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„Das wirkte wie eine Mutprobe“: Patrick Hesse (26) hat Selbstverteidigung gelernt, verhielt sich bei dem Überfall aber still, weil er nicht wusste, was es war, das der Täter ihm in die Seite presste.

Draußen kommt die Angst

Patrick Hesse aus Kassel meisterte sein Leben auch ohne Arme - bis er überfallen wurde

Der 26-jährige Patrick Hesse lebt seit einem Unfall in Kindertagen ohne Arme - und das ohne große Probleme. Zumindest bis zu dem Tag, an dem er in Kassel überfallen wurde. Die Geschichte eines außergewöhnlichen Mannes.

Wenn Patrick Hesse im Supermarkt einkaufen geht, kann es an der Kasse schon mal länger dauern. Eine Verkäuferin packt für ihn ein, steckt ihm dann einen Kugelschreiber zwischen die Zähne, mit dem er zum Bezahlen die Geheimzahl eintippt. Meist hat sich bis dahin eine Schlange hinter ihm gebildet. Beschwert hat sich über die Wartezeit noch keiner, denn Patrick Hesse hat keine Arme. 

Ganz ohne Hilfen geht es für ihn manchmal nicht. Bei entsprechenden Angeboten seiner Mitmenschen ist der 26-Jährige aber vorsichtig geworden.

Im März wurde Hesse in der Sickingenstraße in Kassel überfallen. Zwei dunkelhäutige Männer waren es, sagt er, aber nur einer ging ihn an, drückte ihn an eine Hauswand und presste einen Gegenstand in seine Seite. Hesse hatte weder Geld noch Handy dabei, nur eine Tasche mit Fruchtsaft, den er gerade für seine schwangere Frau in einer Tankstelle geholt hatte. Die Tasche nahm der Täter ihm ab. 

Der andere hatte gewartet, zu zweit liefen sie weg. „Das wirkte wie eine Mutprobe“, sagt Hesse, ein ehemaliger Leistungssportler. „Und da hat der sich lieber einen gesucht, der sich nicht wehren kann, als ein Opfer, das sich wehren kann.“

Der Tatort: Tagsüber ist die Sickingenstraße in Kassel oft menschenleer. Sobald es dämmert, ändert sich das. Um die Ecke beginnt der Straßenstrich. 

Seine Arme verloren hat der gebürtige Thüringer im Alter von sieben Jahren, als er beim Spielen in einem Trafohäuschen in einen Schacht fiel. Beim Versuch, herauszuklettern, griff er an eine Starkstromleitung – 15.000 Volt rissen ihm beide Arme und die linke Schulter weg. „Ich bin mit Christoph 7 nach Kassel gekommen“, sagt der gepiercte und tätowierte Mann, der ein dialektfreies, geschliffenes Deutsch spricht. 

Mehr als zwei Jahre musste er in Krankenhäusern verbringen. Aufgewachsen ist er danach bei Pflegeeltern in Felsberg (Schwalm-Eder-Kreis). Seine leibliche Mutter hatte sich mit dem schwerstverletzten Jungen überfordert gefühlt.

„Da musste ich morgens im Dunkeln zum Bahnhof, das ging nicht mehr.“

Patrick Hesse

Der 26-Jährige ist inzwischen selbst Vater, das Jüngste kam vor wenigen Wochen zur Welt. Bei seiner Hochzeit im vergangenen Jahr hat er den Namen seiner Frau angenommen, vorher hieß er Kensa. Er benutzt seine Füße so wie andere ihre Hände: tippt auf dem Computer, zieht seine Kinder an, macht die Wäsche. Hesse tanzt gern, fährt Inliner. Er fährt Ski, war als Jugendlicher Deutscher Meister im Laufen. 2008 nahm er am Sportlager der deutschen Behindertenjugend bei den Paralympics in Peking teil, den Olympischen Spielen behinderter Sportler.

Seit dem Überfall aber geht er nicht mehr allein auf die Straße, sobald es dämmert. Wenn er hört, dass jemand hinter ihm rennt, bekommt er Angst. Hesse hat Selbstverteidigung gelernt, sich bei dem Überfall dennoch ruhig verhalten, „weil ich nicht wusste, was das ist, was der mir an die Seite hielt“.

Bis dahin war er jeden Morgen mit der Bahn nach Korbach gefahren, wo er eine kaufmännische Ausbildung absolvierte. „Da musste ich morgens im Dunkeln zum Bahnhof, das ging nicht mehr“, sagt er. Trotz psychotherapeutischer Behandlung hat er die Ausbildung in Korbach aufgegeben. Im September fängt er in Berufsbildenden Werkstätten in Kassel an. Am liebsten würde die Patchworkfamilie aus dem Quartier rund um die Sickingenstraße wegziehen. Drei Kinder, drei Katzen – bis jetzt hat sich nichts ergeben.

Eine Woche nach dem Überfall nahm die Polizei in Kassel einen 30-jährigen Mann aus Somalia fest. Der Wohnsitzlose sei dringend verdächtig, die „äußerst verwerfliche Tat“ begangen zu haben, formulierte ein Polizeisprecher damals. 

Der 30-Jährige war auf Videoaufnahmen aus der Tankstelle zu sehen, in der Hesse an dem Abend den Fruchtsaft geholt hatte. Die Aufnahmen und Hesses Personenbeschreibung allein sind allerdings kein Nachweis dafür, dass der Somalier den Überfall auch begangen hätte. Es werden laut Staatsanwaltschaft noch Zeugen gehört, die Ermittlungen laufen.

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