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Martin Luther

Luther aufs Maul schauen

Von Luther lernen: Der erste Satz muss ein Erdbeben sein

Paul-Josef Raues Kolumne „Luther aufs Maul schauen“ zeigt als vergnügliche Stilkunde, welche Lektionen wir von Luther lernen können – um verständlich zu schreiben. Heute: Der erste Satz.

„Dem Teufel ist an dem jungen Volk, es zu verderben, ganz und gar gelegen.“ Was für ein Anfang! Am 28. September ist es der erste Satz in Luthers „Christlichem Wegweiser für jeden Tag“, der sich auf eine nicht minder turbulente Bibelstelle in der Offenbarung bezieht:

„Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.“

Wie konnte man zu Luthers Zeiten die Menschen schneller einfangen als mit dem Teufel, der in den Köpfen spukte und größere Angst löste als heute Terror, IS und Klimakatastrophe zusammen?

Was Luther beherzigte, fasste der Hollywood-Produzent Samuel Goldwyn in eine Anweisung an seine Drehbuch-Schreiber zusammen: „Mit einem Erdbeben anfangen und langsam steigern.“ Es muss kein Erdbeben sein, aber Goldwyn wusste, dass man die Menschen gleich packen muss – ob im Film oder einem Roman oder einer Reportage.

Das proklamierten Luther und Goldwyn in Zeiten, als das Sehen und Lesen noch langsam ablief. Wer heute im Internet einen schwachen ersten Satz anbietet, hat gleich seine Leser verloren. Der erste Satz muss überraschen, neugierig machen, eben den Leser ansprechen wie es der Philosoph Rousseau tat: „Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“

Dichter und Journalisten folgten dem Beispiel Luthers:

  • „An einem Junimorgen des Jahres 1872 schlug ich meinen Vater tot – eine Tat, die damals tiefen Eindruck auf mich machte“ (Ambrose Bierce ganz im Sinne Luthers).
  • „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?“ (Johann Wolfgang von Goethes „Erlkönig“).
  • „In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön…“ („Der Froschkönig“ in der Sammlung der Brüder Grimm).

Luther lebte in an unruhigen und ängstlichen Zeiten, als das Wünschen nicht mehr geholfen hat: Wie konnte er die Leser in einem „Wegweiser“ besser einfangen als mit dem Hinweis auf ihr Schicksal! Und mit Bildern aus dem Alltag: 

„Ein Christ führt so ein schweres Leben, als ginge er auf einem schmalen Steg, ja auf eitel Schermessern.“

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