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Antonio Motta legt oft Hunderte Kilometer zurück, um verlassene Plätz wie diesen zu finden.

Antonio Motta ist Paketzusteller und fotografiert verlassene Orte

Er sammelt vergessene Orte: Eine Tour mit dem Kasseler Urbexer Motti

Der Kasseler Paketzusteller Antonio Motta sitzt täglich am Steuer. Wenn er nicht arbeitet, sucht er im ganzen Land nach vergessenen Orten. Seine letzte Tour führte ihn bis nach Frankreich: In einem Stollen verrotten 30 Oldtimer.

Man müsse nur die Augen offenhalten, sagt der Kasseler Antonio Motta, der sich auf Facebook und Instagram "Motti" nennt. Dann stoße man überall auf verlorene Orte. In Zeitungen, auf Facebook. Man müsse nur die Hinweise verbinden – und den Mut haben, ihnen zu folgen. Motta ist 27 Jahre alt. Er raucht nicht, er trinkt nicht, er tanzt nicht. Stattdessen fährt er Auto. Oft Hunderte von Kilometern am Stück. Sein Ziel: eine vergessene Kutsche, eine verfallende Klinik oder eine Garage voller alter Autos. Motta bezeichnet sich selbst als „Urbexer“: Als Urban Explorer, also als einer, der verlassene Orte aufsucht und fotografiert.

Erst am vergangenen Wochenende ist Motta, wie fast immer gemeinsam mit seinem Kumpel Domenic Lehnart (24) alias Lost in Time Photography, ins Auto gestiegen und mal eben nach Frankreich gefahren – über 600 Kilometer am Stück. Motta kann das, er ist Paketfahrer bei DHL. Mal in Niestetal, mal in Kaufungen oder Lohfelden. „Lange Autofahrten stören mich nicht“, sagt er. Er sitzt fast jeden Tag am Steuer. Unter der Woche verteilt er Pakete, am Wochenende kommt er mit leeren Händen. Er will nichts da lassen, außer seiner Fußspuren. "Das Motto der Urbexer ist: Nimm nichts mit – außer deiner Bilder. Lass nichts da – außer deiner Fußspuren“, erklärt er.

Einer von etwa 30 Oldtimern unter der Erde: Antonio Motta hat in einem Stollen in Frankreich alte Autos fotografiert.

In den Medien hat er erfahren, dass ein Belgier im August 2016 in einem verlassenen Stollen 30 verrostete Oldtimer entdeckt hat. Sie könnten vor über 70 Jahren hier vor den deutschen Besatzern versteckt worden sein. Der Kasseler wollte die Autos unbedingt mit eigenen Augen sehen, sie mit der eigenen Kamera fotografieren. Doch da Urbexer die Koordinaten spannender Orte nur in seltenen Fällen herausgeben, um die Plätze vor Zerstörung zu schützen, musste Motta stundenlang recherchieren. Auf Google Earth suchte er die in Frage kommende Region Kilometer für Kilometer ab – und stieß schließlich auf einen winzigen silbernen Punkt. Dieser Punkt könnte ein Fahrzeug sein, das vor der Höhle abgestellt worden war. Also: Freund informieren, rein ins Auto und los.

Nach acht Stunden Fahrt kamen er und Lehnart tatsächlich an – und fanden den Stollen. „Wir standen vor einem verrosteten Tor, etwa drei Meter hoch. Aber wir fanden eine Lücke und konnten durchkrabbeln. Und dann haben wir die Autos gesehen." Fahrzeuge der Hersteller Citroën, Renault oder Peugeot, völlig verrostet und verfallen, die meisten von vor 1940. 

Die Oldtimer wurden vermutlich vor etwa 70 Jahren hier abgestellt.

Dagegen, dass sie im Zweiten Weltkrieg vor den Besatzern versteckt worden sind, sprechen allerdings die jüngeren Fahrzeuge, die ebenfalls hier verrotten. Ein Citroën Typ H etwa, der erst ab 1948 hergestellt wurde. „Da fragt man sich schon, wieso die Autos da stehen, was da passiert ist.“ 

Es sind diese Fragen, die Motta reizen. Die, auf die er keine Antwort findet. Wegen all der verlorenen Geschichten steigt er immer wieder ins Auto, auf der Suche nach ihnen fährt er bis nach Ost- und Süddeutschland, nach Tschechien, Luxemburg oder Belgien. Im Auto hört er laut Rockmusik. Wenn er ankommt, ist es ganz ruhig. „Die Ruhe, die diese Orte ausstrahlen, bringt mich runter.“

Auf ihrer Tour durch Frankreich haben Motta und Lehnart auch eine alte Garage gefunden, in der zahlreiche Autos aus den 1980er-Jahren verrosteten. Am liebsten hätte Motta sie da raus gefahren und wieder aufgemotzt – doch dafür war es längst zu spät. Er wird sich noch oft fragen, warum der Besitzer die Fahrzeuge hier hat stehen lassen. Wie es zu diesem Autofriedhof kommen konnte.

Alte Autos haben es Motta angetan. Die und schöne Architekturen. Das Treppenhaus einer alten Villa etwa geht Motta nicht mehr aus dem Kopf, das sieht er immer wieder vor seinem geistigen Auge. „Es ist wirklich schön. Da wäre ich am liebsten eingezogen.“

In einer alten Villa faszinierte Antonio Motta vor allem das schöne Treppenhaus.

Besonders eingebrannt hat sich bei ihm auch das Elternhaus von Anneliese Michel: Die Studentin starb 1976 nach 67 großen Exorzismen an Unterernährung. Ihre Geschichte wurde unter anderem in dem Film „Der Exorzismus der Emily Rose“ verfilmt. Als Motta erfuhr, dass das Haus noch immer steht, suchte er es gemeinsam mit Lehnart und fand es im unterfränkischen Klingenberg, gerade mal 250 Kilometer von Kassel entfernt. Im Jahr 2013 hat es hier gebrannt. „Deswegen sind meine Fotos so dunkel“, erklärt er. Sein Facebookalbum zu diesem Haus heißt „The Devil’s Bleeding Crown“ und zeigt verkohlte Türen, alte Kruzifixe, verstaubte Vasen und verbrannte Wände. Im Schrank stehen noch Einmachgläser, auf dem Holzbett liegen alte Zeitungen, im Schrank hängt ein rotes Kleid.

Auch das ehemalige Elternhaus von Anneliese Michel haben Antonio Motta und Domenic Lenhart besucht.

Nicht weit vom Michel-Haus entfernt machten die beiden Urbexer eine bizarre Zufallsentdeckung: Sie stießen auf ein verlassenes Bordell. „Ringsum standen Wohnwagen, in denen wahrscheinlich noch Betrieb herrschte“, erzählt er. Das Bordell war schon lange dicht. Trotzdem konnten die beiden Urbexer einfach reinspazieren. Sie entdeckten leere Betten, leuchtende Kunstblumen und eine stumme Musikanlage. Manchmal sei das schon gruselig, sagt Motta. Alleine oder in der Nacht würde er deswegen niemals ein verlassenes Haus betreten. Passiert ist ihm aber noch nichts, abgesehen von einer Begegnung im Keller einer alten Villa: Hier standen er und Lenhart plötzlich einem riesigen Dachs gegenüber. „Wir haben so geschrien! Und der Dachs auch! Dann sind alle drei weggerannt“, erzählt er und lacht. 

Ein altes Bordell war ein Zufallsfund der beiden Urbexer.

Ein anderes Mal seien ihnen aus einem der Wohnräume plötzlich zwei andere Urbexer entgegengekommen: „Die hatten allen Ernstes in dem Haus geschlafen!“

Der Orte-Sammler: Eine Tour mit dem Kasseler Urbexer Motti

In einem Stollen in Frankreich stehen etwa 30 verrostende Oldtimer. © Antonio Motta
Antonio Motta und Domenic Lenhart sind 600 Kilometer gefahren, um sie zu fotografieren. © Antonio Motta
Allein für die Hinfahrt brauchten sie acht Stunden. © Antonio Motta
Motta sagt, er habe auch das Elternhaus von Anneliese Michel, deren Geschichte im Film "Der Exorzismus der Emily Rose" verfilmt wurde, besucht. © Antonio Motta
Er fand hierin unter anderem Kruzifixe ... © Antonio Motta
... und alte Vasen. © Antonio Motti
Durch Zufall stieß er außerdem auf ein altes Bordell. © Antonio Motta
Die Inneneinrichtung war teilweise erhalten. © Antonio Motta
Sogar die Betten standen noch. © Antonio Motta
Die Räumlichkeiten waren allerdings bereits heruntergekommen. © Antonio Motta

Schlimm findet es Motta, wie schnell sich die verlorenen Orte verändern. Wenn er Bilder verschiedener Urbexer vergleicht, sieht er manchmal, dass aus einer alten Klinik die Gläser mit den Nieren verschwunden sind, oder dass die Bestuhlung einer Halle zerstört wurde. „Das ist traurig“, findet er. Er will nichts verändern, mit seinen Fotos versucht er die Orte festzuhalten. Auf Facebook wünscht er seinen über 4000 Fans damit einen schönen Morgen, einen guten Tag oder ein tolles Wochenende. „Erstmal Frühstück machen“, schreibt er beispielsweise. Und dann: „Ohje, die Küche sieht aus …“

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