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Arbeitet seit sechs Jahren hauptberuflich als Model: Martin Zülch aus Bad Wildungen.

Bad Wildunger war in Kampagnen von VW und Engelbert Strauss zu sehen

Vom Lehrer zum Model: Der Pauker in der Unterhose

Martin Zülch aus Bad Wildungen war Lehrer und erfolgreicher Triathlet. Nun macht er als Model Karriere. Wahrscheinlich hat ihn jeder schon einmal gesehen - doch kaum einer kennt den 54-Jährigen.

Als Martin Zülch noch Lehrer war, haben ihn seine Schüler schon Mal vor Unterrichtsbeginn nur in Unterhose gesehen. Das war dann der Fall, wenn der neue Aldi-Prospekt der HNA beilag. Dort führte der Pädagoge aus dem Bad Wildunger Stadtteil Odershausen als Freizeit-Model die neuesten Slips des Discounters vor. Wenn die Schüler der Jugenddorf-Christophorusschule Oberurff (CJD) ihn auf die Fotos in leicht bekleidetem Zustand ansprachen, fand Zülch das nicht schlimm. "Ich habe keine Schamgrenzen", sagt der 54-Jährige.

Diese Eigenschaft ist nicht die schlechteste Voraussetzung für den Job als Model, den der sechsfache Familienvater seit sechs Jahren im Hauptberuf ausübt. Zülch ist vom Lehrer zum Model geworden. Mittlerweile haben ihn nicht nur seine ehemaligen Schüler auf Werbefotos gesehen. Die meisten Deutschen sind ihm schon einmal begegnet - in Anzeigen von VW etwa, im Katalog des Bekleidungsherstellers Engelbert Strauss, als Pilot in einer Kampagne der Frankfurter Fraport AG oder im aktuellen TV-Spot des Gebrauchtwagenhändlers WirkaufendeinAuto.de.

Erkennen tut Zülch indes kaum einer. Nicht einmal die Handwerker, mit denen er in der Altherrenfußballmannschaft des SG Bad Wildungen/Friedrichstein kickt, ahnen, dass ihr Mitspieler im Engelbert-Strauss-Katalog die Arbeitshose trug, in der sie nun Tag für Tag malochen. "Vielleicht liegt es daran, dass ich so ein Allerweltsgesicht habe", sagt Zülch, der natürlich weiß, dass er ziemlich gut aussieht.

Sein Beruf, zu dem er durch einen Zufall kam, ist so ungewöhnlich wie die Biografie des in Kassel aufgewachsenen Multitalents. Nach dem Sportstudium in Mainz schrieb er mit dem Kasseler Wissenschaftler Kuno Hottenrott Trainingsbücher. Beide zählten zu den ersten Triathleten der Region. Fünf Mal startete Zülch beim legendären Ironman auf Hawaii.

Für die Frankfurter Fraport AG spielte Martin Zülch einen Flugkapitän.

Mit seiner ersten Frau war er kurz davor, nach Australien auszuwandern. Er hatte Down Under schon eine Stelle als Schwimmtrainer in einem renommierten Verein, aus dem acht Olympiasieger hervorgegangen waren. Doch weil seine Frau Heimweh hatte, kehrte das Paar nach Deutschland zurück.

Hier arbeitete Zülch als Sporttherapeut und 15 Jahre lang als Pädagoge im Legastheniezentrum des CJD Oberurff im Kellerwald. Er war Landestrainer im Triathlon und entdeckte den Bad Wildunger Patrick Lange, der vor wenigen Monaten sensationell Dritter beim Ironman auf Hawaii wurde. Irgendwann fragte ihn eine ehemalige Freundin, die eine Model-Agentur in Frankfurt hat, ob er nicht vor die Kamera wolle.

Manchmal macht sich ein Sixpack doch bezahlt: Sauna-Gast Martin Zülch in einer Kampagne für ein Hotel in Österreich.

Zülch ließ Polaroid-Fotos von sich machen, wurde in die Kartei aufgenommen und hatte nach vier Monaten seine erste Kampagne für eine Bausparkasse. Am Anfang war das Modeln nicht mehr als ein Hobby mit "einem schönen Taschengeld", wie Zülch sagt. Vor sechs Jahren wechselte er dann komplett in den Beruf, für den es keinen Ausbildungsweg gibt.

Wenn man ihn fragt, was man eigentlich können muss als Model außer gut auszusehen, sagt er: "Gar nichts, nicht einmal gut aussehen. Man muss nur ein Typ sein und in verschiedene Rollen schlüpfen."

Zülch, der immer noch ein Sixpack hat und mittlerweile ergraute Schläfen, wird gern als Arzt gebucht. Als Best-Ager, wie die Werbeindustrie die Generation 50 plus nennt, ist er gut im Geschäft. Im Schnitt hat er einen Auftrag pro Woche. Das führt ihn auch schon mal zur Jungfernfahrt mit dem Luxus-Kreuzfahrtschiff MS Europa. Aber so viel Sicherheit wie der Beruf als Lehrer gibt ihm das Modeln nicht. Bei den Castings muss er sich gegen viele andere Konkurrenten und Schauspieler durchsetzen. Da hilft ihm sein durchtrainierter Körper nicht unbedingt: "Für manche Auftraggeber bin ich ein Hungerhaken. Bei denen wäre es nicht schlecht, wenn ich zehn Kilo mehr wiegen würde", sagt Zülch.

Arbeitskleidung kann auch schick sein: Sechs Jahre lang war Martin Zülch im Katalog von Engelbert Strauss zu sehen.

Dafür hat er nun noch mehr Freiheit als früher in der Schule: "Ich habe viel Zeit gegen noch mehr Zeit eingetauscht." Ein Karriere-Typ würde seinen Lebensrhythmus nicht lange aushalten, glaubt Zülch. Mit seiner kubanischen Freundin und seinen drei jüngeren Kindern lebt er nur wenige 100 Meter vom Helenenthal entfernt, einer Schlucht im Kellerwald, die für Läufer und Mountainbiker mindestens so schön ist wie ein Top-Model. Zülch hat auch mal überlegt, nach Hamburg oder Düsseldorf zu ziehen, wo die großen Agenturen zu Hause sind. "Aber in einer Stadt hätte ich keine vergleichbare Lebensqualität", glaubt der Ausdauersportler.

Bislang hat sein Leben immer wieder überraschende Wendungen für ihn parat gehabt. Nun ist er sich aber ziemlich sicher, dass er als Model in Rente gehen könnte. Angst vor dem Alter hat er nicht: "Produkte für Ältere kann man nicht mit 20-Jährigen bewerben. Irgendwann bin ich halt in einer Anzeige für einen Treppenlift zu sehen." Seine Karriere würde dann quasi von der Unterhose zum Treppenlift reichen. Eine Nachfolgerin gibt es bereits in der Familie: Seine älteste Tochter Wailea ist 24, lebt in Zürich, hat in Paris politische Beziehungen studiert, spricht fünf Sprachen - und modelt nebenbei.

Fotostrecke: Werbekampagnen mit dem Model Martin Zülch

Foto-Shooting in Österreich: Auch als Stand-up-Paddler macht Martin Zülch eine gute Figur. © nh
Arbeitskleidung kann auch schick sein: Sechs Jahre lang war Martin Zülch im Katalog von Engelbert Strauss zu sehen. © nh
Was wie Freizeit aussieht, ist das Ergebnis disziplinierter Arbeit: Martin Zülch in einer Hotel-Werbung.  © nh
Eigentlich fährt der Triathlet am liebsten Rad: Aber auch auf dem Motorrad in einer Kampagne für einen Hosenschneider ist Martin Zülch flott unterwegs. © nh
(c) Daniel Zangerl
Im Durchschnitt hat Martin Zülch einen Auftrag pro Woche: Da bleibt auch mal Zeit, einen Kaffee zu trinken.  © 

Sieben Model-Tipps von Martin Zülch

1. Vorsicht bei Model-Agenturen, die nichts umsonst machen wollen. "Eine seriöse Agentur", warnt Zülch, "verlangt für die ersten Bilder kein Geld."

2. Als Model muss man nicht unbedingt gut aussehen. "Man muss aber ein Typ sein und in Rollen schlüpfen können", sagt Zülch.

3. Ein Model ist auch ein Schauspieler. Wenn Zülch für eine Lidl-Werbung einen Heimwerker darstellen soll, versucht er sich, in diese Rolle hineinzuversetzen: "Wenn man denkt, man sei der Superstar, werden die Bilder niemals echt aussehen."

4. Ein schönes Lachen kommt immer aus den Augen. "Wenn das Lachen nur im Mund entsteht", weiß Zülch, "ist es eine Fratze."

5. Ein Model darf keine Scham haben. "Es hilft, extrovertiert zu sein", hat Zülch festgestellt.

6. Vergesst Heidi Klum. Die Topmodel-Show des Topmodels auf Pro 7 hat für Zülch mit der Realität kaum etwas zu tun, sondern ist nur Show.

7. Ein Model muss keine Angst vor dem Alter haben. "Produkte für Ältere können nicht mit 20-Jährigen beworben werden", sagt Zülch, der bislang in Kampagnen oft der Papa war und wohl bald der Opa sein wird.

ZUR PERSON: MARTIN ZÜLCH

Geboren:

am 8. Dezember 1962 in Stuttgart

Ausbildung:

Abitur an der Kasseler Herderschule, Studium der Sportwissenschaft in Mainz

Beruf:

Früher Lehrer, heute Model. Außerdem arbeitet er als Personal- und Business-Coach.

Privates:

Zülch war zweimal verheiratet und ist Vater von sechs Kindern im Alter von 24 bis 7 Jahren). Mit seiner Freundin, der Kubanerin Yurisbel Alfonso de la Cruz, wohnt er im Bad Wildunger Stadtteil Odershausen.

Sonstiges:

Zülch war Landestrainer des Hessischen Triathlon-Verbandes und erster Coach des aus Bad Wildungen stammenden Ironman-Profis Patrick Lange. Er ist immer noch aktiver Ausdauersportler.

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