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Lilli Jahn mit ihren Kindern Gerhard und Ilse.

Bestseller-Autor liest am 25. März in Immenhausen

Autor Doerry: Buch über Jüdin aus Immenhausen ist eine Mahnung

Mit dem Buch über seine Großmutter Lilli Jahn hat Martin Doerry die jüdische Ärztin und Immenhausen berühmt gemacht. Nun liest der "Spiegel"-Redakteur wieder im Reinhardswald - mit gemischten Gefühlen.

Martin Doerrys Buch über seine jüdische Großmutter Lilli Jahn, die in Immenhausen im Reinhardswald lebte, bewegt seit seinem Erscheinen vor 15 Jahren die Leser. Mit mehr als 500 Briefen dokumentierte der "Spiegel"-Redakteur in "Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944" das dramatische Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie während der NS-Herrschaft. 

Die aus Köln stammende Hausärztin arbeitete ab 1926 in Immenhausen. Als sich ihr protestantischer Ehemann, ebenfalls Mediziner, von ihr scheiden ließ, war sie den Nationalsozialisten endgültig schutzlos ausgeliefert. 1943 zog Jahn mit ihren fünf Kindern nach Kassel. Bald darauf kam sie ins Arbeitserziehungslager Breitenau, 1944 starb sie im KZ Auschwitz.

Das Buch wurde ein Bestseller. Für den Schriftsteller Martin Walser sind die dokumentierten Briefe gar "Sprachdenkmäler der Menschlichkeit". Nun kommt Doerry zum zweiten Mal zu einer Lesung nach Immenhausen. Am Samstag, 25. März, 15 Uhr, liest er in der Jahnturnhalle Immenhausen. Wir sprachen mit ihm.  

Lilli-Jahn-Straße in Immenhausen

Herr Doerry, das Leid Ihrer Großmutter durch die Nationalsozialisten nahm in Immenhausen seinen Anfang. Hier aus den ergreifenden Briefen zu lesen, bewegt Sie das mehr als an anderen Orten?

Martin Doerry: Ja, unbedingt. Meine Mutter Ilse ist in den dreißiger Jahren in Immenhausen aufgewachsen und hat dort die Diskriminierung ihrer Mutter, meiner Großmutter Lilli Jahn, hautnah miterleben müssen. Der Name der Stadt Immenhausen hatte deswegen in meiner Kindheit immer einen negativen Klang. Umso mehr hat es mich gefreut, dass diese Stadt sich in den vergangenen Jahrzehnten so intensiv um die Erinnerung an das Schicksal Lilli Jahns bemüht hat. Ich finde diese Erinnerungskultur geradezu vorbildlich. Und bei den Lesungen, die ich in der Region absolviert habe, war das Interesse der Zuhörer so groß wie in keiner anderen Region. Für mich ist es inzwischen jedes Mal ein sehr bewegender Moment, nach Immenhausen zurückzukehren.

Werden Sie das Wohnhaus Ihrer Großeltern noch einmal aufsuchen?

Doerry: Das habe ich diesmal nicht vor, ich war dort schon einige Male, unter anderem mit einem Filmteam der BBC, das einen Dokumentarfilm über Lilli Jahn gedreht hat. Wir haben sogar das Haus betreten dürfen und mit den heutigen Bewohnern reden können, die ausnehmend freundlich reagiert haben. Auch meine Mutter, die vor etwas mehr als einem Jahr verstarb, ist immer wieder an den Ort zurückgekehrt, obwohl das für sie auch sehr belastend war.

Das Schicksal Ihrer Großmutter ist besonders seit Ihrer ersten Immenhäuser Lesung im öffentlichen Bewusstsein der Stadt stark präsent. Was empfinden Sie bei einem Immenhausen-Besuch heute?

Doerry: Tatsächlich haben sich die Bürger von Immenhausen schon vor der Veröffentlichung meines Buches an Lilli Jahn erinnert. Die Lilli-Jahn-Schule existierte bereits, auch eine Straße war schon nach meiner Großmutter benannt. Aber diese Erinnerungen treten jetzt vielleicht noch deutlicher in Erscheinung. Ich komme jedenfalls sehr gerne nach Immenhausen. Traurig ist nur die damit verbundene Erinnerung an meine verstorbene Mutter und ihre gleichfalls verstorbene Schwester Johanna, die sich in ganz besonderer Weise um die Lilli-Jahn-Schule gekümmert und sie häufig besucht hatte.

Gerade auch vor dem Hintergrund Ihrer persönlichen Familiengeschichte, wie erleben Sie da den Rechtsruck in Deutschland und anderen Teilen Europas?

Doerry: Ich leide darunter wie viele andere Menschen auch. Die Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Aber wir müssen als Demokraten offenbar wieder viel entschiedener für unsere freiheitliche Gesellschaft und für ein tolerantes Europa kämpfen, um einen Rückfall in längst überwunden geglaubte Verhältnisse zu verhindern.

Was wollen Sie Ihren Zuhörern bei der Lesung in Immenhausen mitgeben?

Doerry: Mein Buch soll allen Menschen eine Mahnung sein. Wer das „Verwundete Herz“ liest, wird verstehen, wie wichtig Toleranz und Demokratie sind und wie menschenverachtend jede Form des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit ist. Die Botschaft ist ganz einfach. Ich hätte nie gedacht, dass sie noch einmal so wichtig werden würde.

Lesung: Samstag, 25. März (15 Uhr), Jahnturnhalle Immenhausen, Grebensteiner Straße 4. Karten für zwei Euro im Glasmuseum Immenhausen.

Autor Martin Doerry

Zur Person

Der promovierte Historiker, Autor und "Spiegel"-Redakteur Martin Doerry ist der Enkel von Dr. Lilli Jahn, Sohn ihrer Tochter Ilse (zweitältestes Kind des Ehepaars Jahn). Er wurde 1955 in Uelzen geboren, studierte Germanistik und Geschichte in Tübingen und Zürich. Doerry promovierte in Neuerer Geschichte. Seit 30 Jahren arbeitet er für das Hamburger Nachrichtenmagazin, 1998 bis 2014 war er stellvertretender Chefredakteur. 2002 brachte Doerry mit „Mein verwundetes Herz - Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 384 Seiten, 14,99 Euro) die Biografie seiner jüdischen Großmutter, der Ärztin Lilli Jahn, heraus. Es wurde in 19 Sprachen übersetzt. Doerry lebt mit seiner Ehefrau, einer Lehrerin, in Hamburg. Das Paar hat drei erwachsene Töchter. Die älteste Tochter arbeitet als Ärztin und folgt damit der Familientradition.

Autor

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