damals Milky Chance hören können, wäre er heute noch am Leben. 

Herrlich ist der unpolierte und sehnsuchtsvolle Sound von „Ego“. Da klingt die Gitarre dreckig und der Text appelliert einfach und zuversichtlich an das Herz – besonders schön in der nach Club-Atmosphäre klingenden Acoustic-Version.

Das ist anders 

Das Stück „Alive“ wirkt im Verlauf immer mehr wie eine lässige, etwas zurückgenommene Reggae-Nummer, bei der auch Gentleman im Hintergrund hätte mitwirken können. Das ist zwar im ersten Moment etwas überraschend, doch letztlich gelingt die Transformation zum Milky-Chance-Sound hervorragend. Genau der richtige Song für einen entspannten Festival-Sommerabend mit Freunden. 

Und: „Piano Song“ ist eindeutig das Lied mit dem meisten Gefühl und dem größten Tiefgang. Ganz klar, Rehbein und Dausch können auch Balladen, ohne sich dabei musikalisch zu verrenken. Herzzerreißend schön – bitte mehr davon!

Die Schwäche des Albums 

Es hätte sicherlich nicht geschadet, zwei der 14 Songs zu streichen, etwa „Peripeteia“. Man fragt sich zudem, wer (abgesehen von „Ego“) die fünf weiteren akustischen Versionen braucht, die es in der limitierten Fanbox neben einer Hohner-Mundharmonika gibt. 

Kritiker, denen kommerzieller Erfolg per se suspekt ist, werden nach wie vor anmerken, dass Milky Chance bei jedem Song nach dem immer gleichen Prinzip verfahren. Dabei wusste schon Sven Regener von Element of Crime: „Eine gute Band hat einen guten Song, eine richtig gute Band zwei und eine spitzenmäßige Band drei.“ Milky Chance haben mehr als drei. 

Milky Chance: Blossom (Muggelig Records/Vertigo/Universal). Wertung: vier von fünf Sternen

Mehr zum Thema

Autor

Matthias Lohr

Matthias Lohr

*1974, Soziologie- und Politikstudium, bei der HNA ab 1994 freier Mitarbeiter, elf Jahre Jahre lang Kulturredakteur, mittlerweile in der Online-Redaktion. Am liebsten in Laufschuhen und auf dem Rad unterwegs.

mal@hna.de

Instagram

Auch interessant

Favoriten der Woche: Diese mörderische Netflix-Serie wird euch nicht kalt lassen

Favoriten der Woche: Diese mörderische Netflix-Serie wird euch nicht kalt lassen

Germanistik-Professor: „Keiner würde sagen: Wegen dieses Scheißes“

Germanistik-Professor: „Keiner würde sagen: Wegen dieses Scheißes“

Kassel ist die Wiege der wichtigen Computer-Sprache IO-Link

Kassel ist die Wiege der wichtigen Computer-Sprache IO-Link

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, einmal die Woche.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.