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Sie berät Schüler, Lehrer, Eltern und Schulleitungen: die Bebraer Schulpsychologin Birgit Reppmann. 

Interview

Eine Frau für viele Probleme: Schulpsychologin über Mobbing, Traumata und Schulunlust

Mobbing, Suchtprävention und Flüchtlingskinder – die Schulpsychologie umfasst ein weites Feld. Wir sprachen mit der Bebraer Schulpsychologin Birgit Reppmann über den Wandel der Schulwelt, Tipps für Eltern und traumatisierte Kinder.

Frau Reppmann, hat der Bedarf an schulpsychologischer Beratung in den vergangenen Jahren zugenommen?

Zugenommen auf jeden Fall, aber er hat sich auch verändert. Die Schwerpunkte haben sich verlagert. Das betrifft Einzelfälle, aber auch übergeordnete Themen, die wir vorher gar nicht hatten.

Wie würden Sie diesen Wandel erklären?

Die Schulen haben immer mehr Aufgaben. Sie sollen Ganztagsschulen sein, sie sollen neben dem Bildungsauftrag den Erziehungsauftrag erfüllen. Auch die Familienstrukturen verändern sich. Es gibt nicht mehr so oft die Sicherheit, dass die Oma auf die Kinder aufpasst. Beide Elternteile müssen berufstätig sein. Es gibt vielfältige Gründe, warum Familien überfordert sind.

An wen richten Sie sich mit Ihrem Angebot?

An Schüler und Lehrkräfte, aber auch an Eltern und Schulleitungen. Wir werden für pädagogische Tage angefragt, oder auch für Systemberatungen. Zum Beispiel zum Thema Suchtprävention oder Krisenintervention. Auch werden wir angefragt, wenn etwas passiert ist, etwa bei Todesfällen oder Unfällen an Schulen.

Wie sieht die Beratung in Fällen aus, in denen bereits etwas passiert ist?

Es gibt etwa ganz viele Gründe dafür, dass Schüler der Schule fernbleiben. Es könnte ein Mobbing-Problem sein. Es könnte an einer familiären Situation liegen, es könnte sein, dass das Kind in der Stadt herumstreunt oder am PC sitzt. Es geht darum, das herauszufinden und gemeinsam mit der Schule Wege zu finden, die Schüler möglichst schnell wieder in die Schule zu bringen. Allerdings machen wir keine aufsuchende Arbeit. Die Schule muss den Kontakt herstellen.

Wann sollte man sich an Sie wenden?

Wenn auf Dauer Schulunlust besteht, wenn Kinder von Konflikten erzählen oder es zwischen Elternhaus und Schule zu Kommunikationsproblemen kommt – dann können sich auch Eltern an uns wenden. Für die Kinder kann es nur sinnvolle Arbeit geben, wenn Elternhaus und Schule zusammenarbeiten.

Welche neuen Herausforderungen ergeben sich für Sie durch den Zuzug geflüchteter und teilweise traumatisierter Kinder aus Krisengebieten?

Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung, für manche Schulen ist das absolutes Neuland. Die größte Herausforderung ist, dass geflüchtete Kinder mit so unterschiedlichen Lebensgeschichten und Schulerfahrungen kommen. Da sitzen teils Zwölfjährige, die haben nur ein Jahr die Schule besucht.

Und wie helfen Sie traumatisierten Schülern?

Da war eine Grundschülerin, die exzessiv malen musste. Nicht wie andere Kinder malen, das war wie ein Zwang. Sie verhielt sich auch sonst unnahbar. Wenn sie etwas gelernt hatte, war das in der nächsten Sekunde wieder verschwunden. Wir haben dann über die Mutter erfahren, dass die Schülerin gesehen hat, wie ihr Vater starb. Er wurde erschossen. Sie stand daneben. Traumatisierte Kinder brauchen einerseits Struktur, und andererseits muss man sie in die Realität zurückholen. Zum Beispiel, indem man sie fragt, wie viele Fliesen sie auf dem Boden zählen können. Oder indem man ihre Sinne schärft, ihnen einen Eiswürfel in die Hand oder ein scharfes Gummibärchen in den Mund gibt. Trotzdem brauchen sie zusätzlich außerschulische Hilfe – wir machen keine Therapie, wir machen nur Beratung.

Was müsste sich ändern, damit schulpsychologische Arbeit künftig besser möglich ist?

Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir mehr Psychologen sind. Dann könnte ich noch intensiver in meine Arbeit einsteigen. Auch würde ich mir wünschen, dass Lehrkräfte, obwohl sie so belastet sind, unsere Angebote auch annehmen. Sie kommen auch heute schon, aber es dürften ruhig noch mehr sein.

Zur Person: Birgit Reppmann 

Birgit Reppmann ist seit 2004 Schulpsychologin am Bebraer Schulamt. Die 59-Jährige kommt gebürtig aus Kassel, wo sie zur Schule ging und eine Ausbildung zur Erzieherin machte. In Göttingen studierte Reppmann Psychologie und arbeitete im Anschluss als Schulpsychologin sowohl in Kassel als auch in Eschwege. In Eschwege war sie zudem 12 Jahre in einer Erziehungsberatunsstelle tätig. Heute wohnt Reppmann bei Eschwege, sie hat zwei Kinder.

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