+
Manchmal kann Musik auch schmerzhaft sein. Der No Music Day macht am 21. November darauf aufmerksam, dass aus Musik längst ein weißes Rauschen geworden ist, mit dem vor allem Produkte verkauft werden sollen. 

"Die Dudelpest ist unausrottbar"

No Music Day: Wenigstens heute sollte mal Schluss sein mit dem Dauergedudel

Beim Einkaufen und selbst beim Arzt - überall läuft Hintergrundmusik. Darauf macht der heutige No Music Day aufmerksam. Heimische Aktivisten haben den Kampf gegen den Dauerlärm jedoch schon aufgegeben.

Irgendwann dieses Jahr hat Klaus Beckenbach aufgehört, die Welt aus seiner Sicht ein bisschen besser zu machen. Der ehemalige Kasseler Oberstaatsanwalt ist seit Jahren genervt von der allgegenwärtigen Hintergrundmusik - ob beim Einkaufen, im Restaurant oder in fast allen Medien. Darum engagierte sich der 82-Jährige im bundesweiten Verein "Lautsprecher Aus" für "akustische Selbstbestimmung gegen Musikberieselung".

Lärmkritiker Klaus Beckenbach

Als er aber zuletzt im Nahkauf im Stadtteil Harleshausen den Kassierer höflich fragte, warum hier auch Musik laufen müsse, entgegnete ein Kunde hinter ihm, dass das doch schön sei und so sein müsse. Seinen Kampf gegen die akustischen Windmühlen gibt Beckenbach nun auf: "Ich resigniere. Die Dudelpest ist unausrottbar." Sogar aus dem "Lautsprecher Aus"-Verein hat er sich verabschiedet.

Vielleicht wird Beckenbach jedoch heute versöhnt. Wie an jedem 21. November findet weltweit die Veranstaltung No Music Day statt. Ins Leben gerufen wurde sie 2005 von dem britischen Musiker und Künstler Bill Drummond. Sein Tag ohne Musik sollte auf die Kommerzialisierung der Kunstform aufmerksam machen, die längst zu einem weißen Rauschen verkommen ist, mit dem vor allem Produkte verkauft werden sollen.

Geht es nach Drummond, der als eine Hälfte des britischen Pop-Duos The KLF berühmt wurde, sollen wir heute ausnahmsweise mal nicht Musik hören, sondern darüber nachdenken, welche Bedeutung sie für uns hat. Darum gab es am 21. November immer wieder ungewöhnliche Aktionen. 2006 etwa strich der Londoner Radiosender Resonance 104fm sämtliche Musik aus einem Programm. 2009 sorgte die Linzer Initiative Hörstadt im Europäischen Kulturhauptstadtjahr dafür, dass die Messen im Alten Dom der österreichischen Metropole ohne Orgel, Choräle und Kirchenlieder stattfanden.

Das Projekt Hörstadt wünscht sich Beckenbach auch für Kassel, die ja ebenfalls Europäische Kulturhauptstadt werden will. In Österreich zeichnet sie Restaurants und Geschäfte aus, die ohne Beschallung auskommen. In Nordhessen wäre das etwa Bio Greger in Wilhelmshöhe, wo Beckenbach gern einkauft, weil Musik die Kunden dort eben nicht zu Tode dudelt.

Der No Music Day ist so etwas wie eine auf 24 Stunden verlängerte Gedenkminute, um einmal durchzuschnaufen. Viele werden sich heute trotzdem nicht daran beteiligen. Sie können einfach nicht ohne Musik, ihre Idole sind ja auch abhängig. Profifußballer wie Jérôme Boateng ziehen sich nach den Spielen Kopfhörer auf, die so groß sind wie der Linzer Dom, um nichts mitzukriegen von der Welt.

In Sebastians Schippers großartigem Drama "Absolute Giganten" sagte Frank Giering 1998 diese legendären Sätze: "Es müsste immer Musik da sein. Bei allem was du machst. Und wenn's so richtig Scheiße ist, dann ist wenigstens noch die Musik da. Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment." In Zeiten von Streamingdiensten wie Spotify ist dieses Zitat längst zum Fluch geworden. Die Allgegenwärtigkeit von Musik sorgt dafür, dass wir sie nicht mehr schätzen können. Es ist wie mit der Liebe. Wie toll sie ist, wird uns erst klar, wenn sie nicht mehr da ist.

Eine Lösung für dieses Problem kennt auch Drummond mit seinem No Music Day nicht. Schließlich ist taub sein auch keine Alternative. Mancher mag nun einwenden, dass es ein Luxusproblem sei, von ein bisschen Hintergrundmusik genervt zu sein. Stimmt: Wer arm ist, wird über den No Music Day nur den Kopf schütteln - und über eine andere Aktion Drummonds erst recht. Am 23. August 1994 verbrannte er mit seinem Band-Kollegen Jimmy Cauty vor der Westküste Schottlands eine Million Pfund, die The KLF mit ihren Hits verdient hatten. Subversiver war Pop nie wieder. Von der ungewöhnlichen Performance gibt es übrigens auch eine Doku mit Musik. Die sollte man sich aber erst anschauen, wenn der No Music Day vorüber ist.

Mehr zum Thema

Autor

Das könnte Sie auch interessieren

Newsletter abonnieren

Newsletter abonnieren Täglich gibt es auf Sieben besondere Geschichten aus der Region und der Welt: Exklusive Porträts, Interviews, Texte, Bilder und Videos, aber auch Gastbeiträge angesagter Blogger und Kolumnen unserer Redakteure.

Sieben ist mehr für dich. Verpasse deshalb kein Thema mehr und abonniere den Sieben-Newsletter. Hier abonnieren: HNA Sieben per Mail, zweimal pro Monat.

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Die Redaktion behält sich vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Mehr zur Netiquette.